Rüdiger von Fritsch: „Gute Beziehungen sind der einzige Weg“

Rüdiger von Fritsch.

Rüdiger von Fritsch.

Anton Novoderezhlin/TASS
Der deutsche Botschafter in Russland Rüdiger von Fritsch spricht von einem gestörten Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, das von einem Vertrauensbruch geprägt sei. Im Interview erklärt er, wie es nun weitergehen soll.

Der Handelsumsatz zwischen Deutschland und Russland verringerte sich 2015 um fast 24 Prozent, der Export aus Deutschland nach Russland um 25 Prozent. Fast 7,5 Milliarden Euro betrug der Rückgang des deutschen Exports. Die größten Verluste erlitten die deutschen Maschinenbauer und Hersteller von Agrarprodukten.  

In vielen Bereichen erfolgt nun eine Neubewertung der erzielten Ergebnisse. Rüdiger von Fritsch, der Botschafter Deutschlands in Russland, sprach mit der „Rossijskaja Gaseta“ über die Zukunft der russisch-deutschen Beziehungen.

„Rossijskaja Gaseta“: Herr Botschafter, es müssen Felder für das Zusammenwirken gesucht werden. Glauben Sie, dass der Petersburger Dialog, das bilaterale Forum für die Zivilgesellschaft, noch erforderlich sein wird?

Rüdiger von Fritsch: Die russisch-deutschen Beziehungen haben einen besonderen Charakter. In vielen Bereichen haben wir verschiedene Formen des Dialogs. Auf dieser Grundlage war es uns im Laufe der Zeit gelungen, gute und vertrauensvolle Beziehungen zu entwickeln. Die Annexion der Krim und die Einmischung Russlands in den Konflikt in der Ostukraine haben jedoch tiefe Spuren in unseren Beziehungen hinterlassen und sich natürlich auch auf den Petersburger Dialog ausgewirkt.

Nichtsdestoweniger haben wir einen neuen Anlauf unternommen. Im vergangenen Jahr fand in Potsdam eine Tagung des Petersburger Dialogs statt, die nächste wird im Juli in Sankt Petersburg durchgeführt. Ich glaube, dass zwei Aspekte besonders wichtig sind: Erstens müssen wir stets die Fähigkeit bewahren, alles zu diskutieren, was uns wichtig erscheint. Zweitens muss an diesem Dialog unbedingt die Zivilgesellschaft beteiligt sein. Ich glaube, dass der Petersburger Dialog eine gute Zukunft hat.

Wie steht Deutschland der Idee gegenüber, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok zu schaffen?

Wir glauben, dass dies eine sehr gute Idee ist. Die Globalisierung hat bereits die gesamte Welt erfasst, wir können ihr nicht entgehen. Wir müssen unbedingt sicherstellen, dass die Regionen miteinander kooperieren. Ungeachtet dessen, dass unsere Volkswirtschaften sich unterschiedlich entwickeln und sich in verschiedenen Entwicklungsphasen befinden, wollen wir doch, dass die Kooperation allen nur Vorteile bringt.

Auch müssen wir den Freihandel gewährleisten. Wir unternehmen konkrete Schritte zu dessen Verwirklichung. Deutschland hat gegenwärtig den Vorsitz in der OSZE inne. Die Organisation verfügt über mehrere Ausrichtungen wie Sicherheit, Menschenrechte, Wirtschaftsfragen.

In Berlin fand jüngst eine große Konferenz statt, auf der die Rede davon war, das Potenzial und die Herausforderungen im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit in diesem Raum einzuschätzen. An dem Forum nahmen Vertreter von Wirtschaftskreisen teil, unter anderem auch aus Russland. Es ist sehr schade, dass die Kommission der Eurasischen Wirtschaftsunion beschloss, niemanden zu dieser Konferenz zu entsenden, wodurch diese wichtige Chance für den Dialog verpasst wurde.

Deutschland verficht die Umsetzung des Megaprojekts „Nord Stream 2“. Wie reagiert Berlin auf die Kritik, dass das Bauvorhaben der Energiesicherheit der osteuropäischen Länder schade?

Das Projekt „Nord Stream 2“ wird durch Unternehmen verwirklicht. An ihm sind neben anderen westeuropäischen Unternehmen auch zwei deutsche Firmen beteiligt. Wir sind daran interessiert, dass die Energiesicherheit Deutschlands und Westeuropas sich aus verschiedenen Quellen speist. Das hat im Einklang mit der europäischen Energiepolitik zu erfolgen. Einen besonderen Akzent setzen wir dabei auf erneuerbare Energiequellen. In Zukunft wird außerdem Flüssigerdgas eine große Rolle spielen, mit dem sich auch viele europäische Länder versorgen werden. Und natürlich die Erdgaslieferungen aus Russland, die wir bereits seit vielen Jahrzehnten beziehen.

In der Energieversorgung muss eine entwickelte Infrastruktur zum Einsatz kommen. Es muss sichergestellt werden, dass in Zukunft die Energieressourcen auch über die Ukraine geliefert werden. Wenn wir all diese Faktoren berücksichtigen, werden wir eine zuverlässige Energieversorgung gewährleisten können.

Der russische Außenminister Sergej Lawrow sagte, dass es zwischen Russland und dem Westen kein business as usual mehr geben werde. Inwieweit trifft das konkret auf Russland und Deutschland zu?

Man muss sich immer einen Grundsatz vor Augen halten: Zu den guten wechselseitigen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland gibt es keine Alternative. Ziel unserer Politik ist es, solche Beziehungen zu erreichen. Die wechselseitigen Beziehungen, die uns früher verbanden, sind jedoch erheblich gestört. Wir fassen dies als eine grobe Verletzung der Regeln auf, die früher vereinbart wurden, und als ernsthaften Vertrauensbruch. Deshalb befinden wir uns jetzt in einer anderen Situation. Wenn ich „wir“ sage, meine ich die EU und die Nato.

Erstens müssen wir versuchen, die Antwort auf die Frage zu finden – und ich hoffe, dass die Antwort positiv ausfallen wird –, ob es uns gelingen wird, zu den früher vereinbarten Regeln zurückzukehren, und ob wir uns auch in Zukunft an diese Regeln halten werden. Zweitens müssen wir permanent nach Themen und Interessenbereichen suchen, in denen wir bereits heute kooperieren können, in denen uns vieles verbindet und wir Vorteile für beide Seiten erzielen können. Als Beispiel kann der Austausch zwischen den Zivilgesellschaften in den Bereichen Kultur, Wissenschaft und nicht zuletzt im Handel genannt werden. Wir suchen ständig neue Felder. Das können zum Beispiel solche Herausforderungen sein wie der internationale Terrorismus und andere Probleme der Sicherheit.

Der Kurs des Euros zum Rubel hat angezogen. Wie wirkt sich das auf die deutsche Warenexporte nach Russland aus?

Der Verfall des Rubels hat zu einer deutlichen Verteuerung importierter Waren – nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus anderen Ländern – geführt. In Russland ist in den vergangenen drei Jahren die Kaufkraft deutlich zurückgegangen. Nichtsdestoweniger beabsichtigen fast alle deutschen Unternehmen, zu denen ich Kontakte habe, ihre Präsenz auf dem russischen Markt beizubehalten und auch in Zukunft dessen Potenzial zu nutzen. In Russland sind immer noch mehr als 5 500 Betriebe mit Beteiligung deutschen Kapitals tätig.

Welches sind die nennenswertesten Projekte, die deutsche Unternehmer in Russland umsetzen?

Im vergangenen Jahr wurden umfangreiche Investitionsprojekte verwirklicht, in jedes floss ein dreistelliger Millionenbetrag (in Euro). Konkret ist die Rede vom Landmaschinenkonzern Claas in Krasnodar, dem Werkzeugmaschinenhersteller Gildemeister in Uljanowsk und dem Automobilkonzern Volkswagen in Kaluga. Deutsche Betriebe sind bereit, ihre Produkte in Russland zu fertigen, aber die entscheidende Rolle wird dabei spielen, wie sie ihre Geschäfte hier führen können. Investitionssicherheit, die Einhaltung rechtsstaatlicher Prinzipien, Gleichberechtigung sowie die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit stellen für potenzielle Investoren die entscheidenden Faktoren dar, wenn sie sich für eine Lokalisierung der Produktion entscheiden wollen.

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