Stärker als der Tod: Wie vier sowjetische Soldaten 49 Tage auf offener See überlebten

(v.l.n.r.): Aschat Siganschin, Phillip Poplawskij, Anatolij Krutschkowskij und Iwan Fedotow

(v.l.n.r.): Aschat Siganschin, Phillip Poplawskij, Anatolij Krutschkowskij und Iwan Fedotow

Sputnik
Vor fast 60 Jahren trieben vier sowjetische Soldaten mit ihrem Schiff ohne Hoffnung auf Rettung und fast ohne Nahrungsmittel in den Pazifischen Ozean ab. Gerettet wurden sie erst nach 49 Tagen – ihr Mut und ihre Widerstandfähigkeit wurden legendär.

„Gegen neun Uhr wurde der Sturm stärker, das Drahtseil brach und der Frachtkahn näherte sich den Felsen… Das Schiff wurde aufs offene Meer gezogen. Ich erfuhr, dass wir in drei Stunden keinen Treibstoff mehr hätten. Ich entschied, den Kahn auf Grund laufen zu lassen. Es war riskant, aber ich hatte keine andere Wahl. Der erste Versuch scheiterte – wir rammten den Fels… Unser Schiff zerbrach beinahe, aber wir schafften es, an den Felsen vorbeizusteuern. Es blieb jedoch ein Leck im Bug zurück, durch das Wasser in den Maschinenraum eindrang. Hinter den Felsen wurde ein Sandstrand sichtbar und ich steuerte darauf zu. Wir erreichten ihn fast – der Kahn schrammte am Boden entlang – doch dann war der Treibstoff verbraucht, die Maschinen würgten ab und das Schiff trieb aufs offene Meer“. So beschrieb (rus) der Feldwebel Aschat Siganschin vor einigen Jahren den Beginn seiner 49-tägigen Odyssee am 17. Januar 1960. All das geschah im russischen Fernen Osten bei einer kurilischen Insel während dem Entladen eines Frachtschiffes.

Fast keine Lebensmittel

Siganschin und die Soldaten Phillip Poplawskij, Anatolij Krutschkowskij und Iwan Fedotow waren zu viert auf einem kleinen T-36-Frachtkahn, der etwa 2 400 Kilometer weit abtrieb. Ihr Funkgerät funktionierte nicht mehr. Es gelang ihnen rasch, das Leck zu reparieren, aber es gab ein viel gravierenderes Problem: sie hatten fast keine Lebensmittel. Es gab einen Laib Brot, ein wenig Hirse und Erbsen, einen Kübel Kartoffeln und ein Glas Fett. Auch etwas Wasser war auf dem Schiff, aber es war eigentlich dafür gedacht, die Maschinen zu kühlen. Es war ein wenig rostig, aber nicht salzig. Das war alles.

Schnell erkannten sie, dass sie so bald nicht entdeckt werden würden. Die Gewässer, in denen sie sich befanden, waren für Schiffe wegen Raketentests gesperrt, wie Siganschin einer gefundenen Zeitung entnahm. Also begannen sie die harte Rationierung ihrer Vorräte. Zuerst aßen sie einmal am Tag – jeder bekam eine Tasse Suppe. Sie bereiteten sie aus einigen Kartoffeln und einem Löffel Fett zu. Dreimal am Tag tranken sie eine kleine Menge Wasser.

Keine Streitigkeiten

Am 23. Februar war jedoch sämtliche Nahrung aufgebraucht. Sie versuchten, Fische zu fangen, aber es gelang ihnen nicht, da sie von der Strömung getrieben wurden und dort keine Fische lebten. Nur anderthalb Meter lange Haie umkreisten sie. Also kochten und aßen die vier ihre Lederstiefel und -gürtel sowie die ledernen Teile eines Akkordeons. Letztlich wurden sie furchtbar schwach und begannen, zu halluzinieren.

Das Erstaunlichste war jedoch, dass es ihnen unter diesen schlimmen Umständen gelang, ihre gute Stimmung beizubehalten. „Es gab bis zum Ende keine Panik oder Hoffnungslosigkeit. Später erzählte mir ein Mechaniker des Schiffes ‚Queen Mary‘, welches uns von den Vereinigten Staaten nach Europa brachte, was ihm in einer ähnlichen Situation widerfahren war: Nach einem schweren Sturm funktionierte zwei Wochen lang sein Funkgerät nicht mehr. Einige der 30 Besatzungsmitglieder starben, nicht jedoch wegen des Hungers, sondern im andauernden Streit um Essen und Trinken…“, erinnerte sich Siganschin. Nichts dergleichen geschah auf dem T-36-Kahn. Sie teilten all ihre Vorräte gerecht und versuchten nicht, einander zu betrügen.

Angst, Deserteure zu werden

Am siebten März hatten sie nur noch einen halben Kessel frisches Wasser, einen Lederstiefel und drei Streichhölzer übrig. Glücklicherweise wurden sie an diesem Tag von dem amerikanischen Flugzeugträger „Kearsarge“ entdeckt. Zunächst wollten die sowjetischen Soldaten ihr Schiff nicht verlassen und baten die Amerikaner, sie mit notwendigem Treibstoff und Lebensmitteln zu versorgen.

Phillip Poplawski (l.) und Aschat Siganschin an Bord des US-amerikanischen Schiffes Kearsarge

Später überlegten sie es sich jedoch anders und gingen an Bord des Schiffes. Nachdem sie gegessen hatten, fielen sie in einen tiefen Schlaf, der mehrere Tage andauerte. Als sie aufwachten, erschraken sie jedoch. Ihnen wurde bewusst, dass sie ihr Schiff verloren hatten und an Bord eines amerikanischen Schiffes gegangen waren. Sie fürchteten, bei ihrer Heimkehr als Deserteure zu gelten.

Empfangen wie Helden

Ihre Sorgen waren jedoch unbegründet. Bald veröffentlichte eine große sowjetische Zeitung einen Artikel mit dem Titel „Stärker als der Tod“. Er handelte von ihnen. Sie wurden sowohl in der Sowjetunion als auch in den Vereinigten Staaten zu Helden. In San Francisco überreichte ihnen der Bürgermeister symbolisch einen Schlüssel der Stadt. In New York wurden sie ebenfalls als Helden gefeiert, in der Sowjetunion umso mehr.

Gerettete sowjetische Soldaten in San Francisco

In Moskau trafen sie den Verteidigungsminister und nahmen an endlosen Empfängen in der ganzen Stadt teil. Lieder wurden über sie geschrieben. Eines komponierte der ungemein bekannte Dichter und Sänger Wladimir Wyssozki. Er veröffentlichte ein Volkslied mit dem Titel der „Siganschin-Tanz“, in dem es hieß: „Siganschin aß seinen zweiten Stiefel“. Über die harte Probe der Soldaten wurde auch ein Film gedreht.

Die Männer wurden wahre Nationalhelden. Die Euphorie hielt bis zu Gagarins Weltraumflug im April des nächsten Jahres an. Der Ruhm des ersten Mannes im Weltall stellte die Geschichte der vier Soldaten in den Schatten.

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