Warum Russlands Rückzahlungen von zaristischen Schulden nicht ausreichten

Wladimir Lenin, 1930

Wladimir Lenin, 1930

Global Look Press
Vor 100 Jahren hat die Sowjetregierung alle Schulden des Zaren und der Provisorischen Regierung abgewiesen und das postsowjetische Russland hat sie zum Großteil beglichen. Dennoch verlangt beispielsweise Frankreich sein Geld zurück.

Als die Bolschewiki Anfang Februar des Jahres 1918 erklärten, dass sie die Schulden der Romanows nicht anerkannten, „schockierten sie die internationale Finanzwelt und wurden einstimmig von den Regierungen der Großmächte dafür verurteilt.“ Insgesamt wurde ein Schuldenbetrag von 60 Milliarden* Rubel zurückgewiesen. Bei 16 Milliarden davon handelte es sich um ausländische Kredite.

Lenins Entscheidung symbolisierte somit den Bruch mit dem zaristischen Russland und bedeutete auf praktischer Ebene weniger Ausgaben für die Begleichung der Schulden, die eine Last für die neue Regierung waren, die in den Bedingungen eines sich langsam entwickelnden Bürgerkriegs handeln musste. Eineinhalb Jahre später sagte Lenin, Moskau könne über die Rückzahlung der Schulden (auf Russisch) nachdenken, wenn die Entente-Länder aufhörten, die antibolschewistischen Kräfte zu unterstützen und ihrer direkten militärischen Intervention in Russland ein Ende setzten.

Die Unterstützung und die Intervention wurden beendet, jedoch nicht weil die Großmächte vorhatten, Lenins Forderungen nachzukommen. Die Bolschewiki hatten im russischen Bürgerkrieg schlicht und ergreifend die Oberhand gewonnen und die Diskussion um die Schulden bei den Hauptgläubigern Frankreich und Großbritannien hielt noch jahrzehntelang an.

Frankreich

Rund 400 000 Franzosen wollen ihre Milliardenbeträge von Russland zurück.

Zwischen den Jahren 1880 und 1917 kauften französische Bürger insgesamt 30 Millionen russische Anleihen. Ihre heutigen Besitzer nehmen an, dass ihr Wert inzwischen auf 30 Milliarden Euro gestiegen ist. Diese Annahme teilen jedoch weder Paris noch Moskau, Frankreich hat die Frage der russischen Schulden aus der Zarenzeit darüber hinaus nie offiziell thematisiert.

Wie in den Medien angemerkt (auf Russisch) wurde, lag es eventuell daran, dass Paris nach der Russischen Revolution Vermögenswerte beschlagnahmt hatte, die der zaristischen Regierung gehörten. Es erhielt zudem russisches Gold aus Berlin in Höhe von 120 Millionen Goldrubeln*. Berlin hatte das Gold zuvor im Jahr 1918 von Lenins Regierung bekommen, als Moskau die Bedingungen des Brest-Litowsk Friedensabkommens mit Deutschland erfüllte. Das Gold wurde nie nach Russland zurückgeschafft. Paris, das diese Fonds innehatte, zahlte die russischen Anleihenbesitzer nicht aus. Die russische Regierung tat es, obwohl sie dazu nicht verpflichtet war. Es sollte sich dabei um eine Geste des guten Willens handeln, die Russland den Eintritt in den „Pariser Club“ sichern sollte.

Mitte der 1990er Jahre unterzeichnete Moskau ein Abkommen mit Frankreich über die Schulden der Romanows. Sie zahlte Paris bis zum Jahr 2000 etwa 330 Millionen Euro zurück. Russland konnte die ursprüngliche Summe um das Zweieinhalbfache dezimieren und die französische Regierung für die Zahlungen an die französischen imperialen Gläubiger verantwortlich machen.

Seither hat Moskau wiederholt behauptet, dass das Thema abgeschlossen sei und es keine Gründe gebe, über neue Zahlungen zu diskutieren. Dennoch wollen rund 400 000 Menschen in Frankreich ihre Milliardenbeträge von Russland zurück, ohne die reale Chance, dass es jemals dazu kommen wird. In den beiden anderen Fällen ist das Problem für alle Beteiligten tatsächlich geschlossen.

Großbritannien

Michail Gorbatschow und Margaret Thatcher

Allein während des Ersten Weltkrieges erhielt Russland von Großbritannien ein Darlehen in Höhe von 5,5 Milliarden Rubeln. Die Gesamtschulden waren jedoch noch höher. Als Garantie für die Zahlung von Krediten schickte das damalige Petrograd (heute Sankt Petersburg) nach London russisches Gold im Wert von 600 Millionen Rubeln. Doch auch wenn das Gold behalten wurde, verlor London durch Lenins Entscheidung weitaus mehr als nur das imperiale Edelmetall.

Trotz dieser Diskrepanz war Moskau in der Lage, im Jahr 1986 eine Nullvariante der Zahlungen zu vereinbaren. Gorbatschow und Thatcher lehnten gegenseitige Ansprüche ab. Diese russischen Fonds, die sich seit der Revolution in britischen Banken befanden, waren auf eine Entschädigung gerichtet, die zehn Prozent des Nominalwerts der imperialen russischen Anleihen ausmachte.

Schweden

Auch Schweden gehörte zu Russlands Gläubigern. Kurz vor der Revolution stimmte das Land zu, einen Kredit über 30 Millionen Kronen, ungefähr zehn Millionen Goldrubel, zur Verfügung zu stellen. Als Sicherheit für das Darlehen übergab Russland an Stockholm Gold im Wert von fünf Millionen Rubeln. Wegen der turbulenten Ereignisse in Petrograd hat Russland allerdings letztendlich nicht die gesamte zugesagte Summe erhalten. 

In den frühen 1930er Jahren gab Schweden rund ein Drittel der Kreditgarantie zurück. Danach wurde das Thema von den beiden Parteien als abgeschlossen betrachtet.

(* Ein imperialer Goldrubel entspricht etwa 16 Euro.)

>>>Das „Koltschak-Gold“: Auf der Suche nach dem Schatz des Russischen Reiches

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