Deutsche in Sibirien (2): Wie Andreas Dulson die Sprache der Keten fand

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Die Biografien vieler Russlanddeutschen im 20. Jahrhundert sind zweigeteilt – in „vor“ und „nach“ der Deportation. So wurde auch ein Deutsch-Dialektologe aus der Wolgaregion zu einem weltweit berühmten Erforscher der kleinen Ethnien des Nordens und brachte die Sprach- und Völkerkunde Sibiriens ein riesiges Stück voran.

Der deutsch-sowjetische Sprachwissenschaftler Andrei Dulson. Foto: ArchivbildDer deutsch-sowjetische Sprachwissenschaftler Andrei Dulson. Foto: Archivbild

Weit im Norden Sibiriens, in der Region Turuchansk am Jenissej, lebt der Großteil – laut  Volkszählung waren es 2010 noch genau 957 von insgesamt 1 219 – der Keten, eines kleinen Volkes, das sich seine ursprüngliche Jenissej-Sprache bis heute hat erhalten können. Es ist eine der am besten erforschten Sprachen sibirischer Kleinethnien. Die umfassendste Grammatik stammte 1968 von dem wolgadeutschen Linguisten und Kulturhistoriker Andreas Dulson.

Bevor dieser jedoch mit der Grundlagenarbeit „Die ketische Sprache“ die sowjetische Staatsauszeichnung bekommen sollte, musste er zwangsweise noch eine Wandlung von der Erforschung deutscher Dialekte in der Wolgaregion zu der türkischen, ugrischen und anderen Sprachen der einheimischen Volksstämme in Sibirien durchlaufen.

Im ersten Leben: Wolgadeutscher

Andreas Dulson wird am 9. Januar 1900 in Preiß im südrussischen Gouvernement Samara (heute Krasnopolje im Gebiet Saratow) geboren und von seinen streng gläubigen Eltern nach der Grundschule ins römisch-katholische Seminar zu Saratow geschickt. Er sollte wohl ein rechter Christ werden, wie es dem Vater vorschwebte.

Nicht ohne Zwischenfälle absolviert der junge Dulson die fünfjährige Gymnasialzeit – mal Vollzeit vor Ort, mal suspendiert und zurückgekehrt auf Distanz. Am Ende seiner Ausbildung genießt er den Ruf, nicht nur Russisch und Deutsch, sondern auch Altgriechisch und Latein sowie überhaupt insgesamt 40 Sprachen zu beherrschen. Unter Mitschülern und Bekannten gilt er als „wandelndes Lexikon“.

In Katharinenstadt (heute die Stadt Marx in der Oblast Saratow) besuchte Dulson das Jungengymnasium. Foto: ArchivbildIn Katharinenstadt (heute die Stadt Marx in der Oblast Saratow) besuchte Dulson das Jungengymnasium. Foto: Archivbild

Nach der Schule kehrt er in seinen Heimatort zurück, arbeitet als Privatlehrer, entwickelt Methoden und Materialien für das Fach Heimatkunde und führt archäologische Ausgrabungen in der Wolgaregion durch. Sein Ansehen wächst, sein Horizont erweitert sich, aber er erkennt, dass die Sprachwissenschaft ihm doch am liebsten ist. Er wechselt an der Universität Saratow zur Germanistik, wird bald Mitarbeiter an seiner Fakultät und lernt seine zukünftige Frau und Expeditionsbegleiterin Viktoria Glok kennen.

Als Dozent für Allgemeine Sprachwissenschaft und Germanistik wendet sich Dulson den linguistischen Eigenheiten seiner Heimatregion zu. Er forscht zu Geschichte, Volkskunde und Mundart in Preiß sowie 300 anderen Orten und fasst seine Erkenntnisse in einer Dissertation zusammen, die ihn 1941 zu einem der führenden Linguisten des Landes macht. Doch die Luft wird bald dünner – auch für Gelehrte, besonders für Dialektforscher.

Im zweiten Leben: Sibirienforscher

„Die Sprachwissenschaft ist bei uns ein extrem vernachlässigter Bereich, noch vor nicht allzu langer Zeit wurde sie nationaldemokratischen Elementen zum Abkauf übergeben, den sogenannten ‚Dialektologen‘!“, tönte am 24. Februar 1933 der Kommissar für Volksbildung der Wolgarepublik, Genosse Weber, bei der Konferenz zur „Sprachpolitik der Wolgadeutschen“. Die Sprachforscher, allen voran Dulsons wissenschaftlicher Ziehvater Dinges, würden „offen die indogermanische, also faschistische, Sprachtheorie propagieren“.

Dulson wird wegen „antisowjetischer Propaganda, Beteiligung an deutsch-faschistischen Organisationen auf dem Gebiet des Saratower Gebietes“ und „Propaganda der Idee des Faschismus“ verhaftet, aber nach mehreren Monaten überraschend wieder entlassen. Als Fakultätsleiter der Germanistik an der Universität Saratow arbeitet er weiter und erreicht noch 1940 den Professorenstatus. Doch mit dem Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion 1941 und dem damit beginnenden Großen Vaterländischen Krieg geraten die Russlanddeutschen massiv unter Verdacht der potenziellen Kollaboration.

Die Universität Saratow im Jahr 1909. Foto: ArchivbildDie Universität Saratow im Jahr 1909. Foto: Archivbild

Am 1. September werden per Erlass alle deutschstämmigen Mitarbeiter der Hochschule entlassen. Die fünfköpfige Familie Dulson wird nach Tomsk deportiert. Dem Wissenschaftler brechen nicht nur Heimat, Hausstand und Kartenarchiv, sondern auch das wichtigste Forschungsobjekt weg. Nur knapp entgeht er dem Bergwerk und wird an die Pädagogische Universität TPU berufen, wo er ganze 30 Jahre lang bleiben wird.

Dulson fährt unter widrigsten Umständen mit seiner Feldforschung fort. Gegenstand der Untersuchungen werden nun die kleinen sibirischen Völker und deren bislang nicht oder nur kaum erfassten Sprachen. Insgesamt nimmt er an 80 Expeditionen teil und legt über 150 wissenschaftliche Arbeiten und 17 Lehrbücher vor.

  Die Universität Saratow im Jahr 1909. Foto: Archivbild  Ab 1944 arbeitete Dulson im Pädagogischen Institut von Tomsk. Foto: Pressebild Ab 1944 arbeitete Dulson im Pädagogischen Institut von Tomsk. Foto: Pressebild

Andreas Dulson stirbt am 15. Januar 1973 in Tomsk. Dulsons Heimat Preiß ist derweil in den sechziger Jahren großteils in den nahen Ort Hölzel (Kotschetnoje) umgesiedelt worden, weil ein Wolgaufer für das neu entstehende Wasserwerk von Wolgograd geflutet werden musste.

In Tomsk jedoch wird Dulsons Erbe aktiv bewahrt: Er hinterlässt sogar eine eigene linguistische Schule an der TPU, die sich intensiv mit der systematischen Erforschung der Sprachen der kleinen Völker Sibiriens beschäftigt. Statt nur einer Ausstellung zum 30. Todestag des Forschers ist 2003 außerdem ein ganzes Museum mit Dulsons Arbeiten, Seminar- und Forschungsprogrammen – auch für deutsche Gruppen – eröffnet worden.

In Sibirien erforschte Dulson die Sprache des kleinen Volkes der Keten. Foto: WikipediaIn Sibirien erforschte Dulson die Sprache des kleinen Volkes der Keten. Foto: Wikipedia

Dulsons Sohn Alfred, geboren 1937, ist übrigens im Jahr 2015 vom Russlanddeutschen-Verband IVDK als „Russlands herausragender Deutsche“ in der Kategorie „Ziviles Engagement“ ausgezeichnet worden: Als Professor für internationales Management und Leiter der TPU-Vertretung an der Universität Karlsruhe ist er aktiv im deutsch-russischen Bildungs- und Kulturaustausch beteiligt.

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