Luxusautos: In guten wie in schlechten Zeiten

Luxushersteller schwammen 2014 in Russland gegen den Trend: Im Land der Luxus-Liebhaber konnten sie ihren Absatz weiter steigern.

Luxushersteller schwammen 2014 in Russland gegen den Trend: Im Land der Luxus-Liebhaber konnten sie ihren Absatz weiter steigern.

AP
Russen lieben teure Autos. Daran ändert die Krise vorerst nur wenig – zunächst muss die Mittelklasse Federn lassen. Wie lange die Luxushersteller allerdings verschont bleiben, weiß niemand.

Thomas Sterzel ist wohl selten so herumgekommen in Russland wie im vergangenen Jahr. Perm, Jekaterinburg, Rostow am Don, Kasan – bei der Eröffnung der neuen Autohäuser in Russland wollte der Chef von Porsche Russland persönlich dabei sein. „Es war ein sehr produktives Jahr, in dem wir unsere Präsenz auf dem russischen Markt gestärkt haben“, erklärt der Manager. 

Die Zahlen geben Sterzel recht. Mehr als 4 700 Fahrzeuge konnte die Zuffenhausener Automobilschmiede in Russland verkaufen, das ist ein Plus von fast 25 Prozent. Werte, von denen die meisten Hersteller auf dem kriselnden russischen Markt nur träumen können. Doch Porsche schwimmt längst nicht allein gegen den Trend. Auch andere Luxushersteller haben ein erfolgreiches Jahr hingelegt. Mercedes-Benz erzielte im vergangenen Jahr ein Plus von elf Prozent und steigerte seinen Absatz auf 50 000 verkaufte Autos. In seinem Jahresbericht sprach der Konzern gar von einem Mercedes-Jahr in Russland. Die hauseigene Sport-Marke AMG konnte sogar um 50 Prozent auf 2 000 verkaufte Exemplare zulegen. Auch andere Luxusmarken wie Landrover, Infiniti oder Lexus schnitten überdurchschnittlich gut ab.

Wie aussagekräftig diese Zahlen derzeit sind, lässt sich allerdings schwer beurteilen. Schließlich hat der Dezember mit seinem rapiden Rubelverfall und einer regelrechten Kaufpanik die Verkaufsstatistiken durcheinandergewirbelt. Russland landete in einem regelrechten Preisvakuum, weil die Hersteller mit den Preiserhöhungen nicht hinterherkamen. „Nirgendwo auf der Welt gab es so günstige Preise für Luxusautos“, bemerkt Dmitri Baranow, Chef des Autohändlers Sportcar Center. Die Menschen erwarteten deutlich höhere Preise und rissen sich um vermeintlich günstige Autos.

Alte Liebe zu Luxuskarossen

Dass Russen, zumindest jene, die es sich leisten können, ein Faible für teure Wagen aus Deutschland oder Japan haben, ist kein Geheimnis. In den 1990er-Jahren hatte sich die S-Klasse von Mercedes in der Top-Variante S600 einen Ruf als das Gefährt für neureiche Russen schlechthin erarbeitet. Nach einem Bericht des deutschen Nachrichtenmagazins Focussollen in Moskau bis Mai 1993 angeblich mehr S-Klasse-Limousinen verkauft worden sein als 1992 in ganz Westeuropa. Die Marke BMW, im Jargon „Boomer“ genannt, erfreute sich dagegen großer Beliebtheit bei den schweren Jungs im Dunstkreis der S-Klasse-Besitzer. 

Nach der Jahrtausendwende stieg der Wohlstand. 2007 erreichte der Verkauf des Stuttgarter Top-Modells etwa 12 000 Stück pro Jahr. Wer herausstechen wollte, musste schon zur Luxusmarke Maybach greifen. Etwa 130 Stück gab es in Moskau vor der Weltwirtschaftskrise 2008, so viele wie nirgendwo sonst. Auch der Bestand von Bentleys konnte sich mit etwa 700 sehen lassen. Dabei sei die Kundenstruktur der Luxusmarken völlig anders als in Westeuropa gewesen, berichteten Händler westlicher Autokonzerne. Beispiels-
weise habe das durchschnittliche Alter mit 25 bis 45 Jahren deutlich niedriger als das der europäischen Kunden gelegen. 

Heute dominieren die günstigen Modelle von Lada oder Hyundai die Zulassungsstatistiken. Doch der Blick auf die Umsätze zeigt, dass Luxushersteller noch immer viel Geld verdienen. Mit etwa 4,1 Milliarden Euro landet Mercedes auf Platz zwei hinter Toyota. Gleich-
zeitig offenbart sich auch das Problem der Konzerne. Weil die Autos in Euro gerechnet billiger werden, sinken bei allen Herstellern die Umsätze. Doch auch hier kommt die Oberklasse glimpflich davon. Während der Umsatz von Opel und Volkswagen etwa um ein Viertel zurückgegangen ist, blieb das Minus bei Land Rover, Porsche oder Lexus im einstelligen Pro-
zentbereich.

Die Provinz liebt Lamborghini

Fast alle Experten sind überzeugt, dass sich das Premiumsegment auch weiterhin stabiler entwickeln wird als der übrige Markt. Die Hauptlast der Krise trügen die Mittelklasse-Hersteller, meint Wladimir Mozhenkov vom Branchenverband der russischen Autohändler ROAD. Demnach stiegen nur die wenigsten Käufer von Oberklassewagen auf billigere Markenum, während dies im unteren Mittelklasse-Segment gang und gäbe sei. 
Dahinter steckt eine einfache Lo-gik: Wer 90 000 Euro für ein Auto ausgibt – so viel betrug laut Autostat der durchschnittliche Kaufpreis eines Mercedes in Russland –, der kann meistens auch noch etwas tiefer in die Tasche greifen. Ähnlich sieht das auch Wjatscheslaw Subarew, Chef des Vertragshändlers von Porsche in Ka-san, Hauptstadt der Teilrepublik Tatarstan. „Derzeit ist die Nachfrage höher als das Angebot. Darüber hinaus leidet das Premiumsegment in Krisenzeiten am wenigsten. Die Nachfrage nach lu-
xuriösen Fahrzeugen entwickelt sich dynamisch“, sagte er bei der Eröffnung des neuen Autohauses in Kasan Ende Oktober. 

Im vergangenen Jahr hat Subarews Unternehmen auch das erste 
BMW-Autohaus in Kasan eröffnet. Denn Luxusautos sind längst nicht mehr nur in den beiden Metropolen Moskau und Sankt Petersburg beliebt. Zwar liegt die Hauptstadt Moskau nach wie vor beim Marktanteil des Premiumsegments von 25 Prozent ganz vorne. Doch insbesondere Pro-
vinzhauptstädte im Fernen Osten liegen dank hohen Gehältern nur knapp dahinter. Auch der Urlaubsort Sotschi sowie Krasnojarsk in Sibirien und Kaliningrad liegen relativ weit vorn. 

Erst kürzlich schwärmte der Chef von Lamborghini Moskau über die breite Geografie seiner Verkäufe. „Wir verzeichnen viele Verkäufe in den Regionen, weil es dort Menschen gibt, die Wert darauf legen, ein Auto zu haben, das es nur ein Mal in der Stadt gibt“, erklärte Sergej Mordwin. Im vergangenen Jahr habe man jedenfalls die Russland-Quote bei Lamborghini schon vor dem großen Rubelsturz im Dezember ausgeschöpft.

Russlands größte Autobauer