Wie die Niederlande Russland geprägt haben

Alexei Buschkin/Sputnik
Ein kleiner europäischer Küstenstaat hat die Geschichte Russlands nachhaltig beeinflusst. Wie wurden die Niederlande zum Vorbild des Russischen Reiches?

Anfang August 1697 erreichte ein einfach gekleideter junger Mann die niederländische Stadt Zaandam. Von einem Schmied mietete er eine Wohnung. Der Name des jungen Mannes war Peter Michailowitsch. Auffällig waren seine vielen Begleiter. Jener junge Mann war tatsächlich der russische Zar Peter I, der inkognito bleiben wollte, was sich durch seine Entourage jedoch schwierig gestaltete. Der Zar war auf einer bedeutenden diplomatischen Mission, die die Zukunft des gesamten russischen Reiches prägen sollte und als „Große Gesandtschaft” bezeichnet wurde. Peter I. war der Meinung, dass Russland Europa in Sachen Fortschritt hinterherhinkte. Die Traditionen und Gebräuche seiner Landsleute waren ihm fremd geworden. Er wollte das Tor zu Europa und dem Westen öffnen.

Zar und Zimmermann

Der Aufbau einer schlagkräftigen Marine war ein zentrales Anliegen des Modernisierungsprogrammes. Doch es fehlten die Kenntnisse im Schiffsbau. Die Niederlande waren eine etablierte Seefahrernation. Daher lag es nahe, dass der junge Zar dort auf Bildungsreise ging. Peter I. war ein wissbegieriger junger Mann. Er wollte den europäischen Alltag beobachten und erleben. Der Zar war sich nicht zu schade, selbst Hand anzulegen. Er heuerte als Zimmermann an. Das Haus in Zaandam, in dem er acht Tage verbrachte, steht noch heute. Der niederländische König Willem I. erwarb das Gebäude 1818 und schenkte es seiner Schwiegertochter Anna Pawlowna, der Schwester von Zar Alexander I. Peters Karriere als Zimmermann währte jedoch nur kurz. Er war dem Adel allzu bekannt und die Gefahr der Enttarnung war groß.

Das Haus von Peter dem Großen in Zaandam

Die nächste Station nach Zaandam war Amsterdam. Der Bürgermeister war hocherfreut über den royalen Besuch und verschaffte ihm einen Arbeitsplatz in einer Werft der Niederländischen Ostindien-Kompanie. Der Zar krempelte die Ärmel hoch und machte sich an die Arbeit. Vier Monate verbrachten Peter I. und sein Gefolge in Amsterdam. Der Zar vertiefte seine Kenntnisse im Schiffsbau und interessierte sich zudem für alles, was Amsterdam zu bieten hatte. Er befasste sich unter anderem mit Gartenbau und Buchdruck.

Peter war geschickt mit der Axt und setzte dieses Talent auf grausige Weise ein. Er bat die Stadtverwaltung, Hinrichtungen und Folterungen beiwohnen zu dürfen. Das faszinierte ihn und er wurde ein großer Befürworter der Folter. Sogar seinen eigenen Sohn Alexei ließ er zu Tode quälen, weil dieser Militärgeheimnisse verraten haben soll und sich nach Europa absetzen wollte.

Peter I. verhört Zarewitsch Alexei in Peterhof

Zwar hatte der Zar nicht allzu viel übrig für die altmodischen Bautechniken der Niederländer, doch er holte hunderte Schiffbauer nach Russland. Der Schiffsbau war dort ein ganz neues Feld, so dass nautische Fachbegriffe in russischer Sprache nicht einmal existierten. Dies änderte der Zar und erweiterte die russische Sprache. Niederländische Fachausdrücke russifizierte er, so wurde „Wimpel“ zu „Wympel“ und „Stuurman“ (zu Deutsch „Steuermann“) zu „Schturman“. Diese Worte werden noch heute verwendet.

Zurück in Russland  

Nachdem er noch viele andere Länder, darunter England, Frankreich und Österreich, besucht hatte, endete die Große Gesandtschaft 1698. Die Strelizen, die Palastgarde, waren nicht begeistert von der zunehmenden Verwestlichung des Zaren und probten den Aufstand. Der Zar griff höchstpersönlich zur Axt und enthauptete damit selbst mehrere Aufständische.

Am Morgen der Hinrichtung der Strelizen

An seinen Aufenthalt in den Niederlanden dachte er gerne zurück und war bestrebt, den Seehandel zwischen Europa und Russland zu fördern. Dazu brauchte es einen neuen Hafen. Bislang war Archangelsk der Haupthafen, doch wegen der nördlichen Lage kam dort aufgrund der eisigen Temperaturen häufig alles zum Erliegen.  Am 27. Mai 1703 gab der Zar den Bau einer neuen Hauptstadt in Auftrag: Sankt Petersburg, das Tor zum Westen und das Venedig des Nordens. Seine Begeisterung für Amsterdam spiegelt sich in den zahlreichen Brücken und Kanälen Sankt Petersburgs wieder. In der neuen Admiralitätswerft arbeiteten bekannte niederländische und britische Schiffbauexperten.

Peter der Große

Sankt Petersburg wurde sorgfältig von vornehmlich ausländischen und darunter vielen niederländischen Architekten geplant. Die Mehrzahl der Gebäude wurden im Stil des petrinischen Barocks gebaut, der Elemente des russischen Naryschkin-Stils und des niederländischen und europäischen Barocks vereint.

Bei einem Besuch der Universität Leiden entdeckte Peter sein Interesse für den menschlichen Körper, was zur Gründung des ersten Museums Russlands, der Kunstkammer von Sankt Petersburg, führte. Noch heute ist dort die ursprüngliche Sammlung des Zaren zu bestaunen. Inzwischen beherbergt die Kunstkammer rund 200 000 Exponate.

Kunstkammer in Sankt Petersburg

Die Niederlande, ein kleiner Küstenstaat, haben die Geschichte des riesigen Russlands eindrucksvoll geprägt.

>>> Kartoffeln statt Bärte: Was Peter I. aus Europa nach Russland mitbrachte

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