Ruskeala: Vom Müllhaufen zur Touristenattraktion

Anton Yushko
Der Marmorsteinbruch Ruskeala, früher ein komplett verwahrloser und vergessener Ort, zieht jetzt Touristen aus dem Nordwesten Russlands und aus dem Ausland an. Eine märchenhafte Verwandlung machte es möglich.

Der erste Eindruck vom Marmorsteinbruch Ruskeala ist eine große Überraschung. Das Auto ist eben noch über einen holprigen Feldweg gefahren, gesäumt von kleinen Datschen mit Kartoffelgärten und selbstgebastelten Zäunen. Nach einer Kurve flimmert plötzlich etwas Grelles, Weißes auf – und vor den Augen des Betrachters tut sich eine wunderschöne Landschaft auf. 

Ruskeala ist von der Hauptstadt Kareliens Petrosawodsk aus zu erreichen. Die letzten 50 Kilometer lassen sich nur mit dem Auto überwinden, was sämtliche „Vorzüge“ der Dorfstraßen erlebbar macht – schon seit einigen Jahren streiten sich Kommunalverwaltung und föderale Verwaltung ergebnislos, wer für die Sanierung dieser Strecke zuständig ist.

Würden sich die einheimischen Unternehmer ähnlich verhalten, wäre Ruskeala immer noch ein riesiger Industrie-Schrottplatz wie in den vergangenen 40 Jahren. „In dem See, der sich im Marmorsteinbruch gebildet hatte, waren verrostete Traktorenteile zu sehen, das Wasser war verschmutzt“, erinnert sich Aleksandr Artemjew, Geschäftsführer des Touristikunternehmens Kolmas Karelija. Dieses Schicksal blieb Ruskeala zum Glück erspart. Für Touristen verwandelte sich das ehemalige Industrieobjekt in einen Palast.

Marmor für die Isaakskathedrale

Die Marmorvorkommen in Ruskeala sind bereits seit dem 17. Jahrhundert bekannt. Die ersten Bodenschätze wurden hier von Karelen gewonnen, die bemerkten, dass die Erde reich an Eisen ist. So erhielt auch der Fluss seinen Namen: Ruskolka, abgeleitet vom karelischen Wort „ruskea“, das für Braun, Kupferrot und Rot steht. Später wurde der Name auf das gesamte Dorf  übertragen.

Foto: Anton Juschko

Ende des 17. Jahrhunderts waren es Schweden, die hier Marmor zu Bauzwecken gewannen. Nach dem Ende des Großen Nordischen Krieges, als Ruskeala ein Teil des Russischen Reichs wurde, weckten die versteckten Marmorvorkommen das Interesse russischer Fachleute. Riesige, aus den Felsen gemeißelte Steinblöcke wurden von hier nach Sankt Petersburg transportiert, wo Katharina die Große die Stadt zu einer prachtvollen Metropole ausbaute.

Mit dem Marmor aus Ruskeala sind etliche berühmte historische Bauwerke in Sankt Petersburg geschmückt, darunter die Isaakskathedrale, die Kasaner Kathedrale und der Marmorpalast. Zu Hochzeiten schufteten hier bis zu 700 Meister und Lehrlinge aus dem gesamten Russland. Die Stollen waren Dutzende Kilometer lang, einige davon erreichten eine beträchtliche Tiefe von 45 bis 55 Metern und schafften eine unglaubliche Unterwelt. In den unterirdischen Gemächern Ruskealas ist heute eine halbdurchsichtige Kasaner Kathedrale aus Eis zu finden: ein Zusammenspiel von Geschichte und Gegenwart.

Zauberhafte Verwandlung

Am Ende der Sowjetzeit ließ die Regierung den Steinbruch brach liegen und so zu einer Müllhalde verkommen. Viele haben gelacht, als der einheimische Historiker und Heimatforscher Andrej Gribuschin ansässigen Unternehmern vorschlug, den Ort in einen Touristenmagnet zu verwandeln. „Besonders lustig fanden diese Idee die lokalen Politiker: Lasst diese Dummheiten, haben sie gesagt, macht lieber An- und Verkaufsgeschäfte, die Grenze ist doch gleich um die Ecke“, erinnert sich Unternehmer Aleksandr Artemjew. Doch die Geschäftsleute glaubten an Gribuschins Idee und fingen an, den Steinbruch freizuräumen.

Foto: Anton Juschko

Mit der Zeit konnte der Steindamm mit Unterstützung der Einwohner der Stadt freigelegt werden. Um den Steindamm herum wurden Touristenwege und Ruheplätze sowie ein Parkplatz angelegt. Zudem wurden ein kleines Hotel und ein gemütliches Restaurant eröffnet. Schnell wurde Ruskeala zu einem beliebten Ausflugsziel, zunächst vor allem für die Menschen aus dem Nachbarort Sortawala.

Später kamen finnische Touristen für einen Kurzbesuch. Danach entdeckten Filmregisseure die Schönheit des verwandelten Steindamms: Sie drehten einige Filme in Ruskeala, darunter auch Fantasystreifen. Der Steindamm erhielt sogar eine farbenfrohe Illumination. „Im Herbst und Winter ist es in Karelien zu dunkel, es gibt kaum Farben“, erklärt Artemjew, der von der Wirkung des Lichts umso mehr begeistert ist: „Der Einsatz der Scheinwerfer hat unsere Erwartungen übertroffen: Marmor spiegelt das Licht wider und verstärkt es. Das Ergebnis ist eine verblüffende Lichtshow, wie in einem Märchen.“

In den Startlöchern

2007 besuchten Ruskeala 30 000 Touristen. Im Jahr 2015 waren es bereits 200 000, davon kamen ungefähr zehn Prozent aus dem Ausland. Die meisten von ihnen reisten aus Finnland, aber auch aus Deutschland, Italien und Großbritannien an. Die Leitung des Bergparks hat schnell reagiert – jetzt werden auch englischsprachige Touristenführer engagiert.

Artemjew und seine Geschäftspartner haben indes ein neues Konzept im Visier. „Das unterirdische Karelien“ heißt ihr Projekt, das die bereits erwähnten kilometerlangen Stollen für Besucher öffnen will. Dazu ist viel Aufräumarbeit nötig und auch für die entsprechende Beleuchtung muss gesorgt werden. Doch am Ende sollen Touristen ein wahres unterirdisches Reich mit faszinierenden Stalagmiten bewundern können – eine Welt, die kurz davor stand, im Bauschrott zu versinken.

Aus Marmor und Backstein: Städte zu Sowjetzeit

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