Arbeit in Russland: Warum Russen kein Grundeinkommen brauchen

Vitaliy Ankov/RIA Novosti
Selbst wenn sie genug Geld zum Leben hätten, würden die meisten Russen sich nicht auf die faule Haut legen. Für sie hieße es auch dann: weiterarbeiten – und zwar in ihrem alten Job. Offenbar sind die Menschen in Russland mit ihrer Arbeit und ihrem Arbeitgeber so glücklich, dass kein Grundeinkommen der Welt sie scheiden könnte. Aber stimmt das wirklich?

„Wenn Sie die Möglichkeit hätten, bis an ihr Lebensende in auskömmlichen Verhältnissen zu leben ohne erwerbstätig zu sein, würden Sie dann weiterarbeiten?“ Diese Frage stellte das Allrussische Meinungsforschungszentrum Russen in seiner jüngsten Umfrage zum bedingungslosen Grundeinkommen.

Das Ergebnis: Mehr als drei Viertel der Befragten, immerhin 79 Prozent, würden weiter Geld verdienen wollen. Im Großen und Ganzen deckt sich diese Zahl mit den Werten, die in anderen europäischen Ländern ermittelt wurden. Doch: 60 Prozent der Russen gaben auch an, dass sie nicht nur einfach weiterarbeiten würden, sondern auch in ihrem alten Job blieben.

Natürlich könnte man vermuten, dass Geld für Russen nicht der größte Anreiz zur Arbeit sei. Aus derselben Umfrage geht aber hervor, dass es sich umgekehrt verhält: Das Einkommen – nicht die Selbstverwirklichung und nicht der gesellschaftliche Status etwa – ist für die russischen Bürger der größte Ansporn, arbeiten zu gehen.

Geld regiert die Arbeitswelt

Die meisten Russen sähen keinen Zusammenhang zwischen guter, ehrlicher Arbeit und ausreichendem Einkommen, sagen Soziologen. Wenn Arbeit also Freude und Erfüllung bringt, bietet sie kein Geld. So könnte man diese Einstellung auf den Punkt bringen. „Arbeit ist ein Mittel zum Erwerb und Überleben, nicht zum Wohlstand. Selbstverwirklichung ist zweitrangig. Die größte Motivation ist für die meisten nicht die Substanz ihrer Arbeit, sondern das Gehalt und die Struktur“, kommentiert die Soziologin Julia Baskakowa die aktuelle Umfrage. „Die meisten Erwerbstätigen wünschen ihren Kindern keine Karriere im selben Bereich“, betont die Expertin zudem.

Das Einkommen stehe für Menschen in Russland tatsächlich an erster Stelle, sagt auch Wladimir Magun. Der Soziologe leitet unter anderem die Abteilung zur vergleichenden Forschung des Massenbewusstseins an der Higher School of Economics. Darin würden sich Russen von den Menschen in anderen europäischen Ländern grundsätzlich unterscheiden. Denn für andere Europäer stünden Arbeitsplatzsicherheit und Interesse an der Arbeit auf der Prioritätenliste oben.

Dies hänge mit der Besonderheit des russischen Arbeitsmarktes zusammen, sagt der Forscher gegenüber RBTH. In Russland würden in Krisenzeiten nicht die Arbeitsplätze sondern die Löhne gekürzt: „Das sieht dann so aus, dass Menschen weniger kaufen und Unternehmen weniger produzieren, die Arbeitnehmer aber in den Firmen bleiben. Wie ist das möglich? Nur durch massive Lohnkürzungen.“ Ein Verlust des Arbeitsplatzes sei hingegen deutlich unwahrscheinlicher als Lohneinbußen. Das Modell habe sich mit der Einführung der Marktwirtschaft und den Reformen der 1990er-Jahre etabliert. „In der langen postsowjetischen Periode haben sich sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer daran gewöhnt. Deshalb ergibt es schon Sinn, dem Einkommen die größte Bedeutung beizumessen“, erklärt der Experte. In Europa sei dies anders: Lohn sei unantastbar. Bei Marktschwankungen würden die Menschen einfach entlassen. Das Gehalt stark zu kürzen oder bei Unternehmenserfolg anzuheben, sei hingegen nicht ohne weiteres möglich.

Arbeitslosigkeit ist gefürchtet

Das Ergebnis der Umfrage wird von anderen Experten allerdings kritisch gesehen. Seit Ende der 1990er beteiligt sich Russland am internationalen Umfrageprogramm ISSP. Die Sozialforscher dieses Projektes haben ermittelt, dass nur 40 Prozent aller Russen weiterarbeiten würden, wenn ihr Lebensunterhalt auch ohne Arbeit gesichert wäre. Dies entspricht schon eher der Einstellung „brauchst du kein Geld, musst du nicht arbeiten“. Dieser Umfragewert ist übrigens einer der niedrigsten im ISSP-Ranking: Hier steht Russland auf gleicher Stufe mit anderen ehemaligen Ostblock-Staaten wie Bulgarien, Tschechien oder Slowenien. Zum Vergleich: In der Schweiz würden 80 Prozent der Bürger ohne Geldanreiz weiterarbeiten, in den USA wären es 65 bis 70 Prozent, in Frankreich etwas mehr als 50, in Deutschland 65 Prozent in den alten und 75 Prozent in den neuen Bundesländern.

Dennoch kann man festhalten: Insgesamt neigen Russen dazu, an ihrem Job festzuhalten, selbst wenn dieser nicht das erwünschte Einkommen bringt.

Die Ursachen dafür erklärt der Soziologe Magun so: „Zwar ist die Arbeitslosigkeit in Russland nur gering, doch haben viele trotzdem Angst davor“, sagt er. Laut offizieller Statistik waren Ende letzten Jahres 4,3 Millionen Russen ohne Arbeit – 5,6 Prozent der Bevölkerung. Die Angst könne damit begründet sein, dass man von der Arbeitslosenhilfe in Russland nicht leben kann. Diese beträgt offiziell zwischen 13 und 75 Euro im Monat. Teils liege die Angst aber auch an der gesellschaftlichen Stellung eines Arbeitslosen, die Unruhe und Sorgen auslöst und jedwede Aktivität im Keim erstickt.

Ein anderer triftiger Grund, ohne Veränderung weiterzuarbeiten, ist die weitverbreitete Meinung, dass Beziehungen, Glück und äußere Umstände entscheidend seien – aber keinesfalls eigenes Handeln. Laut der Umfrage beschweren sich in Russland vor allem Frauen und Geringverdiener, dass sie nicht mehr verdienen würden, selbst wenn sie mehr und besser arbeiteten.

 

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