Flugverbot nach Ägypten: Der Pleitegeier kreist über den Reisebüros

Experten befürchten eine neue Pleitewelle unter Reiseveranstaltern.

Experten befürchten eine neue Pleitewelle unter Reiseveranstaltern.

AP
Eines der beliebtesten Reiseziele der Russen – Ägypten – ist für die Urlauber nach der Einstellung des Flugverkehrs tabu. Die Tourismusbranche rechnet bereits mit einem Verlust von mehr als 50 Millionen Euro.

Vergangene Woche verhing Russland ein Flugverbot nach und von Ägypten, dem beliebtesten Reiseland russischer Urlauber. Es war nach Angaben der russischen Tourismusbehörde Rostourism im vergangenen Jahr das Ziel jeder dritten Reise. Doch nach dem Flugzeugunglück über dem Sinai wurde die Entscheidung getroffen, alle in Ägypten verbliebenen Russen getrennt von ihrem Gepäck nach Hause zu bringen. Die Touristen fliegen mit denselben Airlines, mit denen sie nach Ägypten anreisten. Das Gepäck wird vom russischen Katastrophenschutzministerium zugestellt.

Verluste in Millionenhöhe

Russische Experten schätzen, dass sich momentan etwa 80 000 russische Touristen in Ägypten aufhalten. Um sie zurückzuholen, müssen Reiseveranstalter leere Maschinen aus Russland schicken. „Mit jedem freien Sitz verlieren wir die Hälfte des Flugpreises“, klagen Anna Podgornaja vom Reiseveranstalter Pegas Touristik und der Vorsitzende von Natali Tours Wladimir Worobjew. Bei einem durchschnittlichen Preis für Hin- und Rückflug in Höhe von 230 Euro pro Person verlieren die Reiseveranstalter etwa 9,3 Millionen Euro.

Dazu kommen Verluste durch ausgefallene Flüge. Nach Einschätzungen des Verbands der Reiseveranstalter Ator wurden bis Ende 2015 70 000 Reisen verkauft. Bei einem durchschnittlichen Kostenpreis von 750 Euro pro Person beträgt der Verlust für die Branche etwa 52 Millionen Euro.

Weitere potenzielle Verluste ergeben sich aus den Anzahlungen an ägyptische Hotels. Nach der Massenpleite von Reiseveranstaltern im vergangenen Jahr würden diese so gut wie von allen Hotelbetreibern gefordert, sagt Podgornaja. Nun müssten Reiseveranstalter mit den lokalen Partnern neu verhandeln und ihnen versprechen, dass die Zahl der Reisenden nach der Wiederherstellung des Luftverkehrs nicht sinkt.

Für Reiseveranstalter könne die Massenannullierung von Reisen ins beliebte Urlaubsziel der direkte Weg in den Ruin bedeuten, mahnt Irina Tjurina von der Russischen Touristenunion (RST). Ein Ausweg sei, den Kunden ein anderes Reiseziel anzubieten. Alternative Ziele seien die Türkei, Zypern und asiatische Länder wie etwa Thailand. Etwa 20 bis 30 Prozent der Kunden gingen darauf ein, sagt der stellvertretende Ministerpräsident Russlands, Arkadi Dworkowitsch.

Neben alternativen Reisezielen bieten die Veranstalter ihren Kunden an, den Urlaub zu verlegen und im Dezember oder im neuen Jahr eine andere Reise zu buchen. Falls diese teurer ausfällt, muss die Differenz vom Kunden gezahlt werden, falls billiger, wird die Differenz vom Veranstalter erstattet.

Urlauber sitzen fest

In den Moskauer Flughäfen Wnukowo und Domodedowo stehen Mitarbeiter des Katastrophenschutzministeriums an Informationsständen und helfen Reisenden, die aus Ägypten kommen. Die meisten benötigen Hilfe bei der Suche nach ihrem Gepäck.

„Als wir ins Flugzeug stiegen, wurden unsere Sachen in einen Transporter des Katastrophenschutzministeriums geladen“, erzählt Ewgeni aus Jakutsk. „Wie man sie wiederbekommt, hat man uns nicht gesagt. In zwei Tagen fliegen wir von Moskau nach Jakutsk. Wenn es nicht klappt, die Sachen abzuholen, werden wir wohl irgendeinen Antrag stellen. Ich hoffe, das Gepäck schafft es noch bis nach Hause.“

An den Flughäfen stehen auch viele Touristen, die die Reise ans Rote Meer noch vor sich hatten. „Einen Tag vor dem Flug sagte man uns, dass es am besten ist, zum Flughafen zu kommen und das Ticket abstempeln zu lassen. Der Stempel ist die Garantie, dass unser Flugticket nicht verfällt“, berichtet der Tourist Witali Jarowski. Statt nach Ägypten sollte es nun nach Thailand gehen: „Dort war aber schon alles ausgebucht. Die thailändischen Hotels konnten nicht alle aufnehmen, die nicht nach Ägypten geflogen sind. Außerdem sind die Preise wesentlich höher.“ Letztendlich habe ihm der Reiseveranstalter versprochen, die Kosten innerhalb von 30 Tagen zu erstatten.

Wie lange der Flugverkehr zwischen Russland und Ägypten noch eingestellt bleibt, ist nicht bekannt. Vizepremier Dworkowitsch sagte am Samstag, dass es sich höchstens um wenige Wochen handeln werde, so lange, bis die Flugsicherheit wiederhergestellt sei. Regierungschef Dmitrij Medwedjew erteilte indes am Sonntag den Auftrag, ein Programm zur Unterstützung der Reiseveranstalter auszuarbeiten.

Info

Nach dem Arabischen Frühling im Januar 2011 sprach das russische Außenministerium eine offizielle Reisewarnung nach Ägypten aus. Damals gab es zwei Monate lang Flugausfälle. Die Reisebranche musste Verluste von mehr als 185 Millionen Euro hinnehmen.

Verfasst nach Informationen von „RBC Daily“, „Wedomosti“, „Kommersant“.

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