Kunstsoireen und Zerstörungsorgien: Wie Russen Stress abbauen

Artyom Geodakyan / TASS
Wenn Russen vom Alltag und von Problemen gestresst sind, trinken sie nicht nur Wodka. Seit Neustem verhelfen ihnen auch zwei ungewöhnliche Firmen zum seelischen Ausgleich: Painty für kreative Kunstsoireen und Debauche für unendliche Zerstörungsorgien.

Painty: Kunstsoireen für Weinschmecker

Seit etwas mehr als einem halben Jahr sind in Moskau und Sankt Petersburg die Painty Partys angesagt. Bei diesen Abendveranstaltungen der intellektuellen Art stehen die Gäste zwei Stunden lang zu musikalischer Begleitung mit einem Weinglas in der einen und dem Pinsel in der anderen Hand und malen ein Bild – unter Anleitung eines Künstlers, versteht sich.

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Als Veranstaltungsorte werden Plätze und Örtlichkeiten gewählt, die den Bewohnern der Städte für gewöhnlich bekannt sind. Das Painty-Team stellt die Abende unter ein spezielles Motto, das den Gästen als Inspiration für ihre Gemälde dienen soll – von „Leo-Hipster“ über „Mit den Augen kleben bleiben“ bis hin zu „Baby, du bist wie das Weltall“. In der Regel werden Themenstellungen gewählt, die mit einfachen technischen Mitteln nachzubilden sind. Die Rolle des Leiters ist dabei entscheidend: „Ich suche junge Profimaler, die improvisieren und das Publikum mitreißen können“, sagt Dmitri Anissimow, Gründer des Painty-Projekts.

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Zunächst lernen sich die Teilnehmer unter Leitung eines Moderators kennen. Anschließend werden Entwürfe für die Bilder diskutiert. Wer von dieser Möglichkeit jedoch keinen Gebrauch machen möchte, kann sich auch ganz auf die eigene Arbeit konzentrieren. „Es geht nicht nur um einen amüsanten Zeitvertreib, sondern auch um eine Therapie durch Kunst. So eine Abendgesellschaft bietet so manchem die Möglichkeit, sich von den Alltagssorgen abzulenken und zu sich selbst zu finden“, glaubt Anissimow.

Nachdem sie mit ihren eigenen Bildern fertig sind, schauen sich die Teilnehmer des Abends die Bilder der anderen Künstler an, trinken Wein und machen ein Gruppen-Selfie mit den Bildern im Hintergrund zum Andenken. Die angeheiterten Hobbymaler bekommen ihre Bilder, Schürzen, Preise, Fotos und – vielleicht das Wichtigste – ein besseres Selbstbefinden mit auf den Weg.

Debauche: Ramponieren für die Frustrierten

Ist Painty etwas für den anspruchsvollen Geist, so bietet Debauche eine weit weniger friedliche Methode zum Stressabbau an: Gäste dürfen sich in einem eigens für sie hergerichteten Zimmer austoben und alles um sich herum nach Herzenslust zertrümmern.

Die Räumlichkeiten des Projekts sind in einen Wartebereich und verschiedene thematische Räume unterteilt – je nach Geschmack: So stehen unter anderem „Wohnung“, „Büro“ oder eine „Poststelle“ (hier gibt es übrigens ganz besonders lange Wartezeiten) zur Auswahl.

„Jeder von uns kennt diese Momente, in denen er vor Wut alles um sich herum zerstören, einrennen, zerschlagen oder zerbrechen könnte. Im Alltag ist uns das nicht möglich“, sagt Alexei Barinski, Teilhaber von Debauche. Deshalb würden Frust, Zorn und Verbitterung häufig unterdrückt. „Als es mir einmal so ging, kam mir die Idee, dass es wohl gut wäre, etwas zu zertrümmern, ohne wirklichen Schaden anzurichten: eine Garage mit Gerümpel oder alten Möbeln etwa“, erinnert sich Barinski, der sich dann in Moskau auf die Suche nach einem solchen Service begab. „Als ich nichts fand, beschloss ich, meine Idee als Erster umzusetzen“, Debauche wurde geboren.

Kernidee des Projekts ist es, die Menschen von den erdrückenden Alltagsnormen und dem angestauten Stress zu befreien, indem ihr Drang zur Zerstörung freigesetzt wird. Das Unternehmen verspricht auf diese Weise eine maximale Entspannung. Für die vollkommene Vernichtung bietet Debauche natürlich alles an, was benötigt wird: vom Schraubenzieher zum Baseballschläger bis hin zum Schlaghammer in verschiedenen Größen. Um einen demolierten Raum neu zu montieren, braucht es zwei Stunden.

Die Gegenstände in den Räumen stammen von Swalka (Russisch „Mülldeponie“), einem Sammeldienst für gebrauchte Dinge und zugleich ein Flohmarkt. Ein Teil der Sachen – Möbel, Technikgeräte, Gebrauchsgegenstände – nutzt Debauche zum Aufbau der Räume, der Rest wird verkauft. 70 Prozent der Einnahmen auf dem Flohmarkt fließen in Wohltätigkeitsstiftungen.

Welchen Raum auch immer Alexej Barinski und sein Team herrichten sollen – sie erfüllen praktisch jeden Kundenwunsch: vom Zimmer der Ex-Freundin bis hin zur verhassten Bankfiliale. Ein junger Mann beispielsweise, so erzählt Barinski, habe zeitlebens davon geträumt, einen Geschirrstapel kaputt zu schlagen. Also baute das Team für ihn eine Pyramide aus Gläsern auf, über der ein alter Fernseher an einer Leine aufgehängt war. Die „Waffe“: eine Küchenschere. „Zuerst war der Kunde verdutzt, ging dann aber doch ins Zimmer. Als er den Raum betrat, den Fernseher und die Gläserpyramide erblickte und die Schere in seiner Hand spürte – dieser Gesichtsausdruck ist unbeschreiblich“, sagt Alexei Barinski, selbst mit einem Grinsen im Gesicht.

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