Killer-Nanny: Fragen zu einem grausamen Mord

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Der Mord an einem vierjährigen Mädchen in Moskau löste weltweites Entsetzen aus. Für Empörung sorgte in Russland aber auch die Tatsache, dass die russischen Fernsehsender nicht über diese Tragödie berichteten. Was steckt dahinter?

Montagmorgen an der Metrostation Oktjabrskoje Polje im Moskauer Nordwesten. Eine schwarz gekleidete Frau läuft „Allahu akbar“ rufend umher und droht, sich in die Luft zu sprengen. In der Hand hält sie den abgetrennten Kopf eines vierjährigen Mädchens. Polizisten nehmen die Frau fest, Sprengstoff finden sie keinen.

Dafür in der Wohnung der Frau in der Uliza Narodnogo Opoltschenija, die sie nach der Tat in Brand setzte, den enthaupteten Körper des Kindes. Gültschehra Bobokulowa heißt die Frau, die weltweit für Entsetzen sorgte. Russischen Medienberichten zufolge war die Usbekin seit drei Jahren bei der Familie des getöteten Kindes als Kindermädchen angestellt. Die Eltern hätten an ihrer Arbeit nichts auszusetzen gehabt, sie habe quasi zur Familie gehört. Bobokulowa hat die Tat bereits gestanden.

Das Schweigen der Fernsehsender

Vor dem Eingang zur Metrostation Oktjabrskoje Polje im Moskauer Nordwesten haben sich Menschen versammelt. Die Moskauer trauern. An der Stelle, an der Gültschehra Bobokulowa festgenommen wurde, haben sie ein Mahnmal entstehen lassen. Mit Blumen und Kinderspielzeug wollen sie dem ermordeten Mädchen die letzte Ehre erweisen.

Olga, eine blonde Frau mittleren Alters, legt zwei Nelken in das Blumenmeer. Sie hat Tränen in den Augen. „Für mich ist das grauenhaft, ich habe selbst ein Kind“, sagt sie und bricht zusammen. „Ich kann mir nicht vorstellen, was diese Frau zu einer solchen Tat getrieben hat.“

Doch in die Trauer mischt sich auch Wut. Ein älterer Herr wendet sich seiner Begleiterin zu: „Sie haben verboten, darüber zu berichten! Im Fernsehen wurde davon nichts gezeigt!“ Ein anderer Passant flucht nur und geht zügig weiter.

Die Tragödie löste in Russland eine Woge der Empörung aus. Für besonderen Unmut sorgte die Tatsache, dass die wichtigsten Fernsehsender über das Geschehen überhaupt nicht berichteten. Es wird spekuliert, die Medien seien angewiesen worden, den Fall zu vertuschen. Dmitri Peskow, Pressesprecher des russischen Präsidenten, versicherte hingegen, die Regierung habe den Sendern keinerlei Empfehlungen gegeben. Sie unterstütze aber deren Entscheidung, nicht über diesen Fall zu berichten.

Rufe nach einer größeren Kontrolle von Migranten

Über die Beweggründe der Sender spekuliert die russische Öffentlichkeit. Vor allem das auffällige Verhalten der Frau wirft Fragen auf. Sie könnte beispielsweise unter dem Einfluss von Drogen gestanden haben, vermutet etwa Viktor Iwanow, Leiter des russischen Föderalen Dienstes für Drogenkontrolle.

Foto: Artjom Geodakyan / Tass

Bobokulowa war in Moskau ohne Arbeitserlaubnis beschäftigt. Wer eine entsprechende Bescheinigung erwerben möchte, muss seine Daten polizeilich prüfen lassen, sich einem Drogentest unterziehen und ein psychiatrisches Gutachten vorlegen. Wäre die Kinderfrau regulär beschäftigt worden, so glauben daher viele, hätte die Tragödie verhindert werden können.

Der erste stellvertretende Vorsitzende des Duma-Ausschusses für Industrie Wladimir Gutenew forderte gar den Föderalen Migrationsdienst (FMS) auf, zu überprüfen, ob die Vermittlungsagenturen für Kindermädchen die gesetzlichen Vorschriften zur Beschäftigung von Migranten beachten. 

Eine Tat mit islamistischem Hintergrund?

Russischen Medienberichten zufolge war die Usbekin Gültschehra Bobokulowa seit drei Jahren bei der Familie des getöteten Kindes als Kindermädchen angestellt. Foto: Sergei Fadeichev/TASS

Nach Auffassung der Islamwissenschaftlerin Rais Sulejmanow wird versucht, das Verbrechen auf den Drogeneinfluss oder die psychische Instabilität von Gültschehra Bobokulowa zurückzuführen, um keine islamfeindlichen Stimmungen in der Gesellschaft zu provozieren. „Das führt zu einem gegenteiligen Effekt“, meint die Expertin: „Das Bestreben, die religiös-ideologische Bedeutung zu leugnen, verleiht ihr in der Gesellschaft erst recht Gewicht.“

Sulejmanow schließt ein ideologisches Motiv der Tat nicht aus. In radikal-islamischen Kreisen sei die Enthauptung von Menschen zur Abschreckung ein verbreitetes Phänomen. „Die Enthauptung ist für Anhänger des sogenannten ‚Islamischen Staats‘ zu einer symbolischen Handlung geworden, die bei seinen Feinden für Entsetzen sorgen soll“, sagt Sulejmanow.

Mit dem Islam könne man die Tat der Gültschehra Bobokulowa nicht in Verbindung bringen, ist dagegen Damir Muchetdinow, der stellvertretende Vorsitzende der geistlichen Verwaltung der Muslime in Russland, überzeugt. „Selbst wenn wir davon ausgehen, dass die Ansichten der Extremisten über die islamische Lehre auseinandergehen, hat diese Tat in der islamischen Kultur keinen Platz. Im Kapitel zum Dschihad eines jeden Buches zur islamischen Rechtslehre steht eindeutig, dass es keinen Krieg gegen Kinder, Frauen und alte Menschen geben darf“, erklärt Muchetdinow.

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