Russischer Reporter in Syrien: „Wir sind nur knapp dem Tod entkommen“

Russische Journalisten sind in Syrien unter Raketenbeschuss geraten.

Russische Journalisten sind in Syrien unter Raketenbeschuss geraten.

RIA Nowosti
Am Tag vor dem Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei wurden in Syrien russische Reporter Ziel eines Raketenangriffs. In einem Gespräch mit RBTH schildert der Journalist des TV-Senders RT, Sarhon Chadaja, den Moment des Angriffs und seine Eindrücke aus dem Kriegsgebiet.

War es Ihre eigene Entscheidung als Auslandsreporter nach Syrien zu gehen?

Ich habe bereits in der Ukraine als Kriegsberichterstatter gearbeitet. Und es war mein eigener Wunsch, auch nach Syrien zu gehen. Ich wollte mir ein Bild von der Lage vor Ort machen. Bis dahin hatte ich mich vor allem mit den politischen Aspekten des Syrien-Konflikts befasst. Ich habe von den Verhandlungen in Genf, Wien und Moskau berichtet und Baschar al-Assad (den syrischen Präsidenten, Anm. d. Red.) interviewt.

Waren Sie auf das, was Sie erlebt haben, vorbereitet?

Wir waren uns bewusst, dass wir in den Krieg ziehen. Realer Krieg hat nichts mit dem zu tun, was auf den Fernsehschirmen zu sehen ist. Krieg bedeutet Tragödien und persönliche Schicksale, die schwer zu verkraften sind. Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dass wir Reporter zum Angriffsziel werden würden und wir nur um Haaresbreite dem Tod entkommen sollten. Wenn unsere Piloten und Journalisten angegriffen werden, dann wird klar, dass hier keine Militärdoktrin und keine ungeschriebenen Gesetze der Kriegsführung mehr gelten.

Bitte erzählen Sie von dem Tag, als Ihr Team unter Beschuss geraten ist.

Wir waren auf dem Weg zu Dreharbeiten in der von der syrischen Armee zuvor befreiten Ortschaft Dagmashliya. Wir waren in drei Fahrzeugen unterwegs. Die erste Rakete schlug am Hang vor uns ein. Zwei Autos konnten entkommen, wir saßen im dritten Auto, das dann von einer zweiten Rakete getroffen wurde.

Unser Kameramann Aleksandr Schukow hat die folgenden drei Stunden gefilmt, wie wir von der syrischen Armee in Sicherheit gebracht wurden. Die Soldaten führten uns durch zerstörte Gärten und entfernten auf unserem Weg die Auslösedrähte von Springminen. In dieser Zeit wurden in unsere Richtung drei bis vier weitere Raketen abgefeuert.

Was haben Sie in diesem Moment empfunden?

Ich habe sofort begriffen, dass die Lage ernst war und wir das Ziel des Angriffs waren. Wir mussten alle unsere Kräfte darauf konzentrieren, dem Beschuss  zu entkommen. Das schwierigste war, später Familie und Freunden von diesem Erlebnis zu erzählen. Sie erfuhren davon zunächst aus den Nachrichten und wurden mit verstörenden Bildern konfrontiert, während wir schon längst wieder in Sicherheit waren. Ich rief meine Familie an und versicherte ihr, dass es mir gut geht. Sie müssten sich keine Sorgen machen, alles, was im Fernsehen zu sehen sei, sei schon Vergangenheit, beruhigte ich sie.

Glauben Sie, dass es ein gezielter Angriff auf das Reporterteam war?

Das ist schwer zu beurteilen. Wir haben alle international gültigen Vorschriften beachtet. Wir trugen blaue Warnwesten mit der Aufschrift „Presse“ und blaue Helme. Später wurde bestätigt, dass die Geschosse von Panzerabwehrlenkwaffen aus abgeschossen wurden. Diese sind lasergesteuert. Man kann daher schon davon ausgehen, dass wir Journalisten kein zufälliges Ziel waren. Möglicherweise hatten die Angreifer einen hochrangigen Beamten in unserem Team vermutet. Unsere blauen Helme dienten ihnen als Orientierung. Das Gebiet, in dem wir angegriffen und das Gebiet, in dem der russische Kampfjet abgeschossen wurden, liegen im Umkreis des Berges Nuba. In dieser Region sind Kämpfer der al-Nusra-Front, von der Ahrar al-Scham und der Turkmenen aktiv.

Wie hat sich die Lage in Syrien nach dem Beginn der russischen Militäroperation verändert?

Mittlerweile profitieren die syrische Armee und ihre Verbündeten. Die Armee ist in mehreren Richtungen vorgerückt, darunter auch im Norden Latakias. Parallel dazu wird in einigen Regionen über einen Waffenstillstand verhandelt. Dies ist eine gute Voraussetzung für einen politischen Prozess. Noch aber liegt der Schwerpunkt auf dem Kampf gegen den Terrorismus. Erst wenn dabei größere Fortschritte erzielt werden, kann man den politischen Prozess auf der Grundlage der Erklärungen von Genf und Wien vorantreiben. Das ist aber noch Zukunftsmusik. Zunächst müssen die Probleme vor Ort gelöst werden.  

Wie reagiert die syrische Bevölkerung auf die Russen und die Präsenz des russischen Militärs in Syrien?

In Latakia, Homs, Tartus und Dschabla, wo wir waren, wurden wir mit Dankbarkeit und Freude empfangen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass trotz aller Freude über den Einsatz der russischen Armee der fünfjährige Krieg bereits viel Leid hinterlassen hat: Es gab schon so viele Tote. Die Russen können die toten Kinder leider nicht wieder lebendig machen.

Warum sind Sie nach Moskau zurückgekehrt?

Unsere Fotos wurden in russischen Medien veröffentlicht. Und auch die sogenannte gemäßigte syrische Opposition veröffentlichte sie auf einer Webseite, unter der Überschrift: „Russische Reporter beim Angriff Russlands auf die syrische Bevölkerung verletzt“. Darunter waren Kommentare zu lesen wie: „Wenn sie nicht gestorben sind, werden wir sie töten“. Wir haben uns gemeinsam entschieden, dass wir das Leben unseres Teams nicht aufs Spiel setzen wollen. Wir alle sind ins Visier der Angreifer geraten. Zudem wurde ich von einem Splitter verletzt, der sehr tief saß. Die syrischen Ärzte konnten ihn nicht herausholen. 

Wollen Sie zurück nach Syrien, wenn Sie wieder genesen sind?

Eine Rückkehr ist aktuell nicht geplant. Anfang des neuen Jahres könnte in Syrien der nationale politische Prozess starten. Ich habe ein gutes Verhältnis zur syrischen Regierung und anderen Akteuren, ebenso zu Vertretern der Opposition. Ich werde mich bemühen, einen Beitrag zu leisten.

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