Wie der Petersburger Blutsonntag aus dem Zaren einen Volksfeind machte

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Die Arbeiter, die sich im Januar 1905 auf den Weg zum Winterpalast machten, wollten dem Zaren lediglich eine Petition überbringen. Sie forderten darin mehr Rechte. Als Antwort wurde auf sie geschossen. Dieses Ereignis machte den Ruf des Zaren zunichte und läutete den Untergang der russischen Monarchie ein.

„Ich werde nie vergessen, was ich am 9. Januar [1905] aus dem Fenster der Akademie der Künste beobachtet habe“, sagte (rus) Walentin Serow, ein bekannter und begabter russischer Künstler über die Ereignisse, die als Petersburger Blutsonntag in die Geschichte eingingen. „Eine ruhige und selbstbewusste Gruppe, unbewaffnet, marschierte geradewegs in die Schusslinie. Es war ein schrecklicher Anblick… Wer hat dieses Massaker befohlen? Dieser dunkle Fleck wird für immer bestehen.” 

Ein armseliges Dasein 

1905 gab es in St. Petersburg hunderttausende Arbeiter. Wie überall im Land lebten sie unter schwierigen Bedingungen: elf Stunden Arbeit am Tag, kein Urlaub, keine Gewerkschaften. Die Fabrikbesitzer konnten Streikende jederzeit entlassen.

Es gab zwar eine Arbeiterbewegung, doch diese war ohne Schlagkraft und der Regierung treu ergeben. Die Vereinigung der russischen Fabrik- und Mühlenarbeiter in St. Petersburg war 1903 gegründet worden und hatte rund 10 000 Mitglieder. Ihr Anführer, der beliebte Priester Georgi Gapon, setzte sich für die Rechte der Arbeiter ein. Er war aber kein Revolutionär - im Gegenteil, er arbeitete eng mit den Behörden zusammen und versuchte, stets im rechtlichen Rahmen zu handeln.

Georgi Gapon (2.v.l.) und der St. Petersburger Bürgermeister Iwan Fullon (3.v.l.) auf einem Treffen der Vereinigung der russischen Fabrik- und Mühlenarbeiter

Die Vereinigung versuchte, das kulturelle Bewusstsein der Arbeiter zu fördern und unterstützte Bedürftige. „Die Regierung nahm uns nicht ernst. Unsere Bibliotheken und Schriften wurden mit Spenden unterstützt…”, berichtete (rus) Nikolai Warnaschow, ein Mitarbeiter Gapons.

Die Unzufriedenheit wuchs 

Die Situation änderte sich allmählich im Jahr 1904, als sich abzeichnete, dass Russland den Krieg gegen Japan verlieren wird. Langsam aber sicher wuchs die Unzufriedenheit mit der zaristischen Regierung. Lokale Räte, bekannt als Semstwa, unterzeichneten Petitionen, die eine demokratischere Regierungsform forderten - mit einer gewählten Legislative und umfassenderen Bürgerrechten.

Gapon begann, im Volk für die Umsetzung notwendiger Reformen zu werben. Es war ein riskantes Unterfangen - die meisten Arbeiter blieben dem Zaren zunächst treu ergeben, aber von Tag zu Tag wuchs ihr Groll.

„Wir haben die Gedanken der Arbeiter in zwei Richtungen gelenkt", schrieb Warnaschow: „Erstens: können wir nicht mehr so weiterleben. Der Zar, der inzwischen von korrupten Ministern gelenkt wird, muss die Stimme des Volkes kennen. Zweitens müssen auch die Arbeiter das gleiche Lied singen wie alle anderen russischen Klassen.” Zunächst lehnte die Vereinigung die revolutionären Ideen offiziell noch ab, aber die Spannungen nahmen massiv zu. 

Massenstreiks

Die Situation war schließlich so angespannt, dass ein Tropfen das Fass jederzeit zum Überlaufen bringen konnte. Ende Dezember 1904 war es soweit. Vier Arbeiter des Putilow-Eisenwerks in St. Petersburg wurden entlassen. Eine genauere Betrachtung ergab, dass ihr Chef, ein Konservativer, sie aus politisch motivierten Gründen hinausgeworfen hatte.

Das nahm die Vereinigung als Kampfansage auf: „Wenn wir die Entlassenen nicht verteidigen, verlieren wir jede Glaubwürdigkeit, geschweige denn, dass dies nur zu Despotismus führen wird”, schrieb (rus) Gapon in seinen Memoiren.

Nachdem die Verhandlungen zu einer Wiedereinstellung der Arbeiter gescheitert waren, riefen Gapon und seine Vereinigung zum Massenstreik auf - nicht nur im Putilow-Eisenwerk, sondern in der ganzen Stadt. Die Arbeiter folgten dem Aufruf, denn sie waren arm und ohne Rechte. Überall in der Stadt fanden Kundgebungen statt. Bis zum 8. Januar legten rund 100 000 Arbeiter aus verschiedenen Fabriken die Arbeit nieder. Zu diesem Zeitpunkt beschloss Gapon, sich mit einer Petition im Namen der Arbeiterklasse an Zar Nikolas II. zu wenden. 

Die Petition 

Das Dokument enthielt nichts Revolutionäres - es forderte weder die Abdankung des Zaren noch bedrohte es das Regime. Die Petition konzentrierte sich auf Forderungen wie einen Achtstundentag und eine angemessene Entlohnung. Es enthielt jedoch auch einige politische Forderungen, die Nikolaus II., ein engagierter Autokrat, sicherlich nicht zu akzeptieren bereit war: Freiheit und Unverletzlichkeit der Person, Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Glaubensfreiheit und eine Trennung von Kirche und Staat, Gleichheit der Person und eine schrittweise Übertragung des Landes auf das Volk.

Der Text der Petition endete: „Dies, Hoheit, sind unsere Hauptforderungen. Ordnen Sie an, schwören Sie, dass sie umgesetzt werden. Sie werden Russland glücklich und ruhmreich machen. Doch wenn Sie nicht Wort halten, dann werden wir auf dem Platz vor Ihrem Palast sterben.” Und genau so geschah es.  

Die Regierung schlägt zurück 

Als der Marsch von tausenden Arbeitern aus ihren Fabriken am 9. Januar begann, war Nikolaus II. nicht in der Hauptstadt - er war zwei Tage zuvor zu seiner Residenz in Zarskoje Selo aufgebrochen, da es Gerüchte über Revolutionäre (nicht mit Gapon in Verbindung stehend) gegeben hatte, die einen Anschlag auf den Zaren planten.

Die Anführer der Arbeiter wussten das, aber sie wollten den Zaren gar nicht persönlich antreffen. Es hätte ihnen gereicht, wenn sie ihre Petition einem seiner Beamten hätten übergeben können. Doch die Befehlshaber entschieden sich für eine andere Strategie. „Die Arbeiter sollten nicht in die Nähe des Winterpalastes gelangen. Falls notwendig, sollten sie mit Gewalt daran gehindert werden”,  erinnerte sich (rus) damals General Alexander Spiridowitsch. Zu groß war die Angst vor Provokationen der Arbeiter.  

Massenhysterie 

Fast 30 000 Soldaten waren in St. Petersburg aufmarschiert, um die Arbeiter daran zu hindern, zum Palast zu gelangen. Die Tragödie erschien unausweichlich. Zehntausende unter den Arbeitern hatten Bilder des Zaren dabei oder Ikonen. Sie sangen patriotische Lieder, um dem Zaren zu gefallen. Sie waren überzeugt, dass die Armee nicht auf Landsleute schießen würde. Sie sollten sich irren. 

Als die Demonstration weiterzog, eröffneten in der ganzen Stadt Soldaten das Feuer auf die unbewaffnete Menge. Don Kosaken ritten mit ihren Pferden in die Menschenmassen und schlugen mit Peitschen und Schwertern um sich. Georgi Gapon, der einen der Demonstrationszüge anführte, konnte dem Tod nur knapp entkommen und musste sich verstecken. Offiziellen Zahlen zufolge starben an diesem Tag mindestens 130 Menschen. Die Zeitungen berichteten von bis zu 4 600 Toten, was aber unwahrscheinlich schien. 

Entscheidend war, dass dieser Blutsonntag die Öffentlichkeit schockierte und sich die Haltung zu Zar Nikolas II. und seinem Regime änderte. Von da an trug Nikolas II. den Beinamen „der Blutige”.

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