Minenunglücke in Russland: Warum passieren sie so häufig?

Eine Million Tonnen Steinkohle fordert in Russland ein Bergmannsleben.

Eine Million Tonnen Steinkohle fordert in Russland ein Bergmannsleben.

Ilya Pilipenko
Bei einem schweren Unglück in der Sewernaja-Mine im Norden Russlands sind 36 Bergarbeiter ums Leben gekommen. Die Tragödie hat die Frage der Sicherheit im Bergbau wieder in den Vordergrund gerückt. RBTH versucht den Ursachen für die häufigen Unglücke auf den Grund zu gehen.

Vergangene Woche Montag kam es in der Sewernaja-Mine in Workuta, 1 880 Kilometer nordöstlich von Moskau, in 748 Meter Tiefe zu zwei Explosionen. Von den 111 Bergarbeitern, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks in der Mine aufhielten, konnten zunächst nur 81 befreit werden. Vier Bergarbeiter konnten nur noch tot geborgen werden, viele weitere wurden verletzt. 

Am Donnerstag explodierte es während der Rettungsmaßnahmen zum dritten Mal. Dabei kamen sechs Rettungskräfte ums Leben. Man beschloss, den Einsatz zu stoppen. Der Föderale Rettungsdienst ließ verlauten, dass es nicht mehr möglich sei, die in der Mine verbliebenen Bergarbeiter zu retten. Es bestünden kaum Chancen für ihr Überleben. Insgesamt kamen also 36 Menschen bei dem Unglück ums Leben.

Ursachen des Unglücks

In russischen Minen ereignen sich immer wieder tödliche Unfälle. Zu den häufigsten Ursachen gehören Einstürze, Brände und Überflutungen. Die schwersten Unglücke aber werden zumeist auf Methangasexplosionen zurückgeführt. Zu diesen komme es vor allem aufgrund von Verstößen gegen die Sicherheitsstandards, sagt Alexander Sergeew, Vorsitzender der unabhängigen Bergarbeitergewerkschaft, im Interview mit RBTH.  

Menschen erweisen Witalij Lawrow die letzte Ehre. Er war einer der Minenarbeiter, die infolge einer Explosion in Workuta am 26. Februar ums Leben gekommen sind. Foto: AP

Die Unglücke passieren oft aufgrund von Manipulationen am System der automatischen Kontrolle von Gaskonzentrationen. Als Beispiel nennt Sergeew das bisher schwerste Bergbau-Unglück in der jüngeren Geschichte Russlands: 2007 hatte der Leiter der Uljanowskaja-Mine verordnet, das Gasmessgerät zu manipulieren, um eine Schließung des Bergwerks aufgrund einer Überschreitung der erlaubten Gaskonzentrationen zu verhindern. 110 Bergarbeiter kamen damals ums Leben.   

Das Unglück in der Sewernaja-Mine lasse sich auf natürliche Ursachen zurückführen und sei eine unvermeidbare Tatsache, hieß es danach oft. Alexander Sergeew hält diese Version jedoch für unglaubwürdig. Die wahre Ursache der Tragödie sei die Verletzung der Sicherheitsnormen gewesen. „Es ist einfach unfair, von natürlichen Ursachen für die Tragödie zu sprechen. Das ist ein Eingeständnis der eigenen Inkompetenz. Im Bergwerk gab es schließlich ein System zur seismischen Kontrolle“, erklärt der Experte. 

Warum gehen Bergarbeiter das hohe Risiko ein?

Daria Trjasucho, Tochter eines der gestorbenen Bergarbeiter, äußerte sich online zu dem Unglück und gab an, ihr Vater habe bereits drei Wochen vor dem Unglück von einer Überschreitung der erlaubten Gaskonzentrationen in der Mine gesprochen.

„Bergarbeiter gehen das Risiko bewusst ein. Wir werden nach Fördermenge bezahlt, deswegen muss man manchmal bei kleinen Verletzungen der Sicherheitsnormen wegschauen – ansonsten verliert man Zeit“, erzählt ein Bergarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Man muss doch seine Familie ernähren, den Kredit für die Wohnung zurückzahlen und irgendwie leben können.“

Unglücke werden seltener

Die Zahl der Unglücke in Russland sinkt dennoch. Waren es im Jahr 2004 noch 33 Unglücke mit 148 Toten, so sank der Wert 2014 auf acht Unglücke, bei denen insgesamt 26 Menschen ums Leben kamen.

Um die Anzahl der Unglücke in den Minen noch deutlicher zu senken, müsse man sich fortlaufend um Präventivmaßnahmen bemühen, glaubt Sergeew. Der Experte ist überzeugt, dass man die Tragödie in einem Bergwerk, das zu jenen mit besonders hohem Einsturzrisiko und unkontrollierten Methanaustritten zählt, mit präventivem Handeln hätte verhindern können. 

Die schwersten Unglücke im russischen Bergbau

1. Dezember 1997 – Unglück im Sirjanowskaja-Bergwerk (Nowokusnezk, Verwaltungsgebiet Kemerowo) mit 67 Toten. Ursache: Methangasexplosion

18. Januar 1998 – Explosion in der Zentralnaja-Mine (Workuta, Republik Komi), 27 Menschen sterben. Ursache: Methangasexplosion

10. April 2004 – Unglück im Tajshschina-Bergwerk (Osinniki, Verwaltungsgebiet Kemerowo) mit 47 Toten. Ursache: Methangasexplosion

19. März 2007 – Unglück in der Uljanowskaja-Mine (Verwaltungsgebiet Kemerowo) mit 110 Opfern. Ursache: Methangasexplosion aufgrund der Missachtung von geltenden Sicherheitsnormen im Bergbau

8.-9. Mai 2010 – Unglück im Raspandskaja-Bergwerk (Verwaltungsgebiet Kemerowo), 91 Menschen sterben. Ursachen: falsche Staubverhältnisse in der Grube, keine Kontrolle über Kohleselbsterhitzung und mangelnde Stromversorgung

11. Februar 2013 – Unglück in der Workutinskaja-Mine (Workuta, Republik Komi) mit 19 Toten. Ursache: Verletzung der Sicherheitsnormen

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland

Weiterlesen