Liegt der Mittelpunkt Asiens wirklich in Russland?

Geschichte
JEKATERINA SINELSCHTSCHIKOWA
Wo liegt der geografische Mittelpunkt Asiens - in Russland oder in China? Und wer entscheidet das?

Wo ist das Zentrum Asiens? 

Ein Zentrum befindet sich in Russland, in der Stadt Kysyl in der Republik Tuwa. Es wird durch einen hohen Obelisken mit dem selbsterklärenden Namen „Zentrum Asien“ markiert, der sich am Kuschuge-Schoigu-Damm des Flusses Jenissei befindet. Der Damm ist nach einem prominenten tuwinischen Beamten und Vater des derzeitigen Verteidigungsministers der Russischen Föderation benannt. 

Der chinesische Damm - das „Geografische Zentrum des asiatischen Kontinents“ - befindet sich etwa 700 km weiter südlich, in Yungfen in China, und ist hier erst viel später entstanden. 

Wie ist es zu dieser Situation gekommen? Die Antwort liegt in den unterschiedlichen Berechnungsmethoden (und ein wenig in der Politik). 

Wie wurde das Zentrum Asiens ermittelt? 

Ein geografischer Mittelpunkt wird gewöhnlich als ein Punkt definiert, der von den Grenzen eines Gebiets gleich weit entfernt ist. Da Asien weder ein eigener Kontinent noch eine Landmasse ist, werden seine Grenzen auf der Grundlage der Territorien der zu der Region gehörenden Länder berechnet. Ein weiterer Streitpunkt ist die Frage, ob bestimmte weit entfernte Inseln als die äußersten Punkte Asiens angesehen werden sollen oder nicht. 

Die Vorstellung, dass das Zentrum Asiens in Kysyl liegt, tauchte erstmals in den Schriften des Hydrologie-Ingenieurs Wsewolod Roditschew zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf. 1910 veröffentlichte er ein Essay, in dem er die Geschichte eines englischen Reisenden erzählt, der in den 1890er Jahren die chinesische Provinz Uriankhai (das Gebiet des heutigen Tuwa) besuchte. Das Zentrum Asiens war sein Ziel - der exzentrische Engländer reiste angeblich um die Welt mit dem einzigen Ziel, seine Anwesenheit in den Zentren der Kontinente zu „protokollieren“. Asien stand an vierter Stelle auf seiner Liste - zuvor hatte er bereits die zentralen Punkte Europas, Afrikas und Australiens besucht. 

Der Name des Engländers ist unbekannt, obwohl mehrere Quellen auf seine tatsächliche Existenz hinweisen. Seinen Berechnungen zufolge befand sich das Herz Asiens am Oberlauf des Jenissej, am Ufer des Flusses, direkt im Garten eines Anwesens, das Georgi Safjanow, einem lokalen Handelspostenbesitzer, gehörte. Der Legende nach bat der Engländer um die Erlaubnis, an dieser Stelle „zwischen den Karottenblättern“ ein Denkmal zu errichten - und er erhielt grünes Licht. 

Heutige Forscher stehen dieser Geschichte allerdings skeptisch gegenüber (seltsamerweise wird der Name des Engländers in keiner der Quellen erwähnt). Es gibt die Theorie, dass das Denkmal im Garten von Safjanow selbst errichtet wurde, der damit seine eigenen Ziele verfolgte.

Georgi Safjanow war Mitglied der kaiserlich-russischen geografischen Gesellschaft, und praktisch alle russischen Reisenden, die zu jener Zeit in die chinesische Provinz Uriankhai kamen, übernachteten bei ihm. Gibt es eine bessere Werbung?  

So oder so stand das Denkmal mehrere Jahrzehnte lang, und niemand kümmerte sich besonders um das Zentrum Asiens. Doch 1964 beschlossen die sowjetischen Behörden, das Thema anlässlich des 20. Jahrestages der Angliederung Tuwas an die Sowjetunion wieder aufzugreifen (nachdem die Republik nicht mehr zu China gehörte, war sie bis 1944 ein unabhängiger Staat und russisches Protektorat). Zu diesem Anlass wurde ein Obelisk des Bildhauers Wassili Demin – „Zentrum Asiens“ - errichtet. Natürlich stand er nicht mehr im Garten, sondern das hohe und majestätische Betonmonument wurde etwas östlich des Dorfes auf dem städtischen Damm aufgestellt, der als idealer Platz dafür angesehen wurde. Im Vorfeld wurden Berechnungen angestellt, um herauszufinden, ob das Zentrum Asiens wirklich irgendwo in Tuwa liegt, und die Antwort war positiv. Es gibt keinen Grund, diesen Ort als genauen geodätischen Punkt zu betrachten, aber als Symbol ist er durchaus gerechtfertigt. 

Die chinesische Version - und die russische Antwort 

Das "zweite" Zentrum Asiens tauchte viel später auf, nämlich 1992. Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der UdSSR beschlossen chinesische Experten, den wahren Mittelpunkt anzufechten, und kamen nach eigenen Berechnungen zu dem Schluss, dass das Zentrum Asiens bei Yungfen liegt. Die Berechnung basierte auf den geografischen Zentren von 49 Ländern, darunter Inselstaaten wie Zypern und Japan, während Palästina und Sikkim aus politischen Motiven der Volksrepublik China als unabhängige Staaten gezählt wurden. 

Ein Dorf, das an dieser Stelle gestanden hatte, musste verlegt werden, um Platz für das chinesische Zentrum zu schaffen (das Dorf wurde in „Herz Asiens“ umbenannt), und das Zentrum wurde durch ein 18 Meter hohes Denkmal - einen Turm in Form des Buchstaben „A“ (für Asien) - markiert. 

Doch das änderte die Dinge nicht wesentlich. Die Antwort Russlands kam 2014: Der Obelisk von 1964 wurde durch einen neuen, noch größeren und anmutigeren Obelisken ersetzt - im Geiste der frühen buddhistischen Kultur. Diesmal sollte er des 100. Jahrestags der Eingliederung Tuwas in Russland gewidmet sein (gerechnet ab 1914, als Tuwa ein kaiserliches Protektorat wurde). Es wurde von dem burjatischen Bildhauer Daschi Namdakow unter Verwendung skythischer Motive entworfen.