Was Syrien Russland kostet

Alexej Iorsch
Der Krieg in Syrien ist auch ein Rohstoffkrieg, meint der Ökonom Sergey Aleksashenko. Er analysiert die Folgen des Kriegs für die russische Wirtschaft. Sein Fazit: Je länger die russische Militäroperation in Syrien andauert, desto spürbarer werden die ökonomischen Auswirkungen sein.

Wie jeder andere Krieg im Nahen Osten hat auch der Krieg in Syrien wirtschaftliche Gründe. Hier ist die Rede von einem Krieg in einer Region, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den größten Erdöl- und Erdgaslagerstätten der Welt befindet; in einer Region, durch die mehrere Erdöl- und Erdgaspipelines führen und viele weitere geplant sind. Allein schon deshalb wird die russische Beteiligung am Krieg in Syrien unweigerlich kurz- und langfristige Folgen für Russland haben.

Erdölpreis bleibt wohl stabil

Syrien selbst spielt gar keine nennenswerte Rolle auf dem Weltmarkt für fossile Brennstoffe. Sogar in den wirtschaftlich erfolgreichsten Jahren, Anfang 2000, förderte Syrien nur unwesentlich mehr als 520 000 Barrel Erdöl pro Tag, was in etwa 0,6 Prozent des Weltförderertrags entspricht. Zu Beginn des Bürgerkriegs auf syrischem Gebiet und der Einführung der europäischen Sanktionen sank die Erdölfördermenge im Lande rapide. Anfang des laufenden Jahres betrug sie laut offizieller Statistik etwas mehr als 30 000 Barrel pro Tag.

Die Erdgasförderung in Syrien spielt für den Weltmarkt mit ihren gegenwärtig ungefähr 5,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr (2010 waren es noch neun Milliarden Kubikmeter) so gut wie keine Rolle. In diesem Zusammenhang kann man mit Fug und Recht behaupten, dass – wie auch immer sich die militärischen Ereignisse in Syrien entwickeln sollten – es keinen Gewinner in diesem Bürgerkrieg geben wird und jedwede Entwicklung der Situation in der Erdöl- und Erdgasindustrie dieses Landes keine ernsthaften Auswirkungen auf den Erdöl-Weltmarkt haben wird.

Arabische Investitionen geraten auf den Prüfstand

Zu wesentlich ernsthafteren wirtschaftlichen Folgen für Russland kann die direkte Einmischung in die Syrienkrise führen. Auch wenn die russische Regierung offiziell erklärt, dass die russische Luftwaffe Stellungen des IS bombardiere, melden mehrere Quellen in der Region, dass das Hauptziel dieser Luftschläge die „gemäßigte“ syrische Opposition sei, die gegen die Truppen Assads kämpft. Wenn man berücksichtigt, dass die Schlüsselstaaten dieser Region, die Türkei und Saudi-Arabien, die syrisch-sunnitische Opposition unterstützen, so nehmen die politischen und wirtschaftlichen Probleme für Russland in der Region umso mehr zu, je länger und umfassender sich die Beteiligung der russischen Streitkräfte im syrischen Bürgerkrieg gestaltet.

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Der russische Fonds für Direktinvestitionen verkündete zum Beispiel eine Investitionspartnerschaft mit den Staatsfonds Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate. Die jeweiligen Fonds wollen zehn respektive sieben Milliarden US-Dollar in Projekte in Russland investieren. Unter den Bedingungen einer faktischen Abschottung der westlichen Finanzmärkte für russische Banken und Unternehmen wird Kapital aus den Ländern des Persischen Golfs von der russischen Regierung als eine der möglichen und wünschenswerten Alternativen betrachtet. Es ist offensichtlich, dass im Fall andauernder russischer Militäroperationen in Syrien die Wahrscheinlichkeit einer Umsetzung dieser Pläne sich dramatisch verringern wird.

Beflügelt der Krieg den Turkisch Stream?

Die Türkei spielt aufgrund ihrer geografischen Lage eine Schlüsselrolle im Ausbau der Transportinfrastruktur an der Grenze zwischen Europa und Asien. Aller Wahrscheinlichkeit nach beginnt bereits in den nächsten Jahren auf dem Territorium dieser Länder der Bau mehrerer Erdgaspipelines, durch die Gas aus dem Iran, Aserbaidschan und Turkmenistan nach Europa weitergeleitet werden kann. Außerdem könnten Erdgaspipelines in die Türkei über syrisches Staatsgebiet aus Israel und Katar weitergeführt werden.

Doch während das israelische Projekt die Möglichkeit der Errichtung eines Unterwasserabschnitts außerhalb der Hoheitsgewässer der Türkei vorsieht, wird die Erdgaspipeline aus Katar zwangsläufig über das Territorium Syriens führen müssen. Es ist vollkommen klar, dass, solange der Bürgerkrieg dort andauert, nicht gebaut werden kann.

Eine solche Situation könnte theoretisch dem russischen Energieversorger Gazprom in die Hände spielen, denn das Unternehmen unterstützt aktiv das Pipeline-Projekt „Turkish Stream“, stößt dabei aber auf ernsthafte Hürden unter anderem beim Zugang zum türkischen Markt. Zudem hat Gazprom mit Problemen in den Beziehungen zu den türkischen Partnern zu kämpfen, nachdem Vertreter des Konzerns die aktive Einbeziehung Griechenlands angekündigt hatten.

Allerdings sollte Gazprom nicht ernsthaft damit rechnen, dass die Schwierigkeiten, Erdgas aus Katar zu beziehen, die Türkei zu einem nachgiebigeren Verhandlungspartner für das russische Unternehmen werden lassen, da der Bedarf dieses Landes an Erdgas in jedem Falle ohne Einschränkungen befriedigt werden wird. Außerdem scheint es bereits erste Anwärter in Europa für das Erdgas aus Katar zu geben.

Wer eine rentable Lieferung von Erdgas über die Türkei aufnehmen will, muss in der Lage sein, 15 bis 20 Milliarden Kubikmeter pro Jahr durch die Rohrleitung zu pumpen. Diese Menge kann bereits durch Aserbaidschan, Iran, Irak und Turkmenistan bereitgestellt werden, und diese Länder können die Fördermenge auch noch steigern.

Unterm Strich werden die russischen Militäroperationen in Syrien für Russland kurzfristig keine grundlegenden Ausgaben und Risiken mit sich bringen. Sollte sich Russlands Engagement im syrischen Bürgerkrieg jedoch vertiefen und in die Länge ziehen, wird das Land wohl mit deutlichen ökonomischen Einbußen rechnen müssen.

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