Wladimir Achmedow: „Syrien dient als Kräfteprojektion auf den Nahen Osten“

Reuters
Der Historiker Wladimir Achmedow war als Diplomat in Syrien und Saudi-Arabien tätig. Im Interview mit Gazeta.ru spricht er über die Ursachen des Konflikts in Syrien, mögliche Lösungen und die Rolle Russlands.

Gazeta.ru: Einige Beobachter meinen, bei den Ereignissen in Syrien spiele gar nicht Russland, sondern der Iran die zentrale Rolle. Würden Sie dem zustimmen?

Wladimir Achmedow: Der Iran ist vom ersten Tag an in die Ereignisse in Syrien involviert gewesen, versteht die Situation sehr gut, unterstützt die syrische Regierung wirtschaftlich: Viel Geld wird dort eingesetzt. Die Iraner haben ein Interesse daran, dass eine iranische Gaspipeline über syrisches Gebiet verläuft – anstelle einer Leitung aus Katar. Dies wird häufig als Ursache für den Ausbruch des Konflikts angeführt.

Große Bedeutung bei den Vorgängen in Syrien kommt auch der Konkurrenz zwischen dem Iran und Saudi-Arabien im globalen Maßstab zu: Beide Länder sehen sich an der Spitze der muslimischen Welt. Der Iran unterstützt gezielt die schiitischen Gemeinden in den kleineren Monarchien des Persischen Golfs. Und diese sind in Regionen gelegen, wo Schiiten recht kompakt und in großer Anzahl leben. In Saudi-Arabien leben die Schiiten im östlichen Teil des Landes. Dort befinden sich die Öllagerstätten, was bei der Staatsführung für ständiges Unbehagen sorgt.

Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen dafür, dass die Situation in Syrien außer Kontrolle geriet und in einen blutigen Bürgerkrieg ausgeartet ist?

Das Staatsgefüge, das der Ex-Präsident Hafiz al-Assad konstruiert und seinem Sohn Baschar vererbt hat, war stabil – unter den Bedingungen, die in der Region vor dem Ausbruch des Arabischen Frühlings herrschten. Syrien war das letzte Land, in dem die Revolution hätte stattfinden sollen, doch es war darauf gänzlich unvorbereitet: Weder die Machthaber noch das Volk – überhaupt niemand – hat sich darauf eingestellt. Das System funktionierte recht gut und hatte seine Berechtigung, später kam es zu Ausfällen. Dabei hat die Staatsführung noch vor dem Einsetzen revolutionärer Ereignisse – vom Standpunkt der Macht aus betrachtet – zahlreiche Fehler gemacht, im konfessionellen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich.

Baschar al-Assad hat das System der Checks and Balances gestört, welches Hafiz al-Assad sehr fein justierte und steuern konnte. Er enttäuschte die Erwartungen vieler Sunniten und überließ die Führung in der Krisensituation alawitischen Militärs. Und Organisationen, in denen zahlreiche Sunniten vertreten waren – zivilgesellschaftliche Parteien, Gewerkschaften – waren mit einem Mal weg vom Fenster. Erstmals in der Geschichte Syriens hatte eine Minderheit das Ruder in der Hand, weil keine Sunniten an der Macht standen. Für Syrien war das eine sehr außergewöhnliche Situation.

Warum wurde den Sunniten unter Baschar al-Assad die Kontrolle entzogen?

2004 fand in Syrien ein massiver Wechsel an der Spitze der Geheimdienste statt. Auch in der Armee gab es eine gründliche Säuberung. Danach installierte Baschar al-Assad auf den wichtigsten Posten die Vertreter seines Klans. Das war ein Fehler. Mit dem Beginn revolutionärer Ereignisse 2011 war es schwierig dem Prozess entgegenzuwirken, weil es sich dabei um eigene Leute handelte – um alawitische Verwandte, auf die er keinen Einfluss nehmen wollte.

In ähnlichen Krisensituationen ging Hafiz al-Assad seiner Zeit hart mit Repressionen gegen die Mitglieder seiner eigenen Familie vor. Ich denke, es hätte gar keine Revolution gegeben, wäre al-Assad senior noch an der Macht. Oder die Revolution wäre im Keim erstickt worden, wie es beim syrischen Aufstand der Muslimbrüder 1982 der Fall war.

Wie könnte Ihrer Meinung nach eine politische Lösung des Konflikts in Syrien aussehen?

Momentan dient Syrien uns als eine Kraftprojektion auf den gesamten Nahen Osten. Im schlimmsten Fall werden wir die Region Latakia und Tartus massiv verstärken und dort schweren Schutz für unseren Stützpunkt aufstellen. Präsident Putin verwendete erstmals das Wort „Stützpunkt“ – vorher hieß das „materiell-technische Versorgungsstelle“.

Die zentrale Frage aber ist, wie lange wir dort durchhalten wollen. Denn wenn wir uns dort festsetzen, werden ständig Selbstmordattentäter dorthin geschickt. Um eine derartige Entwicklung nicht zuzulassen, versuchen wir das Problem auf politischem Wege zu lösen. Ohne die Amerikaner wird das nicht gehen.

Kann der IS in Syrien besiegt werden?

Das halte ich für möglich. Denn alles, was heute IS heißt, sind Banden, die aus Splittergruppen bestehen. Und die haben in Syrien keine Zukunft, weil die Mehrheit der Bevölkerung kraft ihrer Gesellschaftsstruktur diese Vereinigungen ablehnt. Sobald der IS seine Unterstützungsgrundlage in Syrien verliert, werden diese Leute in alle Himmelsrichtungen auseinanderlaufen.

Wladimir AchmedowWladimir Achmedow ist leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Gesamtfragen des Nahen Ostens der Gegenwart des Instituts für Orientalistik der Russischen Akademie der Wissenschaften.

 

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