Kampf gegen die Ölpest: Russische Forscher auf Rettungsmission

Die neue Technologie kann Gewässer zwar nicht in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen, die Ölverschmutzung jedoch in den allermeisten Fällen deutlich reduzieren.

Die neue Technologie kann Gewässer zwar nicht in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen, die Ölverschmutzung jedoch in den allermeisten Fällen deutlich reduzieren.

Lori / Legion-Media
Mittels einer neuen Technologie kann die Ölverschmutzung im Ökosystem See um das 35- bis 40-Fache beseitigt werden. Die Methode wurde von russischen Forschern der Staatlichen Universität Tomsk entwickelt. Einen ersten Erfolg können sie bereits verbuchen: den Hechtsee.

Die wohl größte Katastrophe für Gewässer, in denen Erdöl gewonnen wird, sind beschädigte Pipelines. So geschehen im Jahr 1994: Der Hechtsee (Russisch: Schtschutschje-See) in der russischen Republik Komi wurde infolge der sogenannten Usinsk-Katastrophe stark verschmutzt, als aus einer maroden Pipeline mehr als 100 000 Tonnen Öl ausliefen. Die Ölpest erhielt als schlimmste Umweltkatastrophe sogar einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde.

In Fällen wie diesen werden verpestete Seen meistens entweder durch Ausgrabung des Seegrunds oder mithilfe von Erdöl abbauenden Bakterien gereinigt. Allerdings sind beide Methoden aufwändig und kostspielig. Forscher der Staatlichen Universität Tomsk haben eine einfache und günstigere Technologie entwickelt, die Erdöl vom Seegrund an die Oberfläche befördern und bergen soll – und das ganzjährig.

„Das Öl tötet Lebewesen und verursacht Entwicklungsanomalien bei Fischen. Unsere Technologie kann Gewässer zwar nicht in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen, die Ölverschmutzung jedoch in den allermeisten Fällen deutlich reduzieren“, erzählt der Biologe Daniil Worobjow. Auf diese Weise haben die Forscher den Hechtsee von bislang 157 Tonnen Öl befreit.

Die Lösung: ein Luftstrahl

Die Technologie erfordert keinen Einsatz von Chemikalien. Ein schwerer Schlauch wird zum Seegrund hinabgeführt, durch den Luft an die Ölflecken drängt. Das Öl gelangt mittels Luftbläschen an die Oberfläche, wo es in speziellen Becken mit Sorptionsmittel gesammelt wird. Nach dem Durchlauf aller Reinigungsstufen sinkt der Schadstoffgehalt unter die zulässigen Werte. Ein spezielles Messgerät prüft mögliche weitere Lecks.

Die in Tomsk entwickelte Technologie eignet sich für Seen mit Stein-, Lehm- oder Sandgrund. Wie die Forscher betonen, könne nicht nur der Seegrund, sondern das gesamte Wasser mit dieser Methode gereinigt werden. Weder Wassertiefe noch der Zeitpunkt des Ölaustritts spielten dabei eine Rolle.

Säuberung unter der Eisschicht

Auch im Winter funktioniert die Technologie. Bislang gab es keine Methode, um zugefrorene Seen von einer Ölverschmutzung zu befreien. Die Biologen aus Sibirien haben dieses Problem gelöst.

In die Eisschicht werden Führungskanäle gebohrt. Wie sonst auch werden über die Führungskanäle Schläuche zum Seegrund geleitet und das Öl mittels Luftstrahlen an die Seeoberfläche befördert. Das Öl steigt durch die Führungskanäle zu einer Ölsammelanlage auf. Über der Sammelanlage wird eine mobile Halle aufgebaut, die mit Heizkanonen geheizt wird. Dort wird das Erdöl abgepumpt. Somit können Seen ganzjährig gereinigt werden, selbst bei minus 50 Grad Celsius Außentemperatur, versprechen die Forscher.

Für die Biologen ist der Winter sogar der bessere Zeitpunkt für eine Säuberungsaktion, denn Vegetationsprozesse werden wegen der Eisschicht verlangsamt oder unterbrochen. „Im Frühling und im Sommer pflanzen sich die meisten Fischarten fort, deswegen ist der Winter der optimale Zeitpunkt für Reinigungsarbeiten“, führt Worobjow aus.

Der Feldversuch zur Beseitigung der Ölverschmutzung im Hechtsee ist gelungen. Die Entwicklungsanomalien bei Fischen sind um bis zu 98 Prozent zurückgegangen, und im See tummelt sich nun wieder Leben: Muscheltiere, Krebstiere und andere Seebewohner nennen das Gewässer ihr zu Hause.

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