Fahrplan für die Zukunft: Russlands Strategie 2030

„Jedes Mal, wenn ich nach Moskau komme, frage ich mich, was all diese Menschen dort machen“, sagt Oleg Deripaska, dessen Unternehmungen sich vornehmlich auf Sibirien konzentrieren.

„Jedes Mal, wenn ich nach Moskau komme, frage ich mich, was all diese Menschen dort machen“, sagt Oleg Deripaska, dessen Unternehmungen sich vornehmlich auf Sibirien konzentrieren.

Artyom Korotayev/TASS
Vom 18. bis 20. Februar fand zum 13. Mal das Wirtschaftsforum in Krasnojarsk statt. Im Herzen Sibiriens wurde über die Zukunft der russischen Wirtschaft diskutiert. Wandel ist notwendig, meinen die Teilnehmer. Eine bedeutende Rolle könnte dabei die Landwirtschaft spielen.

Vom russischen System der Steuerverteilung aus den 2000er-Jahren profitierte bislang vor allem die Hauptstadt. Sie hat sich damit schneller entwickeln können als andere russische Städte. Die Wirtschaft in Moskau wuchs hauptsächlich im Dienstleistungssektor. Doch vor dem Hintergrund des schwächelnden Ölpreises und dem in der Folge sinkenden Bruttoinlandsprodukt scheint das Wachstumspotenzial in diesem Bereich erschöpft. Andere Sektoren müssen nun gestärkt werden.

Wie das gelingen könnte, wurde von Donnerstag bis Samstag auf dem Wirtschaftsforum in Krasnojarsk diskutiert. Dort wurde auch über die „Strategie 2030“ gesprochen, einem Fahrplan für die wirtschaftliche Entwicklung Russlands in den kommenden Jahren.

Oleg Deripaska, Eigentümer des weltweit größten Aluminiumunternehmens Rusal und mit einem von „Forbes“ auf rund 5,6 Milliarden Euro geschätzten Vermögen einer der reichsten Russen, hat seine eigenen Vorstellungen, wie die Zukunft Russlands gestaltet werden könnte: „Jedes Mal, wenn ich nach Moskau komme, frage ich mich, was all diese Menschen dort machen“, sagt Deripaska, dessen Unternehmungen sich vornehmlich auf Sibirien konzentrieren. Seine Idee: Moskaus Einwohner sollten auf andere Regionen verteilt werden.

Landwirtschaft statt IT

Im 18. Jahrhundert war die Landwirtschaft der stärkste Sektor des Landes. Im 19. und im 20.  Jahrhundert wurde sie jedoch zu einem Symbol der Rückständigkeit. Das enorme Wachstum der sowjetischen Wirtschaft zwischen 1920 und 1960 wurde mit der massiven Umsiedelung der Bevölkerung aus den Dörfern in die Städte erklärt. Heute könnte die Landwirtschaft erneut zu einem Wachstumsmotor werden und eine vergleichbare Bedeutung wie die IT erlangen.

Denn die nächste technologische Revolution wird nach Meinung von Zukunftsforschern im Bereich Ernährung stattfinden. Eine Neuausrichtung mit Konzentration auf die Landwirtschaft könnte Russland helfen, rechtzeitig unabhängiger von der Rohstoffwirtschaft zu werden. Russland ist das flächenmäßig größte Land der Welt und könnte führend in der Entwicklung von Agrartechnologien werden. Der stellvertretende Ministerpräsident der Russischen Föderation Arkadi Dworkowitsch sieht sein Land schon in einer neuen Führungsrolle: „Russland hält die Welt bereits warm. Russland könnte die Welt bald auch ernähren.“

Weniger Staat gefordert

Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Landes spielen die staatlichen Banken wie die Sberbank, die größte des Landes, und die VTB. Zudem wurde eigens für die Finanzierung von Infrastrukturprojekten die VEB gegründet. Diese drei Banken haben die Ausrichtung der Olympischen Winterspiele in Sotschi im Februar 2014 finanziert. Durch die gegen Russland gerichteten Sanktionen wurden sie von den westlichen Kapitalmärkten abgeschnitten.

Oleg Deripaska meint, es sollte noch mehr Großbanken in Russland geben, und zwar mindestens acht. Die Gründung, so schlägt er vor, sollten führende Geschäftsleute initiieren. In der Führungsetage dieser Banken sieht er Regierungsmitarbeiter, die infolge von Kürzungen im Staatshaushalt an ihrem bisherigen Arbeitsplatz nicht mehr eingesetzt werden können. Deripaska fordert zudem eine deutliche Reduzierung des staatlichen Einflusses. In den Bereichen Bildung und Gesellschaft sollten nichtkommerzielle Organisationen immer mehr Aufgaben übernehmen.  

Dieser Text basiert auf den Vorträgen des stellvertretenden russischen Ministerpräsidenten Arkadi Dworkowitsch, des Rektors der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst (Ranchigs) Wladimir Mau, von Rusal-Eigentümer Oleg Deripaska und des Schriftstellers Alexander Archangelski.

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