Vom Telegramm an Stalin, das die Basilius-Kathedrale vorm Abriss bewahrte

Geschichte
NIKOLAJ SCHEWTSCHENKO
Die sowjetische Regierung wollte die berühmte Basilius-Kathedrale, ein Wahrzeichen des Roten Platzes, abreißen, weil sie angeblich sowjetischen Militärparaden im Wege stand. Aber ein einfacher Architekt konnte Stalin davon überzeugen, die weltberühmte Kathedrale zu bewahren.

Fast hätten Sie vielleicht nie mehr die Chance bekommen, die Basilius-Kathedrale auf dem Roten Platz in Moskau zu besichtigen. 1935 war der Feldzug der sowjetischen Führung gegen die Religion in vollem Gange. Staatsführer Josef Stalin traf sich mit engen Anhängern um das künftige architektonische Antlitz der Hauptstadt zu bestimmen. Lasar Kaganowitsch, eine der einflussreichsten Personen aus Stalins innerem Kreis, entfernte dabei ein Modell der Kathedrale von der Karte, um Panzerparaden über den Roten Platz die „Tore“ öffnen.

Laut einer Legende war Stalins Reaktion knapp und wütend: “Lasar! Stell sie zurück!” Tatsächlich heißt es aber, dass der sowjetische Architekt Pjotr Baranowskij das berühmte Gotteshaus vor der Zerstörung rettete.

Kreuzzug eines Architekten

Als Ingenieur und Kunstexperte war Baranowskij seit den frühen 1920er Jahren auf einem Kreuzzug zur Rettung architektonischer Meisterwerke, insbesondere religiöser. Nach der Revolution von 1917 hatte die Sowjetregierung begonnen, Religion und Geistlichkeit als angebliches Hindernis auf dem Weg zu einer neuen klassenlosen Gesellschaft zu verfolgen. Historische Kirchen wurden in Sportanlagen, Kinosäle, Lagerhäuser und Wohnheime umgewandelt. Aber Baranowskij gab nicht auf und stellte alle Bemühungen an, um so viele Kirchen wie möglich zu bewahren und unter Denkmalschutz zu stellen. Dank ihm sind unzählige Kirchen und andere architektonische Sehenswürdigkeiten wie die ehemaligen Klöster Krutizy und in Kolomenskoje, die Kasaner Kathedrale auf dem Roten Platz wiederherstellt.

Heute kann man sich Moskau kaum ohne diese Wahrzeichen vorstellen, aber zu Sowjetzeiten glaubte kaum jemand, dass sie die sowjetische Herrschaft überleben würden. Eine Ausnahme war die Kasaner Kathedrale, die von den Sowjets abgerissen, aber in den 1990er Jahren wieder aufgebaut wurde.

Telegramm an den Kreml

Der größte Sieg des Architekten aber war die Rettung der Basilius-Kathedrale. Seine Tochter Olga Baranowskaja hörte später gar Gerüchte, ihr Vater habe sie und sich selbst in der Kathedrale eingesperrt, um die Zerstörung zu verhindern. Aber sie erinnerte sich an diese unwahrscheinlichen Ereignisse nicht. Stattdessen glaubt sie, dass der Kampf ihres Vaters weniger dramatisch war, aber trotzdem nicht weniger gefährlich: Er schickte ein Telegramm an Stalin.

„Er verließ das Büro (von Kaganowitsch - Anm. d. Red.), ging zur Post und schrieb ein Telegramm: ‘Moskau. Kreml. Genossen Stalin. Verhindern Sie Abriss der Basilius-Kathedrale, wird Sowjetmacht politisch schaden‘“, erinnert sich Baranowskaja. Das Telegramm selbst allerdings hat nie jemand gesehen.

Andere Berichte über die wundersamen Rettung der Kathedrale klingen auch anders: Baranowskij habe die Sitzung des Zentralkomitee der kommunistischen Partei besucht und sei dort gegen den Abriss aufgetreten; habe gar gedroht, Selbstmord zu begehen und sich in die Kathedrale zu sperren.

Die Wahrheit wird man kaum mehr hundertprozentig ans Licht bringen, aber eine Sache ist klar: Die Basilius-Kathedrale steht noch immer stolz auf dem Roten Platz und zieht Millionen von faszinierten Touristen aus der ganzen Welt an. Und Pjotr Baranowski ist der Mann, dem wir das zu danken haben.