Die Revolution aus der Werkstatt

Showroom des Möbelherstellers Archpole in einer alten Lampenfabrik im Osten des Moskauer Stadtzentrums.

Showroom des Möbelherstellers Archpole in einer alten Lampenfabrik im Osten des Moskauer Stadtzentrums.

Ilija Nodija
Seit einigen Jahren wachsen in Russland Dutzende kleine Betriebe, die eigene Designs umsetzen. Die Gründer wollen nicht nur Geld verdienen, sondern auch das Land verändern.

Es begann mit einer Säge in der Küche von Konstantin Lagutin und Anna Sazhinova. Die beiden jungen Architekten hatten gerade ihr Studium hinter sich und verdienten ihr Geld mit Inneneinrichtungen. Doch schnell war klar, dass niemand ihre Ideen umsetzen konnte. Die Möbelhersteller hatten alle die gleiche Antwort: zu kompliziert, zu geringe Stückzahlen. Also setzten sie sich hin und sägten, bohrten und hämmerten sich ihre eigenen Einrichtungen zusammen. 

Irgendwann hatten die beiden begriffen: Einzelne Aufträge bringen sie nicht weiter, eine Serienproduktion musste her. „Russland ist ein Land voller Unvollkommenheiten“, philosophiert Lagutin. „Wenn du etwas Ordentliches machen willst, dann musst du es selber machen“. Heute arbeiten sie mit einem Team aus etwa 30 Leuten in der eigenen Möbelwerkstatt Archpole. In einer ehemaligen Lampenfabrik fertigen Arbeiter Stühle, Tische und Kommoden. Seine Kunden sieht Lagutin als Menschen aus der Mittelschicht, denen ihre Umgebung wichtig sei und von denen es immer mehr in Russland gebe. Zumal seine Produkte, verglichen mit den Preisen europäischer Designermöbel, mehr als konkurrenzfähig sind. 

Neue Designerwelle

Die beiden Möbeldesigner selbst sehen sich keinesfalls als Einzelkämpfer, sondern als Teil einer neuen Strömung, die Russland erfasst hat. „Als ich 2011 angefangen habe, gab es vielleicht ein Dutzend Namen, die man kannte”, erinnert sich Ksenia Nunis, Mitbegründerin von Depstore, einem Laden für Designergegenstände im hippen Moskauer Kaufhaus Tsvetnoy. Heute gebe es bedeutend mehr Auswahl und auch Ketten zeigten Interesse, insbesondere um Logistikkosten zu senken. „Das ist ein guter Trend, denn so bleiben nur jene am Markt, die den Druck der Einzelhändler aushalten können, große Umsätze und eine eigene Produktion benötigen“, erklärt Nunis. „Der Zeitpunkt, eine eigene Marke zu gründen, ist derzeit ideal“.

Als sie ihren Laden zunächst als Online-shop gründete, war eines der Ziele, russische Designer bekannter zu machen. Ein anderes, die Barriere zwischen westlichen und russischen Produkten verschwinden zu lassen. „Mir war klar, dass es Vorbehalte gegen Produkte ‚Made in Russia‘ gab, insbesondere aus Angst, geringe Qualität zu erhalten“, sagt die Ladenbesitzerin. Daher habe sie bewusst auch bekannte ausländische Marken als Konkurrenz zu den einheimischen im Angebot. Nur so werden sich einheimische Hersteller die Frage stellen, wie man am Ende gute Qualität zum vernünftigen Preis anbieten kann. Noch klagen Einzelhändler darüber, dass viele kleine Anbieter zwar gute Produkte herstellen, jedoch unprofessionell im Marketing sind und nicht einmal wissen, was Großhandelspreise sind.


Dem Team von Fuga-Russia kann man diesen Vorwurf nicht machen. Mit seinen Küchenaccessoires aus Eichenholz hat es der kleine Hersteller bereits in die Regale der Supermarktkette Globus Gourmet geschafft. Eine der Gründerinnen, Jana Osmanowa, hatte früher in verschiedenen Branchen des modernen Moskaus gearbeitet, etwa im Investment- und PR-Bereich. Dann keimte der Wunsch nach mehr. „Ich bin hier geboren. Mir ist nicht gleichgültig, was in meinem Umfeld passiert“, erklärt die Unternehmerin. Eine der Ideen sei gewesen, die Tradition der Manufakturen, die seit der Sowjetzeit darniederliegt, wieder aufleben zu lassen. Gleichzeitig sollte die Idee Geld bringen. 

So startete sie die Fertigung von Schneidebrettern aus Eichenholz. Russland ist schließlich reich an Holz und die Anfangsinvestitionen hielten sich in Grenzen. „Wie die meisten Gründer hatten wir das Problem, dass es keine Industrie gibt, die unsere Ideen umsetzen will. Gleichzeitig wollten wir keine lieblose Massenfertigung in China“, erklärt Osmanowa. Also baute Fuga eine eigene Werkstatt auf. Heute besteht das Team aus 15 Leuten. „Es war eine bewusste Entscheidung, in Russland zu produzieren. Auch wenn es schwieriger ist“. Das Geschäft gibt Osmanowa recht. Nach einem halben Jahr schreibt das Unternehmen schwarze Zahlen. 

Hobby zum Beruf

Die meisten Hersteller der neuen Welle waren anfangs weit weniger professionell und gewinnorientiert. In einer ehemaligen Schuhfabrik am Rande des Stadtzentrums von Sankt Petersburg hat Wladimir Grigoriev drei wohnzimmergroße Räume gemietet und lässt dort die verloren geglaubte Produktion wieder auferstehen. Seit 2009 gibt es seine Marke Afour. Doch angefangen hatte alles mit dem Wunsch, ein paar originelle Modelle für sich anzufertigen. „Die Mutter eines Freundes arbeitete als Schuhdesignerin, sie half bei der Umsetzung“, erinnert sich Grigoriev. Daraus ergab sich die Idee, eigene Modelle anzubieten, deren Farbe sich nach den Wünschen der Kunden richtet. 

Er engagierte einen Schuhmacher, der einmal pro Woche in die Werkstatt kam und Grigorievs Entwürfe umsetzte. Nebenbei verdiente Grigoriev auch Geld als Grafikdesigner. Die ersten Kunden waren vor allem Freunde und deren Freunde. Später kamen soziale Netzwerke und ein Onlineshop dazu. Dort können Kunden auch ihre eigenen Designs zusammenstellen. 

Heute fertigt Afour täglich etwa 20 Paar Schuhe. Bordeauxfarbene Brogues, braune Deserts oder gelb-schwarze Winterstiefel. Die meisten russischen Hersteller dagegen beschränken sich auf schwarze Einheitsmodelle. „Einige unserer Käufer glauben, wir würden unsere Schuhe aus England importieren“, lacht Andrei, der bei Afour für die Bestellungen zuständig ist. Um sicherzugehen, werden einige Modelle jetzt mit einem winzigen Russlandfähnchen versehen. „Wir sind zwar stolz darauf, dass wir vor Ort produzieren, ein zusätzliches Verkaufsargument ist das noch nicht“, erklärt Andrei. Trotzdem bleibt er zuversichtlich. Jedes Jahr habe Afour seine Produtkionszahlen verdoppelt. „Irgendwann werden wir auch unsere Rohstoffe in Russland einkaufen“, hofft Andrei. Derzeit beziehe man fast alles aus Resten europäischer Hersteller. 

Eine Vision ist es, die auch die Gründer von Archpole in Moskau antreibt. Das Geschäftsjahr lief so gut, dass sich die Architekten einen alten Bauernhof gekauft haben. Dort soll die Produktion aus Moskau hinwandern und auch die Inspiration für neue Desings herkommen.

„Wenn wir etwas bewegen wollen, brauchen wir eine große Produktion mit zehntausend Angestellten, statt ein paar Dutzend“, träumt Lagutin. Dann würden die LKW, die Güter nach Russland bringen, auch vollbeladen wieder zurückfahren, ist sich der Möbelmacher sicher. 
Er jedenfalls plane langfristig.

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