Sturm auf den Winterpalast: Wie die Bolschewiken vor 100 Jahren die Macht ergriffen

Sturm auf den Winterpalast in einer Rekonstruktion

Sturm auf den Winterpalast in einer Rekonstruktion

Mary Evans Picture Library/Global Look Press
Vor 100 Jahren kamen die Bolschewiken in Petrograd an die Macht und leiteten damit eine 70-jährige Herrschaft des Kommunismus ein. Der Winterpalast fiel als letztes Symbol der zaristischen Macht den Revolutionären zum Opfer.

Eine schreiende und schießende Menge versucht, ein massives Gebäude zu stürmen. Ein verwundeter Mann, der dem Tode nah ist, kniet auf der Straße und ruft die Menschen dazu auf, den heiligen Kampf gegen die Tyrannei fortzusetzen. Ein schier endloser Menschenstrom überwindet die riesigen Tore und findet sich schließlich im Winterpalast wieder. Die Revolution ist gewonnen, die Luft von donnernden Jubelrufen erfüllt.

So zumindest beschreibt der berühmte sowjetische Regisseur Sergei Eisenstein in seinem Film „Oktober: Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ (1928) den Höhepunkt der Oktoberrevolution und die Erstürmung des Winterpalastes, der langjährigen Residenz der Zarenfamilie Romanow in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg. Doch diese dramatische Filmszene hat nichts mit der Realität zu tun.  

Eine Regierung in der Klemme

Denn diese war weitaus weniger heroisch. Am 6. November 1917, nach dem Julianischen Kalender, der in Russland bis 1918 gültig war, am 25. Oktober, befand sich die russische Übergangsregierung, die nach der Abdankung des Zaren Nikolai II. seit März das Land regierte, in einer äußerst schwachen Position. Unfähig, entscheidende Veränderungen herbeizuführen und die wachsenden Proteste in den Griff zu bekommen, verlor sie selbst in der Hauptstadt zunehmend an Macht.

Darüber hinaus waren die Besatzungstruppen von Petrograd mit dem Chef der Übergangsregierung, Alexander Kerenski, äußerst unzufrieden. Dieser hatte in den Wochen zuvor versucht, die in der Hauptstadt stationierten Regimenter an die Front zu schicken. Der Erste Weltkrieg war zu jener Zeit schließlich noch in vollem Gange.

Die Soldaten, die keinerlei Lust verspürten, an der Front zu dienen, schlossen sich kurzerhand den radikalen Bolschewiken an, die zu einer neuen Rebellion aufriefen. Am 4. und 5. Oktober ergriffen die Bolschewiken unter der Führung von Wladimir Lenin und Leo Trotzki in Petrograd die Macht.

Regimewechsel

Der Regimewechsel glich eher einem Wechsel des Wachpersonals: Bewaffnete Revolutionäre drangen in das Hauptquartier ein und lösten die Soldaten mit dem Satz ab, dass die Übergangsregierung abgesetzt sei. „Die Macht gehört nun den von den Sowjets repräsentierten Arbeitern und den Bauern“, teilten sie ihnen mit. Die Sowjets waren Gremien, die von den unteren Schichten der Gesellschaft gewählt wurden, und bei denen die Bolschewiken eine Führungsposition einnahmen.

Da die Soldaten nicht mehr motiviert waren, die Regierung weiterhin zu unterstützen, wechselten sie ohne zu zögern die Seite. So hatte Kerenski am Vorabend der Revolution de facto keine Truppen und verließ am Morgen des 6. Oktober die Stadt, um bei den Frontsoldaten für Unterstützung zu werben. Vergeblich.

Die Ruhe vor dem Sturm

In der Zwischenzeit versuchte die Regierung, das, was ihnen noch blieb, zu verteidigen: den Winterpalast. Jeder, der verfügbar war, wurde mobilisiert: auch Junker, also Studenten der Militärakademie, und Frauen. „Es ist immer noch unklar, wie viele Soldaten sich im und um den Palast herum befanden, wahrscheinlich an die 500 bis 700 Leute, die kamen und gingen“, sagt die russische Historikerin Julia Kantor in einem Interview mit Lenta.ru.

In der Nacht war der Winterpalast schließlich von den Bolschewiken und ihren Anhängern, dem Militärtrupp Rote Garde, umstellt. Um 21:40 Uhr feuerte das Kreuzfahrtschiff „Aurora“ auf dem Fluss Newa einen Schuss ab, der das Startsignal für den Angriff gab.

Von Angesicht zu Angesicht

Nach dem Untergang der Monarchie diente der Winterpalast nicht länger als royaler Wohnsitz, sondern lediglich als Hauptquartier der Übergangsregierung und als Krankenhaus für die im Ersten Weltkrieg verwundeten Truppen. Als die Bolschewiken den Winterpalast von der auf der anderen Seite der Newa liegenden Peter-und-Paul-Festung aus unter Beschuss nahmen, fielen einige der Soldaten der Auseinandersetzung zum Opfer.

Abgesehen davon verlief die Einnahme des Winterpalastes jedoch ruhig und erfolgreich. Während des Angriffs schlich sich eine Gruppe von zehn bis zwölf Mann unter der Führung des Militärbefehlshabers Wladimir Antonow-Owsejenko durch ein offenes und unbewachtes Tor im hinteren Teil des Gebäudes in den Palast.

Der Gotische Saal nach der Einnahme durch das Militärkomitee

Nach stundenlanger Suche fand die Gruppe das Kabinett, in dem die Minister der Übergangsregierung tagten. Bewacht wurden diese unerklärlicherweise nicht. Antonow-Owsejenko gab den Befehl zur unverzüglichen Festnahme und versprach allen, die ihre Waffen niederlegen würden, körperliche Unversehrtheit.

Das Finale

Im Prinzip ist die Geschichte damit erzählt. Die Erstürmung des Winterpalastes verlief relativ unblutig, sagt der Historiker Boris Sapunow. „Die Sowjetführung hatte also allen Grund zu behaupten, dass die Oktoberrevolution die unblutigste Revolution Europas war“. Die Amtszeit der provisorischen Regierung in Petrograd hatte damit ein Ende ohne gewaltsame Auseinandersetzungen genommen.

Unter den Opfern befand sich lediglich noch ein Weinkeller, dessen Beschuss Antonow-Owsejenko angeordnet hatte, um die Soldaten vom Trinken abzuhalten. Damit floss der Wein durch die Straßen und in die Kanalisation und sorgte für die eine oder eigene Legende darüber, wie viel Blut bei der Erstürmung des Winterpalastes geflossen war. Das Blutvergießen jedoch sollte in Wirklichkeit erst später erfolgen.

Reproduktion einer Fotografie von 1923: Wladimir Antonow-Owsjejenko (1883-1939), der den Sturm auf den Winterpalast anführte.

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