Gazprom akzeptiert erstmals EU-Spielregeln auf dem Energiemarkt

EPA
Der lettische Energieversorger Latvijas Gaze wird neu strukturiert, um den Forderungen des dritten EU-Energiepakets gerecht zu werden. Großaktionär Gazprom verkauft seine Anteile am Unternehmen, bleibt aber als Lieferant auf dem baltischen Markt präsent.

Das russische Energieunternehmen Gazprom wird seine Anteile in Höhe von 34 Prozent am lettischen Gasversorger Latvijas Gaze verkaufen. Der Grund für den Rückzug des russischen Energieriesen ist laut der russischen Wirtschaftszeitung „Kommersant“, dass Latvijas Gaze in zwei unabhängige Einheiten aufgespalten wird: Eine befasst sich mit Lagerung und Transport, die andere mit dem Verkauf.

Damit setzt Latvijas Gaze eine Forderung des dritten Energiepakets der Europäischen Union um, demzufolge Pipelinebetreiber nicht gleichzeitig auch Lieferanten sein dürfen. An dieser Forderung scheiterte zuletzt Ende 2014 das Pipelineprojekt South Stream. Über den South Stream sollte russisches Gas durch das Schwarze Meer nach Europa transportiert werden.  

Aussichtloser Kampf

Es ist nicht das erste Mal, dass der russische Gasmonopolist eine solche Konsequenz zieht, wie Beobachter erinnern. Bereits 2012 musste sich Gazprom auf Forderung der Europäischen Kommission aus dem litauischen Energieunternehmen Lietuvos dujos zurückziehen. Dort hielt Gazprom 37 Prozent der Anteile. Gegen die Entbündelung bei Lietuvos dujos hatte Gazprom bei der Kommission der Vereinten Nationen für internationales Handelsrecht zunächst geklagt, doch die Auseinandersetzung nicht fortgesetzt. Stattdessen verkaufte der russische Konzern seine Anteile für 164 Millionen US-Dollar.

Eine weitere gerichtliche Auseinandersetzung wäre vermutlich sehr kostenintensiv und auch ohne große Erfolgsaussichten, meint Dmitrij Ederman, Leiter des Thinktanks Thetatrading. „Gazprom wird diesen Fehler nicht noch einmal machen“, glaubt Ederman. Der damalige Prozess sei sehr „undurchsichtig“ gewesen.

Gazprom bleibt jedoch weiter auf dem baltischen Energiemarkt präsent – als Lieferant. Mitte März führte das Tochterunternehmen Gazprom Export, das für die Abwicklung des kompletten Auslandsgeschäfts verantwortlich ist, für das Baltikum die erste Gasversteigerung durch. 420 Millionen Kubikmeter wurden dabei verkauft, was etwa zehn Prozent der jährlichen Gaslieferungen in diese Region entspricht. Im Jahr 2015 lieferte Gazprom Export in die baltischen Staaten vier Milliarden Kubikmeter Gas.

Wie viel für das russische Gas gezahlt wurde, ist nicht bekannt. „Der Preis ist geheim. Doch nach den positiven Bemerkungen der Unternehmensvertreter zu urteilen, wurde wohl ein guter Preis erzielt“, sagt Alexej Kalatschew, Analyst bei Finam. Gazprom brauche keine Kontrolle über die Infrastruktur, um ein gutes Geschäft zu machen. Verluste drohten dem Unternehmen nach dem Rückzug aus Latvijas Gaze nicht, schätzt Kalatschew.

Neue Spielregeln

Gazprom ist offenbar bereit, sich den neuen Regeln auf dem europäischen Energiemarkt anzupassen. „Das dritte Energiepaket verändert die Spielregeln auf dem europäischen Gasmarkt. Es zielt darauf ab, die Monopolstellung einiger Akteure sowohl im gesamten Europa als auch in jedem einzelnen Staat der EU zu verhindern“, erklärt Alexej Kalatschew. Der russische Energieriese stehe vor der Wahl: Er könne entweder versuchen, diesen neuen Regeln zu trotzen und dagegen anzukämpfen, oder sie hinnehmen und sie zum eigenen Vorteil nutzen.

Zudem könne die Entscheidung des Energieunternehmens aus Russland die Entscheidung der EU-Kommission in Bezug auf das geplante Pipeline-Projekt „North Stream 2“ beeinflussen, meint Ilja Balakirew, Chefanalyst bei UFS IC. Die Gaspipeline mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmeter soll russisches Gas durch die Ostsee nach Deutschland transportieren. Nach der Fertigstellung des ersten von zwei neuen Strängen wird das Liefervolumen nach Deutschland um 50 Prozent auf 110 Milliarden Kubikmeter jährlich steigen.

Georgij Waschtschenko, Leiter der Verwaltung von Operationen auf dem russischen Fondsmarkt bei der Kapitalanlagegesellschaft Freedom Finance, meint, dass Gazprom letztlich gar nichts anderes übrigbleibe, als den Pipelinebetrieb in Europa Partnern zu überlassen: „Es ist nicht auszuschließen, dass der Kampf gegen Monopole weitergeführt wird.“ Daher müsse das Unternehmen seine Stellung als Gaslieferant weiter stärken.  

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