Museum für den „berühmtesten Russen“

Eines der größten russischen privaten Museen befindet sich im sibirischen Tjumen und ist dem „berühmtesten Russen“ Grigorij Rasputin gewidmet.

Vor zwanzig Jahren eröffneten die Eheleute Smirnow aus Tjumen eines der größten privaten Museen Russlands. Die dort ausgestellten Exponate sind dem „berühmtesten Russen" Grigorij Rasputin gewidmet, einem Bauernsohn und Günstling des letzten Zaren Nikolai II. Rasputin ernannte und entließ Minister, Bischöfe und Generäle, pflegte einen vertraulichen Umgang mit der Zarenfamilie und wurde schließlich bezichtigt, Orgien zu veranstalten. Ermordet wurde er von einem Mann, der aus einer der reichsten russischen Familien stammte.

Der Rundgang beginnt vor einem alten Holzhaus im sibirischen Pokrowskoje, dem Heimatdorf Rasputins in der Region Tjumen. Museumsbesitzerin Marina Smirnowa begrüßt die Touristen mit lebhafter Stimme. „Rasputin ist weitaus berühmter als Lenin oder Gagarin", versichert sie. „In jeder größeren Stadt, überall auf der Welt, gibt es ein Restaurant, eine Bar oder einen Nachtklub mit dem Namen „Rasputin".

Marina Smirnowa wollte kein Museum eröffnen, ihr Mann aber bestand darauf. „Wer wäre schon auf die Idee gekommen, in den 90er Jahren ein Museum zu eröffnen?", fragt sie. „Damals musste man irgendeine Geschäftsidee haben, um zu überleben, ein eigenes Unternehmen gründen. Da hatte man keine Zeit, in der Geschichte zu graben". Die Smirnows aber konnten ihre Existenz weder mit Handel noch mit einem Produktionsbetrieb absichern. Wladimir arbeitete in einem Werk, das medizinische Geräte fertigte, Marina unterrichtete russisch und Literatur in einer Schule.

Im Jahr 1991 nahmen die Eheleute einen Kredit auf und kauften in Pokrowskoje das Haus, in dem Rasputins Eltern einmal gelebt hatten. Von seinem eigenen waren zu dieser Zeit nur noch die Fensterläden übrig geblieben. Und dann fing alles an. Jede Woche von Tjumen ins Dorf, Restaurierungsarbeiten am Gebäude, Sammeln von Exponaten. Und das alles mit eigenem Geld. „Warum sollte es ausgerechnet ein Rasputin-Museum sein?", frage ich Marina. Sie antwortet mit einem Schulterzucken. „Die Umstände wollten es so."

Ihr Mann, damals noch Student, absolvierte ein Praktikum im Landeskundlichen Museum von Tjumen, als ihm ein Foto von Grigorij

Rasputin in die Hände fiel. Es war nur ein einziges. Mehr Informationen über den Günstling von Zar Nikolai II. waren nicht zu haben. „Mir erschien das furchtbar ungerecht. Wie konnte das sein? Die ganze Welt kennt Rasputin und bei uns gibt es noch nicht einmal ein Museum! Da fing ich an, mich ernsthaft mit der Lebensgeschichte dieses Menschen zu befassen", erzählt Wladimir. „Ich kann mit Gewissheit sagen, dass das, was die Medien über ihn verbreiten und was man in Büchern über ihn lesen kann, in einigen Punkten nicht der Wahrheit entspricht."

Allein die Titel einiger Filme über Rasputin, die im Westen in den vergangenen fünfzig Jahren gedreht wurden, zeigen, welches Rasputin-Bild dort aufgebaut wurde. „Orgien am Zarenhof", „Rasputin: Dämon der Frauen", „Rasputin; Der Dämon Russlands". Dass Rasputin in Pokrowskoje eine Kirche bauen ließ, eine Schule eröffnete und einen Wohltätigkeitsverein gründete, wird in den Filmen verschwiegen. In der Sowjetunion fristete Rasputin als historische Figur ohnehin ein Schattendasein.

Die größte Attraktion ist Rasputins „Zauberstuhl"


Das Museum besteht aus lediglich zwei nicht besonders großen Zimmern, in denen persönliche Gegenstände Rasputins, einzigartige Fotos und Dokumente aufbewahrt werden. Die Smirnows haben sie in Archiven ausfindig gemacht, aus Privatsammlungen gekauft oder eingetauscht. Viele Museumsgäste reisen extra an, um kurz auf dem legendären Stuhl sitzen zu können. Den hatte Rasputin einst einem Mann zur Hochzeit geschenkt und gesagt: „Wenn du alt wirst und deine Kräfte schwinden, setz dich auf diesen Stuhl. Dann wird alles wieder gut." Weder Wladimir noch seine Frau glauben an diese Geschichte. Den Besuchern aber gefällt sie. Manche fragen schon beim Betreten des Museums: „Wo ist der berühmte Hocker?"

Marina zeigt mir ein altes Foto. Es ist ein Porträt von Rasputin, aufgenommen ein halbes Jahr vor seiner Ermordung. „Siehst du die beiden kleinen Löcher am unteren Rand?", fragt sie. „Das Bild war in eine Strafakte eingenäht". Das Foto mit Rasputins Unterschrift war einmal im Besitz eines Professors der Universität Tomsk. Im Jahr 1938 wurde er als Feind des Volkes hingerichtet, das Foto in seine Akte geheftet. „Verherrlichte den Günstling des Zarenhofes Rasputin", so lautete eine der gegen den Professor erhobenen Anschuldigungen.

„Ich habe außerdem noch einen Spiegel aus dem Flur von Rasputins Wohnhaus", sagt Marina stolz. Nach der Revolution wurde jeglicher Privatbesitz konfisziert. Rasputins Grammophon und sein Klavier bekam eine Schule vor Ort. Der Spiegel ging an irgendeine Arzthelferin, die Stühle an eine Bauernfamilie, das Geschirr an eine andere. „Ich brauche den Spiegel nicht mehr", erklärte die inzwischen greise ehemalige Arzthelferin. Und das ist verständlich. Er hat in der Mitte ein großes Loch, das Marina sorgfältig mit einem Tuch gestopft hat.

„Für dieses Exponat mussten wir bei der Bank einen Kredit aufnehmen", erläutern die Eheleute Smirnow, als sie mir ein Buch mit dem Titel „Meine

Gedanken und Überlegungen" zeigen. Sein Verfasser ist Grigorij Rasputin. Das Büchlein präsentieren sie am Ende der Führung. Es löst bei den Besuchern einen Schock aus. „Die meisten Leute denken, Rasputin sei ein ungebildeter Bauer gewesen, der die Grammatik des Russischen nicht beherrschte", erklärt Marina. Tatsächlich aber schrieb Rasputin insgesamt drei Bücher. Das Museums-Exponat enthält seine Gedanken über Gott. „Und wie viel hat es gekostet, dass Sie sogar einen Kredit aufnehmen mussten", frage ich Marina. „Für einen Pelzmantel hätte es locker gereicht", entgegnet sie lachend.

Geschäfte mit dem Zaren-Günstling


Die Bewohner des Dorfes Pokrowskoje sind den permanenten Andrang von Journalisten und Touristen mittlerweile gewöhnt und erfinderisch, wenn es darum geht, sich den Publikumsverkehr zunutze zu machen. So geben sie sich gerne als Verwandte von Grigorij Rasputin aus und bieten gegen einen kleinen Obolus an, von ihrem nicht gerade leichten Lebensschicksal zu erzählen. Marina und Wladimir versuchen nach Kräften dagegen vorzugehen und erklären stets aufs Neue, dass es in Russland keine direkten Nachfahren Rasputins gibt.

Von seinen drei am Leben gebliebenen Töchtern hat nur Matrjona Kinder bekommen. Sie ist nach Europa ausgewandert, wo sie, um irgendwie an

Museumanschrift

625050, Gebiet Tjumen, Rajon Jarkowo, Dorf Pokrowskoje, ul. Sowjetskaja, 79

Anmeldung zur Führung:

+7904492-58-39

Geld zu kommen, ihr Glück bei einem amerikanischen Zirkus suchte. Dessen Besitzer sagte: „Wir haben keine freien Stellen. Aber eine Rasputina kommt nicht alle Tage! Wenn du in den Raubtierkäfig gehst, kannst du bei mir arbeiten". Die Smirnows haben in ihrem Museum sogar ein Foto, das die junge Frau bei der Dressur eines Leoparden zeigt. Ihre Enkelin, Urenkelin Rasputins, lebt heute in der Nähe von Paris. Letztes Jahr hat sie das Museum der Smirnows besucht.

Für Marina, die dem Projekt ihres Mannes anfangs skeptisch gegenüberstand, ist das Museum mittlerweile zur Lebensaufgabe geworden. Während sie früher einmal in sechs Monaten dorthin reiste, um Führungen anzubieten, nimmt sie diese Strecke heute drei Mal in der Woche auf sich. Sie fährt vierundachtzig Kilometer von Tjumen nach Pokrowskoje, um interessierten Touristen zwei Stunden lang das Leben Rasputins nahe zu bringen.

Der Eintritt ins Museum kostet 100 Rubel, etwa 2,50 Euro. „Aber Sie werden doch wohl kaum etwas verdienen an diesem Museum?!", hören Marina und Wladimir häufig. Sie haben schon keine Lust mehr, darauf zu antworten. Für sie ist das Museum ihr Hobby. Ein sehr aufwendiges zwar, wie für andere Golf oder Ski Alpin.

Marina denkt sogar immer öfter darüber nach, ihren Arbeitsplatz an der Schule für das Museum aufzugeben. „Ich würde gerne Rasputin mit meiner Arbeit rehabilitieren", erklärt sie. „Seinen Namen verbinden die Menschen entweder mit sexueller Magie, Trunksucht und Anstößigkeiten oder mit Heiligkeit. Zwischen schwarz und weiß gibt es jedoch ganz gewiss noch etwas Drittes".

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