Junge Mütter in Russland: Gründerin nach der Geburt

Mother carrying baby using technologies at table

Mother carrying baby using technologies at table

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Wer nach der Babypause zurück ins Berufsleben will, hat es in Russland oft schwer: Kaum ein Arbeitgeber stellt gern junge Mütter ein. Die Not macht viele Frauen selbst zu Unternehmerinnen.

Junge Mütter, die arbeiten wollen, haben manchmal keine Alternative. Foto: Getty ImagesJunge Mütter, die arbeiten wollen, haben manchmal keine Alternative. Foto: Getty Images

Das größte Problem junger Mütter in Russland sind die düsteren beruflichen Zukunftsaussichten nach der Elternzeit. Wie Aljona Wladimirskaja, Leiterin der Personalbeschaffungsagentur Pruffi, bemerkt, ist es für Frauen sehr schwer, nach der Geburt eines Kindes wieder Arbeit zu finden. „Die Firmen haben vor zwei Dingen Angst: dass die Kandidatin während der Babypause an Qualifikation eingebüßt haben könnte und dass die junge Mutter ständig wegen Krankheit des Kindes ausfällt“, erklärt Wladimirskaja.

Eben deshalb starten junge Mütter immer öfter eigene Unternehmen, statt eine Anstellung zu suchen. „Aufgrund der wenig erfreulichen Aussichten auf dem Arbeitsmarkt engagieren sich die jungen Frauen häufig in dem Bereich, der ihnen am vertrautesten ist. Und da sie ohnehin täglich mit Fragen der Erziehung und Gesundheit zu tun haben, fällt es ihnen leichter, ihre eigene Geschäftsidee genau in diesem Feld umzusetzen“, sagt Wladimirskaja.

Gleichzeitig, so unterstreicht die Personalexpertin, sei es nicht so leicht, ein erfolgreiches Start-up und die Familie unter einen Hut zu bringen. „Ein Start-up ist auch wie ein kleines Kind, das 24 Stunden am Tag die volle Aufmerksamkeit erfordert. Irgendwo muss man zurückstecken – entweder bei der Familie oder aber im Unternehmen. Als Mutter wird man wohl kaum sein Kind vernachlässigen, deshalb leidet häufig die Geschäftsidee“, sagt Aljona Wladimirskaja.

Allerdings könnten sich Gründerinnen Hilfe suchen, betont die Expertin. Zum Beispiel sei es möglich, Profis aus Bereichen anzuheuern, in denen die jungen Unternehmerinnen selbst nicht über genügend Kompetenzen verfügten. Das steigere die Erfolgschancen des Start-ups.

Jelena Partsalis, Gründerin von Orgamamser, einem Anbieter von kleinen Reisesets für Kinder:

Jelena Partsalis. / Bild aus dem persönlichen ArchivJelena Partsalis. / Bild aus dem persönlichen Archiv

„Das Projekt Orgamamser habe ich zusammen mit meiner Kollegin und Freundin Anna Swerdlowa ins Leben gerufen. Die Idee für ein Überraschungsset, das unter anderem Puzzles, kleine Bücher, Spielzeug, Knete und Glasperlen enthält, kam mir auf einer Reise mit meiner Tochter nach Thailand, als sie ständig das iPad verlangte und nicht schlafen wollte. Dabei kam mir meine Berufserfahrung als Psychologin zugute – neun Jahre hatte ich zuvor in einer Sonderschule gearbeitet. Die Idee der kommerziellen Umsetzung stammt von Anna. Zusammen haben wir die ersten fünf Orgamamser zusammengestellt. Die wurden uns förmlich aus den Händen gerissen, nachdem wir ein Foto mit der entsprechenden Beschreibung auf Instagram gepostet hatten.

Während des einen Jahres, das seitdem vergangen ist, haben wir den Verkauf auf 150 Sets pro Monat gesteigert und planen, im nächsten Jahr einen Umsatz von 2 000 Stück zu erreichen. Die Werbung schalten wir im Wesentlichen auf Social-Media-Plattformen. Außerdem testen wir unsere Produkte aufs Genaueste: Wir gestalten verschiedene Verpackungen, variieren den Inhalt und holen Feedback von den Kunden ein.

Bild: orgamamzer.ruBild: orgamamzer.ru

Und obwohl in den vergangenen Monaten gleich vier Wettbewerber auf dem Markt aufgetaucht sind, haben wir nicht vor, zurückzustecken. Im Gegenteil: Wir planen eine aktive Expansion, sowohl hinsichtlich unseres Vertriebsnetzes als auch in Bezug auf unsere Partner. Wir wollen auch in ausländische Märkte einsteigen, unter anderem in den USA, wo es erstaunlicherweise bisher kein vergleichbares Produkt gibt. In Russland bieten wir unsere Orgamamser bereits von Kaliningrad bis Kamtschatka an.“

Gulnas Sagitdinowa, Gründerin von QuantUM, einem Zentrum für mentale Arithmetik für Kleinkinder in Moskau:

Gulnas Sagitdinowa / Bild aus dem persönlichen ArchivGulnas Sagitdinowa / Bild aus dem persönlichen Archiv

„Bevor ich mein eigenes Projekt gestartet habe, war ich in einer Investmentgesellschaft tätig. Mit der Geburt meines Kindes war das Thema Entwicklung von Kindern höchst aktuell für mich. Zudem hatte ich schon immer ein besonderes Verhältnis zur Mathematik. Als ich von der mentalen Arithmetik erfuhr, die die Intelligenz mithilfe von Rechenaufgaben fördert, beschloss ich, mich näher damit zu befassen.

Ich begann mit einer Ausbildung, die ich als international zertifizierte Trainerin abschloss. Fast zwei Jahre dauerten die Vorbereitung und die Ausarbeitung des Ausbildungsprogramms. Vor einem Jahr gingen wir mit QuantUM an den Start. Seitdem ist die Zahl der Kinder, die wir unterrichten, auf das Zehnfache gestiegen. Wir haben das Projekt ausschließlich mit eigenen Mitteln finanziert, die Werbung erfolgt über die sozialen Netzwerke. Außerdem hat uns die Mundpropaganda sehr geholfen.

Bild: quant-um.ruBild: quant-um.ru

Die Eröffnung des Zentrums war mit zwei großen Herausforderungen verbunden. Zum einen war da die Vielfalt an Aufgaben, die völlig verschiedene Kompetenzen erforderten – ich war zugleich Juristin, Marketingexpertin und Personalverantwortliche. Zum anderen musste ich das Unternehmen so managen, dass es keine zu große Belastung für meine Familie wurde. Für letztere habe ich seit dem Projekt weniger Zeit zur Verfügung.“

Demfira Grischina, Gründerin von MamKompanija, einem Familienzentrum in Tula:

Demfira Grischina / Bild aus dem persönlichen ArchivDemfira Grischina / Bild aus dem persönlichen Archiv

„Vor der Geburt meines Kindes arbeitete ich als Journalistin beim lokalen Fernsehsender und danach in einer Onlineredaktion. MamKompanija entstand einfach aus der Notwendigkeit heraus, die Freizeit für mein Kind und mich zu gestalten. Die Idee kam mir vor acht Jahren zusammen mit drei Freundinnen – am Ende stand das Familienzentrum MamKompanija mit Angeboten für Schwangere und Kinder von null bis sieben Jahren.

Wir bauten es mit dem Geld auf, das wir durch die Organisation von großen Familienveranstaltungen, mit denen wir uns nebenbei immer noch beschäftigen, verdienten. Das war und ist unsere Haupteinnahmequelle, weil wir bei MamKompanija vieles umsonst oder zum Selbstkostenpreis anbieten.

Bild: mamcompany.ruBild: mamcompany.ru

Die Krise wirkt sich unterschiedlich auf das Familienzentrum aus: Einerseits müssen wir einen Fortgang unserer Kunden miterleben – die Eltern. Einige sind gezwungen, wieder zu arbeiten und kommen deshalb nicht mehr zu uns. Sie melden ihre Kinder stattdessen bei Onlinekursen an. Andererseits passen wir uns der neuen Situation an: Wir haben neue Kurse im Angebot und richten das Programm an der Nachfrage aus. Zum Beispiel setzen wir jetzt verstärkt auf Wettbewerbe, wie die ‚Olympiade der Krabbelkinder‘. In diesem Jahr wird dieser Wettbewerb für Kleinkinder von null bis 24 Monaten gleich in sechs Städten Russlands ausgetragen, unter anderem natürlich in Tula.“

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