Turkish Stream: Was bringt die neue Pipeline?

Die neue Pipeline soll zunächst den Energiehunger der Türkei befriedigen.

Die neue Pipeline soll zunächst den Energiehunger der Türkei befriedigen.

Reuters
Der russische Erdgasriese Gazprom hat sich mit der türkischen Seite über Erdgaslieferungen durch eine Pipeline auf dem Grund des Schwarzen Meeres geeinigt. Das neue Projekt könnte den Transit durch die Ukraine, die Republik Moldau, Rumänien und den Balkan ablösen.

Das türkische Unternehmen Botas hat sich verpflichtet, gemeinsam mit dem russischen Konzern Gazprom die Pipeline Turkish Stream zu bauen. Diese soll Erdgas auf dem Grund des Schwarzen Meeres aus Russland in die Türkei transportieren. Im Gegenzug erhält die Türkei einen Preisnachlass bei der eigenen Abnahme von Erdgas. Ein entsprechendes Abkommen wurde am 10. Oktober von den Energieministern Russlands und der Türkei, Alexander Nowik und Berat Albayrak, unterzeichnet, teilt die Wirtschaftszeitung „Kommersant“ mit. Laut der Meldung wurde die Kapazität der Erdgasleitung auf die Hälfe, also auf zwei Stränge, gekürzt und soll nunmehr nur noch 32 Milliarden Kubikmeter Erdgas befördern können. Der Preisnachlass für die Türkei wird durch das Abkommen nicht geregelt.

Ursprünglich hatte die russische Regierung geplant, eine Erdgasleitung von Russland nach Bulgarien zu bauen. Diese Pipeline, South Stream genannt, wäre ebenfalls auf dem Grund des Schwarzen Meeres verlaufen. Das Projekt stieß aber auf Widerstand bei der Europäischen Kommission. Laut dem Dritten Energiepaket der Europäischen Union kann eine Partei nicht gleichzeitig Erdgaslieferant und Eigentümer der Infrastruktur sein. Am Ende verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin im Dezember 2014, dass der Trassenverlauf der Erdgasleitung in Richtung Türkei verändert werde und das Projekt Turkish Stream getauft worden sei. Im Zuge der diplomatischen Krise nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch das türkische Militär war das Projekt jedoch zunächst auf Eis gelegt.

Was soll nun geschehen?

Wie aus dem Abkommen hervorgeht, ist einer der beiden Stränge der Pipeline für Erdgaslieferungen in die Türkei, der andere für Lieferungen auf den europäischen Markt bestimmt, erklärt Jurij Borowskij, Dozent des Lehrstuhls für internationale Beziehungen und Außenpolitik Russlands am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen. Es sei eine Art Konsenslösung, die alle zufriedenstelle. „Für Russland ist dieses Projekt von Vorteil und besonders wichtig, weil dadurch die Erdgaslieferungen nicht nur in die Türkei, sondern auch in die Europäische Union ausgebaut werden können“, glaubt Borowskij.

Gazprom plant, über den ersten Strang Erdgaslieferungen an die Türkei zu realisieren. Diese erfolgen bisher über die Transbalkan-Pipeline, die von Russland durch die Ukraine nach Bulgarien, Rumänien und in den Balkan verläuft. Wenn das neue Projekt in vollem Umfang realisiert werden sollte, werde dies ein groß angelegter Ersatz für den Transit durch die Ukraine sein, sagt Iwan Kapitonow, Dozent an der Hochschule für Unternehmensführung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst. In diesem Falle würde das Transportsystem der Ukraine auf einen Schlag 14 bis 15 Milliarden Kubikmeter Erdgas-Transit pro Jahr verlieren. Diese Menge wird bislang durch das Land an die Türkei ausgeliefert. „Gegenwärtig konzentrieren sich beide Seiten auf die erste Phase, das heißt den Bau von Strang 1 mit einer Kapazität von 16 Milliarden Kubikmetern“, sagt Georgij Wastschenko von der Investmentgesellschaft Freedom Finance. Die Realisierung der zweiten Phase des Projektes sei jedoch noch nicht abschließend beschlossen, und für die Umsetzung müssten Zusatzabkommen geschlossen werden.

Wer profitiert von Turkish Stream?

„Das Gesamtprojekt Turkish Stream lässt sich in zwei absolut unterschiedliche Teilprojekte untergliedern. Das erste zielt auf die Befriedigung des Erdgasbedarfs der West-Türkei ab. Gegenwärtig wird diese Region noch mit Erdgas aus der Ukraine-Pipeline versorgt“, erklärt Sergej Chestanow. Er ist Berater für makroökonomische Fragen des Generaldirektors von Otkrytije Broker. Die restlichen Stränge seien für die zukünftige Belieferung der Länder Westeuropas mit russischem Erdgas gedacht. „Aber gerade an diesem Teil des Projektes ist die Türkei nicht interessiert. Wenn am Ende ein Strang gebaut wird, so wird die Türkei von diesem Projekt profitieren“, sagt Chestanow.

„Mit der Realisierung des Projektes vergrößert Russland die Diversifizierung seiner Erdgas-Transitstrecken und erhöht seine Energiesicherheit“, glaubt hingegen Kapitonow. Allerdings sei die Rentabilität des Projektes noch offen. „Wesentlich aussichtsreicher ist das Projekt zur Erweiterung der Erdgasleitung Nord Stream auf dem Grund der Ostsee nach Deutschland“, sagt der Wissenschaftler. Im Rahmen dieses Projektes ist der Bau einer Erdgasleitung mit einer Kapazität von 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr geplant. Allerdings hat Projekt noch nicht den Segen der Europäischen Kommission erteilt bekommen.

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