Christ-Erlöser-Kathedrale: Wie ein Gotteshaus seinen Schöpfer zerstörte und selbst wieder auferstand

Alexander Grishin/Global Look Press
Am Ende baute sie ein Deutscher: 66 Jahr lang dauerten die Arbeiten an der wohl berühmtesten Kirche Russlands. Der Monumentalbau forderte viele Opfer, bis er selbst einem zum Opfer wurde. Anslässlich des 200. Jahrestages seiner Grundsteinlegung blicken wir auf die reiche Geschichte der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale zurück.

Der Kirche erstes Opfer

Als Erster ging der Schöpfer des Sakralbaus selbst an dem Projekt zugrunde. Der russische Architekt Karl Magnus Witberg, der einst in Sankt Petersburg in einer schwedischen Familie geboren wurde, nahm sogar die Verleugnung seiner Herkunft sowie eine Konversion zum orthodoxen Glauben in Kauf, um sein Lebenswerk vollenden zu können. Das von den vorangegangenen Napolein-Kriegen ausgelaugte Russland brauchte ein neues Symbol für den kollektiven Glauben. Darum gab Zar Alexander I eine Gedenkstätte für die gefallenen Soldaten und die Größe des russischen Reiches in Auftrag. 

Und Witberg war es dann, der wohl des Zaren Gedanken lesen konnnte: "Sie haben meinen Wunsch erkannt. Ich wünsche, dass es nicht nur ein Steinhaufen wie jedes andere ordinäre Gebäude wird, sondern dass es von einer religiösen Idee beseelt wird", wandte sich der Zar 1815 an den jungen Architekten. "Ich habe mir 20 Vorschläge angeschaut, darunter auch sehr  gute. Aber auch die waren zu normal. Sie aber lassen die Steine sprechen!"

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Zum Leidwesen Witbergs war Alexander I gleich so überzeugt von dem Architekten, dass er ihm gleich die gesamte Leitung des Baus übertrug. Und das, obwohl Witberg keinerlei Erfahrung in der Organisation vorweisen konnte und diese Ernennung vehement abwehrte. Aber aussichtslos: Am 13. September 1817 war es doch Witberg, der an der geplanten Stelle auf den Moskauer Sperlingsbergen - dort, wo sich heute das Hauptgebäude der Staatlichen Lomonossow-Universität befindet - den Grundstein für den Bau der Christ-Erlöser-Kathedrale legte.

Doch nach einiger Zeit schlug das Schicksal zu: 1825 stirb Alexander I. und Nicholai I. kommt an die Macht. Der neue Zar stoppt die Bauarbeiten umgehend, weil sie seiner Ansicht nach viel zu überteuert und zeitintensiv seien. Nach einem Gutachten wurde Witberg als Verantwortlicher verurteilt: Sein gesamtes Vermögen wurde konfisziert und der Architekt ins Exil geschickt. Ohne Chance auf Rückkehr in sein Heimatland.

Heute gehen Historiker davon aus, dass Witberg tatsächlich naiv und unschuldig war und damals einem Netz von Intrigen seiner Untergebenen zum Opfer fiel.

Neuer Zar, neuer Architekt, neuer Plan

Und so hätte die begonnene Baustelle auch gut und gerne wieder verfallen können. Wenn nicht auch der zutiefst religiöse Nikolai I. ein Mahnmal für die Wiederauferstehung des großen Russland gebraucht hätte. Er beauftragte den deutschstämmigen Kostantin Thon mit dem Bau. Thon war da schon Hofarchitekt des Zaren. Unter anderem hatte er den Großen Kremlpalast und den Leningrader Bahnhof in Moskau, den Moskauer Bahnhof in Sankt Petersburg sowie den Gouverneurspalast im Kasaner Kreml projektiert.

Die zweite Grundsteinlegung fand am 10. September 1839 statt - diesmal jedoch am Ufer der Moskwa, dem heutigen Standort der Moskauer Hauptkirche. Den Ort hatte Thon ausgesucht, den einstigen Standort eines Klosters. Eine Legende besagte, dass einer der vertriebenen Mönche den Bau verflucht haben soll. Thon ließ dennoch bauen.

Die Bolschewiki sprengten die Christ-Erlöser-Kathedrale im Dezember 1931, um Platz für ihren letztlich niemals realisierten Rätepalast zu schaffen.

Ein lange wirkender Fluch

Jene Prophezeiung erfüllte sich denn, als die Bolschewiki 1917 die Macht übernahmen. Die neuen Herrscher wollten an der Stelle der Christ-Erlöser-Kathedrale ihren monumentalen Rätepalast hochziehen. Und zerstörten den Kathedralbau dafür völlig. Am 5. Dezember 1931 brachte die zweite Explosion die Kirche völlig zu Fall. Das Beben, heiß es, habe man noch in entfernteren Bezirken spüren können. Wie die Gerechtigkeit es wollte, ist jedoch auch der angestrebte Rätepalast niemals realisiert worden. Die Bürgerkriege, der zweite Weltkrieg, wirtschaftliche Schwierigkeiten und dann auch schon das Ende der Sowjetunion ließen den sowjetischen Baumeistern keine Zeit für den Prestigebau.

Wiederaufbau, 1. September 1995

1989 wurde das Religionsrecht liberalisiert und viele Menschen taten sich zusammen, um den Wiederaufbau der Kirche zu erreichen. Wenn auch die schreckliche Inflation und Wirtschaftskrisen diesen Plänen große Steine in den Weg legten, konnte das Gotteshaus am 31. Dezember 1999 doch wiedereröffnet werden. Pünktlich zum Milleniums-Jahreswechsel. Seitdem ist sie eines der berühmtesten und meistbesuchten Touristenziele in der russischen Hauptstadt.

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