Oskar Hartmann: „Die Krise hat Russland zurechtgerückt“

Arseny Neskhodimov/Secret Firmy
Der russische Investor mit deutschen Wurzeln über Investitionen in der Krise und das Talent, Chancen zu erkennen.

Herr Hartmann, viele Unternehmer sagen, dass die Krise noch lange andauern wird und die Zeit nicht die beste für Investitionen ist. Sie sehen das offenbar anders.

Das ist leicht gesagt, aber schwer getan. Doch jedes Problem ist eine Chance. Ich habe 2013, als klar war, dass eine Krise kommt, mir angeschaut, was in den vergangenen 50 Jahren in anderen Ländern während Krisen passiert ist. Ich habe gesehen, welche Firmen gewachsen sind, welche Familien erfolgreich waren. 

Es gibt mehrere Segmente, die immer gut laufen. Zum Beispiel die Fixpreis-Läden. Ich habe bereits 100 solcher Geschäfte unter der Marke Zaodno in Russland aufgemacht. Das Zweite sind Gebrauchtwagen. Wir haben die Verkaufsplattform Carpice gegründet. Der Automarkt an sich fällt sehr stark, Gebrauchte dagegen sind gefragter denn je. Diese beiden Sachen laufen sehr gut.

Man kann natürlich leicht Gründe finden, nichts zu tun. In der aktuellen Krise sind in Russland etwa vier Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Aber gleichzeitig sind drei Millionen neue entstanden. Es gibt Menschen, die anders denken. Das heißt, dass es in Russland Tausende Menschen wie mich gibt, die trotz Krise investieren und etwas unternehmen, Arbeitsplätze schaffen.

Als Sie in Russland angefangen haben, gab es die erste große Krise. Das war im Jahr 2009. Wie war die Situation damals? 

Natürlich ist der größte Unterschied, dass die Krise damals eine globale war und die Situation heu-te sehr spezifisch ist. Dennoch halte ich in Russland „Krise“ für das falsche Wort. 

Ich glaube nämlich, dass es ab 
2008 viel einfacher für junge Unternehmer war, mit einem neuen Produkt in den Markt zu kommen, als in den Boomzeiten davor. Wenn alles gut läuft in Russland, dann braucht niemand niemanden. Die Entscheidungsträger sind nicht da, sie machen Urlaub in irgendeinem Resort. Nach 2008 waren plötzlich alle in ihren Moskauer Büros.Auf einmal waren die Augen und Ohren der Investoren und Unternehmer offen.

Ich habe 2009 beispielsweise zum Teil einfach 
E-Mails an „info@“-Adressen geschrieben und mir antworteten Generaldirektoren von Unternehmen. Das ist jetzt wieder ähnlich. Was ich sehe, ist, dass man unglaubliche Sachen machen kann, die nur möglich sind, wenn Menschen fokussiertsind. 

Deswegen sehe ich die Sache mit den Krisen so: Es gab keine normalen Zeiten und dann die Krise, vielmehr sind die Krisen für Russland das Normale. Als ich nach Russland kam, hatte das Land 
gerade mehrere Jahre am Stück ein Hyperwachstum erlebt. Man konnte recht schnell erkennen, dass das nicht normal war. Für mich begann nach 2009 die viel normalere Zeit. Als der Ölpreis bei 130 US-Dollar lag, hatten wir eine ungerechtfertigt hohe Kaufkraft. Jetzt wurde die Lage zurechtgerückt, sodass es wieder mehr auf die klassischen Tugenden eines Unternehmers ankommt.

Warum haben Sie sich entschieden, nach Russland zurückzukehren? Viele russische Unternehmer suchen Chancen im Ausland.

Meine Entscheidung hatte absolut niсhts mit der Wirtschaft zu tun. Meine Frau ist schwanger geworden. Dann sagten wir uns, dass wir irgendwo Wurzeln schlagen müssen. Wir dachten an Deutschland, Amerika und Russland. Ich konnte es mir bei meinem damaligen Arbeitgeber, der Boston Consulting Group, aussuchen. Wir haben unsere Fotos durchgeschaut und überlegt, wo wir am glücklichsten waren. 90 Prozent der fröhlichen Fotos stammen aus Moskau. Erst als wir angekommen sind, habe ich gesehen, dass es viele Sachen, die in der Welt gut funktionieren, in Russland gar nicht gibt. Nehmen Sie das Beispiel Kleinanzeigen von Ebay, die in Deutschland damals groß waren. 

Provokant formuliert schlüpften Sie in die Rolle des Einäugigen unter den Blinden. 

Im Prinzip ja. Es ist wichtig, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Ich habe an vielen Orten gelebt. Die wichtigste Frage ist: Warum gibt es in einem Land etwas nicht, was ich woanders gerne genutzt habe, sei es eine bestimmte Webseite oder ein Fitnessstudio? Als ich aus den USA nach Deutschland kam, war es genauso. Es gab, anders als in Amerika, kaum Onlineshops. Also habe ich 2000 einen gegründet. Er war sehr erfolgreich. Wenn ich jetzt nach Deutschland ziehen würde, hätte ich Ideen, die in Japan funktionieren und die es in Deutschland nicht gibt. Es gibt unzählige Bereiche. Gebrauchtwagenoptionen sind ein 100-Milliarden-Dollar-Markt in den USA, den es in Russland bis vor Kurzem noch nicht gab. Man muss wirklich kein Professor sein, um das zu erkennen.

Alle reden dennoch vom schlechten Investitionsklima in Russland. Wie würden Sie die Situation mit Deutschland vergleichen?

Natürlich ist bei allen Chancen in der Krise ein Wirtschaftswachstum besser. In einer schrumpfenden Wirtschaft gibt es, bildlich 
gesprochen, zehn interessante Investments, in einer wachsenden aber Millionen. Deutschland hat eine bessere Infrastruktur und taugt auch eher, um passive Investitionen zu tätigen. In Russland muss man sehr aktiv sein. 

Viele der Probleme werden wir überwinden. Ich bin mir sicher, dass Russland die Kapazität da
zu hat. Als Investor gewinnt man, wenn man sich von den ganzen Stereotypen abstrahiert und überlegt: Was passiert da eigentlich? Wie ist dort das Management, 
wie läuft Produktion in Russland und so fort? Wenn man keine Lust hat, sich mit Details zu beschäftigen, dann hat man hier nichts verloren.