Verboten, verschärft, vertagt: 
Ein Zerwürfnis mit Folgen

Alexej Malgawko/Ria Nowosti
Der Bruch zwischen Russland und der Türkei zieht horrende wirtschaftliche Kosten nach sich. Experten schätzen den gemeinsamen Schaden auf etwa 18 Milliarden Euro.

Tourismus

Gleich nach dem Abschuss des Kampfjets sprach das russische Außenministerium eine Reisewarnung für die Türkei aus, wenig später verhängte das russische Kabinett ein Verbot auf Charterflüge und auf den Verkauf von Urlaubsreisen in das Land. Zudem setzte Russland das Visafreiheitsabkommen aus. Linienflüge werden zwar nicht gestoppt, hinsichtlich der Sicherheit aber verstärkt überwacht. Bleiben die Sanktionen zudem in der Hauptsaison 2016 in Kraft, werden die Einschnitte wie für die türkische Riviera, so auch für die russischen Reiseveranstalter schmerzhaft sein. Neben Ägypten ist die Türkei das wichtigste Ziel russischer Auslandsurlauber: 3,3 Millionen Russen erholten sich dort 2014, um ein Viertel weniger waren es in diesem Jahr. Das entspricht rund einem Viertel des gesamten Absatzes russischer Reiseveranstalter. Zudem sind türkische Unternehmensgruppen direkt an großen russischen Reiseanbietern beteiligt – die OTI Holding etwa an Coral Travel, die Anex-Gruppe an der Moskauer Anex Tour. Auf rund 5,5 Milliarden Euro werden die Verluste auf türkischer Seite veranschlagt – in ihrer Anzahl wurden russische Urlauber nur von Deutschen übertroffen.

Türkische Importe

Ebenso gehörten Importverbote für Lebensmittel zu den ersten Reaktionen Russlands. Betroffen sind überwiegend Zitrusfrüchte und Tomaten. Bislang war die Türkei bei diesen Waren Russlands wichtigster Lieferant. Am gesamten russischen Lebensmittelimport hatte das Land einen Anteil von vier Prozent, rund 910 Millionen Euro. Zwei Drittel davon stellten mit rund 320 Millionen Euro die Tomaten, also 43 Prozent aller russischen Tomatenimporte. Im Wert von 358 Millionen Euro wurden Nüsse und Früchte eingeführt. Das russische Landwirtschaftsministerium plant die Ausfälle durch Importe aus Nordafrika und dem Nahen Osten zu ersetzen. Bei Bedarf – so heißt es von der Regierung – könne die Sanktionsliste ausgeweitet werden, entsprechende Einschränkungen auf türkische Lieferungen seien in Vorbereitung. Insgesamt beträgt 
der Handel über 5,45 Milliarden Euro. Fahrzeuge, Ausrüstung, Baustoffe, Textilien – für die Türkei ist Russland der sechstgrößte Exportmarkt. 2014 importierte das Land türkische Waren im Wert von rund 5,8 Milliarden Euro.

Foto: Gaia RussoFoto: Gaia Russo

Türkische Unternehmen

Auch die Aktivitäten türkischer Firmen in Russland werden mit Sanktionen belegt, vorrangig im Bausektor. Türkische Firmen erwirtschaften in Russland einen Umsatz von rund 4,5 Milliarden Euro – überwiegend mit dem Bau von Gewerbeimmobilien. Die marktgrößten sind Enka – zugleich ein bedeutender Immobilienentwickler in Moskau –, Renaissance Construction und Ant Yapi mit einigen Towern der Moscow City im Portfolio. In türkischer Hand sind zudem Bekleidungsketten, Baustoff- und Verpackungsfabriken. Anadolu Efes, der größte Bierbrauer der Türkei, betreibt in Russland sechs Fabriken und nimmt 13 Prozent des Marktes ein. Die russischen Tochterfirmen dieser Unternehmen werden ihre Tätigkeit in Russland zwar fortsetzen, müssen aber mit Res-triktionen rechnen: Baufirmen werden neue Projekte abstimmen müssen, die Quoten ihrer türkischen Mitarbeiter werden reduziert. 
56 000 erhielten eine Arbeitsgenehmigung im vergangenen Jahr.

Gemeinsames Investment

Auf Eis liegen vorerst große gemeinsame Investitionsprojekte: Russland setzte das Investitionsschutzabkommen aus, Verhandlungen über Handelserleichterungen sind abgebrochen. Nach Angaben der russischen Zentralbank betrugen russische Direktinvestitionen in die Türkei 2014 rund 4,8 Milliarden Euro. Die Türkei investierte in Russland 690 Millionen Euro. Die größten Projekte mit russischer Beteiligung: der Bau des AKW Akkuyu mit 20 Milliarden Euro, dessen Schicksal unklar bleibt, und die bereits gestoppte Turkish-Stream-Pipeline durch Gazprom mit zehn Milliarden Euro, die Übernahme der Denizbank durch die Sberbank für rund 3,2 Milliarden, die Übernahme des Mobilfunknetzbetreibers Turkcell durch die Alpha Group und die Çukurova Holding für 3,2 Milliarden Euro. Für Russland ist die Türkei mit 27,4 Kubikmetern Gas im Jahr 2014 der zweitgrößte Absatzmarkt nach Deutschland.

Zitiert:

Maja Lomidse, Geschäftsführende Direktorin des Verbands Russischer Reiseveranstalter:

Sollte das Verbot auf Charterflüge in die Türkei auch nach März 2016 fortbestehen, könnten die Verluste der Reiseveranstalter über 273 Millionen Euro betragen. Die meisten haben ihr Programm um Inlandsziele erweitert. Doch nur 15 bis 20 Prozent der Urlauber werden sich auf Russland umorientieren — zu wenig, um die Ausfälle Ägyptens und der Türkei mit 30 bis 40 Prozent der Kunden auszugleichen.

Sergei Gipsch, Senior-Partner bei der Immobiliengesellschaft knight Frank:

Für russische Bauherren waren türkische Firmen wegen ihres Preisleistungsverhältnisses attraktiv. Das sind große Unternehmen, mit Beteiligungen an Riesenprojekten. Ihr Bauvolumen erreicht eine Million Quadratmeter, es geht um viele Einkaufs- und Geschäftszentren, Tausende von Menschen. Wenn diese Firmen plötzlich verschwinden, werden Fristen nicht eingehalten, was sich auf die Immobilienpreise auswirken wird.

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