Zeugen Jehovas in Russland: „Wer gegen uns war, hatte immer ein böses Ende“

Seit 20. April dieses Jahres sind die Zeugen Jehovas in Russland verboten. Die russische Justiz hat die Organisation mit mehr als acht Millionen Anhängern weltweit als extremistisch eingestuft. RBTH-Reporter Jewgeni Lewkowitsch hat sich in der Gemeinde in Moskau umgeschaut.

Die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas lebt so geschlossen, dass es nur wenige Fotoaufnahmen von ihnen gibt. Hier beten sie auf einer Versammlung 2015 in Rostow am Don. / Getty ImagesDie Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas lebt so geschlossen, dass es nur wenige Fotoaufnahmen von ihnen gibt. Hier beten sie auf einer Versammlung 2015 in Rostow am Don. / Getty Images

Wohlgesinnt waren die russischen Behörden den Zeugen Jehovas noch nie. Im besten Fall wurden sie nicht anerkannt und ignoriert, im schlechtesten Fall wurden sie verboten und verfolgt. 1951 beispielsweise wurden 8 000 Anhänger dieser Religionsgemeinschaft auf Stalins Befehl nach Sibirien verbannt.

Die jüngsten Maßnahmen gegen ihre Organisation sind aus Sicht der Zeugen Jehovas aber weitaus schlimmer: Gab es 1951 gerade einmal 10 000 „Zeugen“ in der ganzen Sowjetunion, sind es heute nach Angaben des Justizministeriums russlandweit 165 000, die mit einem Schlag in die Illegalität geraten sind.

In den vergangenen Jahren wurden mehrere regionale Gemeinden der Zeugen Jehovas in Russland geschlossen und 60 ihrer Publikationen als extremistisch eingestuft. Am 15. März dieses Jahres beantragte das russische Justizministerium beim Obersten Gerichtshof des Landes ein Verbot der Organisation wegen Extremismus. Die „Zeugen“ predigten Überlegenheit gegenüber anderen Religionen und rechtfertigten Gewalt gegen Andersgläubige, lautete die offizielle Position. Noch am selben Tag verfügte Russlands Vize-Justizminister Sergej Gerassimow bis zum endgültigen Gerichtsbeschluss ein Tätigkeitsverbot für alle Niederlassungen der „Zeugen“ in Russland.

In der einmonatigen Verhandlung beriefen sich die Ankläger nachdrücklich auf ein Dutzend gerichtlicher Beschlüsse, die gegen die regionalen Stellen der Glaubensgemeinschaft ergangen waren. Das russische Führungszentrum der „Zeugen“ ignorierte die Beschlüsse schlichtweg. Die Verteidiger hielten dagegen, dass die Niederlassungen in den Regionen vom Führungszentrum juristisch unabhängig seien (die als extremistisch eingestuften Publikationen führte das Führungszentrum nach Russland dennoch nicht mehr ein). Deshalb könnten Forderungen gegen regionale Gemeinden kein Gesamtverbot der Organisation nach sich ziehen. Überdies sei das Führungszentrum weder zu Gerichtsverhandlungen vorgeladen noch vom Justizministerium verwarnt worden.

Selbst bei kremltreuen Vertretern der Zivilgesellschaft stieß der Verbotsantrag des Justizministeriums auf Unverständnis. Maxim Schewtschenko etwa, Mitglied des Menschenrechtsrats beim russischen Präsidenten, meint, die Klage verstoße gegen die Grundlagen der Religionsfreiheit: „Die Zeugen Jehovas sind nur schwer als extremistische Vereinigung zu bezeichnen“, sagt der Experte.

„Sie stehen in keinem Zusammenhang mit Terroranschlägen und haben zu keinerlei Straftaten aufgerufen. Häufig wird ihnen vorgeworfen, dass sie den absoluten Wahrheitsanspruch ihres Glaubens vertreten, aber das gibt es auch in vielen anderen Kirchen“, erklärt Schewtschenko. Seiner Meinung nach werden die „Zeugen“ aus „einem einzigen Grund“ verfolgt: „Sie arbeiten über Mund-zu-Mund-Propaganda und sind in einigen Regionen deshalb eine ernsthafte Konkurrenz für die russisch-orthodoxe Kirche. Hier haben allem Anschein nach das Moskauer Patriarchat und dessen ranghohe Gönner im Staatsapparat und den Geheimdiensten ihre Hände im Spiel.“

Streng bewachtes Königreich

Die Zeugen Jehovas bezeichnen sich selbst auch als Ernste Bibelforscher. Ihr größter Unterschied zu den offiziellen Kirchen besteht darin, dass sie die Heilige Schrift nach eigenem Gutdünken auslegen.

Das Führungszentrum der Zeugen Jehovas in Russland hat seinen Sitz in Sankt Petersburg. Ein Selbstversuch: Wird jemand den Hörer abnehmen, wenn man dort anruft? Der Gerichtsprozess ist noch nicht abgeschlossen, aber der Tätigkeitsstopp des Justizministeriums gilt bereits. Die Nummer von der offiziellen Homepage der Zeugen ist schnell gewählt: Zur Überraschung des Autors ist das Büro erreichbar, am anderen Ende der Leitung meldet sich eine freundliche Männerstimme. Ich würde gern eine Versammlung der Zeugen in Moskau besuchen, sage ich. Das vorübergehende Tätigkeitsverbot des Justizministeriums bedeutet ja eigentlich auch, dass keine Versammlungen stattfinden dürfen. Trotzdem nennt der Mann eine Adresse, „samstags und sonntags“, schiebt er hinterher.

Also gehe ich an einem Tag am Wochenende hin, die Adresse ist von der Metro glücklicherweise nicht weit. Ich finde eine zweistöckige Villa aus den Zwanzigerjahren vor, die einst für eine Walkstofffabrik gebaut wurde. Zu Sowjetzeiten war das Gebäude ein Kulturpalast, heute ist die Villa laut Katasteramt in privater Hand. Die Zeugen nennen das Haus „Saal der Königreiche der Zeugen Jehovas“, es befindet sich offenbar ganz in ihrem Eigentum.

Auf ihren Versammlungen wird nicht nur gepredigt, sondern auch gesungen. Hier singen die Zeugen Jehovas Psalme aus dem Buch "Singe an Jehova". / Getty ImagesAuf ihren Versammlungen wird nicht nur gepredigt, sondern auch gesungen. Hier singen die Zeugen Jehovas Psalme aus dem Buch "Singe an Jehova". / Getty Images

Vor dem „Saal der Königreiche“ stehen mehrere Dutzend Menschen Schlange. Am Eingang: Security in schwarzen Sakkos (ebenfalls Zeugen, wie sich später herausstellt). Einer von ihnen erkennt in mir einen Fremden, holt mich bei Seite, fragt mich lange aus, warum ich komme, lässt mich aber letztlich durch. Ich gebe meine Jacke an der Garderobe ab und betrete einen Saal für etwa 300 Menschen.

Die Hütte ist brechend voll, ich finde gerade noch Platz in der letzten Reihe, aber kaum habe ich mich gesetzt, da kommt ein stämmiger Mann mit einer Narbe im Gesicht auf mich zu, „Aufseher Anatoli“, steht auf seinem Namensschild. Ganze zehn Minuten lang nimmt er mich ins Verhör: Wer ich sei, wo ich wohne, ob ich etwas mit der Presse zu tun habe, wie ich erfahren hätte, was hier passiere. Offensichtlich bin ich der einzige Journalist im Saal und das auch noch inkognito. Filmen und fotografieren sei verboten, warnt mich Anatoli zum Schluss (ein paar Aufnahmen gelingen mir später aber doch).

Danach zeigt sich, dass ich großes Glück habe: Ich bin nicht auf einer einfachen Versammlung, sondern auf einem Kongress der Zeugen Jehovas gelandet, der halbjährlich stattfindet. Die ganze Führungsriege der Organisation findet sich hier ein. In meinem Saal, dem kleinen, wie ich erfahre, findet nur eine Videoübertragung dessen statt, was in dem großen Saal im oberen Stockwerk der Villa passiert. Dort haben sich noch mehr Menschen versammelt.

Anatoli hört sich meine Antworten an, findet nichts Verdächtiges daran und lässt von mir ab. Nach dem Kongress aber soll ich mich bei ihm melden, sagt er noch.

„Wollen wir uns nicht bedanken?“

Die Videoübertragung zeigt zwei Männer, die sich gegenübersitzen. Sie spielen eine Szene vor: das Gespräch zweier Brüder. Die Frau des jüngeren Bruders ist schwerkrank und braucht eine Bluttransfusion, was die Zeugen Jehovas strikt ablehnen. Also bittet er um Rat: „Ich brauche Hilfe von jemandem mit klarem Kopf“, sagt der Jüngere. Das Ganze endet mit dem Rat des großen Bruders: „Das Wichtigste ist, an Jehova zu glauben. Denn selbst wenn jemand stirbt, ist Jehova imstande, ihm das Leben zurückzugeben.“ Im Saal: Tosender Applaus.

Fast jeder der Anwesenden hält eine Bibel und einen Notizblock in der Hand, fast alle schreiben sich etwas auf. Und dann sind alle besonders aufmerksam: Es spricht der Bezirksaufseher Nikolai. Ein Bezirksaufseher leitet mehrere Gemeinden mit 50 bis 100 Mitgliedern. Er ist ihr Mentor und lebt von ihren Spenden. Nikolai hat etwas von einem Parteiaktivisten: Glatt gekämmt, feuriger Blick. In seiner theatralisch inszenierten Rede spricht er von der größten Sünde – dem Unglauben – und darüber, wie er zu vermeiden ist.

Nikolai warnt: „Schon sehr bald wird Jehova die alte Welt der Ungerechtigkeit zerstören. Und nur die, die vom rechten Glauben nicht abgekommen sind, werden in vollem Umfang belohnt.“ Am Ende des Vortrags stehen die Anwesenden auf und singen auf Nikolais Vorschlag das Lied 43 („Seid munter, tapfer und standhaft“), das irgendwie an die Marseillaise erinnert. Danach stellt der Bezirksaufseher die suggestive Frage: „Wollen wir uns nicht in aller Bescheidenheit bei den Organisatoren des Kongresses bedanken?“ Im Saal tost wieder der Applaus.

In der Lobby stehen zwei große Kisten: „Spenden für die Weltsache“. Freiwillig werfen die Mitglieder dort ihr Geld hinein. Gerechtigkeitshalber muss man sagen, dass sie weder eingeschüchtert noch hypnotisiert wirken. Wie viel am Ende zusammenkommt, kann ich nicht herausfinden, aber große Scheine von 1 000 bis 5 000 Rubel (umgerechnet 16 bis 80 Euro) sind nicht rar.

Apocalypse Now

Mitglieder der Organisation sind häufig auf der Straße zu sehen. An Ständen verteilen sie Flyer und Bücher, wie auf diesem Foto, das im Moskauer Gebiet gemacht wurde. / Alexander Artemenkow/TASSMitglieder der Organisation sind häufig auf der Straße zu sehen. An Ständen verteilen sie Flyer und Bücher, wie auf diesem Foto, das im Moskauer Gebiet gemacht wurde. / Alexander Artemenkow/TASS

Am Ausgang fängt mich Anatoli ab. Er fragt, ob ich mehr über die Zeugen Jehovas erfahren möchte und ob ich verheiratet sei („Zeugen“ raten vom Eheleben mit Ungläubigen ab). Wir tauschen Telefonnummern aus. Und dann lerne ich noch Jekaterina kennen, eine Frau mittleren Alters. Wir verabreden uns zum traditionellen Teetrinken der Zeugen Jehovas, das wöchentlich bei einem der Gemeindemitglieder zu Hause veranstaltet wird. Von Katja erfahre ich, dass die „Zeugen“ viele Verbote haben: Man darf nicht im öffentlichen Dienst arbeiten, an Kundgebungen teilnehmen (egal, ob regierungsfreundlich oder -kritisch), man darf keinen Wehrdienst leisten, sich zur Staatshymne erheben und … Stöhnen beim ehelichen Geschlechtsverkehr darf man auch nicht.

Ich frage Katja, wie sie zu den „Zeugen“ gekommen ist. Vor vielen Jahren sei sie von ihrem Stiefvater misshandelt worden, sagt sie. In ihrer Verzweiflung habe sie zu Gott gebetet. „Just in jenem Moment klingelte es an der Haustür. Es waren Zeugen Jehovas“, sagt die Frau. Sie habe zwei Bücher bekommen, die ihr Leben – und mehr noch – das Leben ihres Stiefvaters verändert hätten. Jetzt gehen sie gemeinsam von Haus zu Haus, erzählen von den Zeugen Jehovas und vergeben Bücher.

Ob diese Geschichte wahr ist oder nicht, typisch für die Anhänger der Zeugen Jehovas ist sie allemal. Der Gründer der „Zeugen“, der US-amerikanische Richter Joseph Rutherford, fand auf ähnlichem Weg zu seinem Glauben. Während seines Jurastudiums verdiente er sich als Buchhändler etwas dazu. Das Geschäft lief schlecht und so schwur er, irgendwann, wenn er zu Geld komme, die Bücher irgendeines jungen Händlers aufzukaufen. Er hielt das Versprechen: Zufällig waren es Bücher der Ernsten Bibelforscher. Rutherford hielt das für ein Zeichen des Himmels und beschloss, sich ganz dem Glauben hinzugeben.

Katja verdient an den Büchern keine Kopeke – im Gegenteil: Sie spende selber „für die Weltsache“, umgerechnet bis zu 90 Euro im Monat. Bei unserem Gespräch bittet sie mich um gar nichts. Zum Teetrinken gehe ich letztlich aber nicht. Binnen weniger Tage nach unserem Gespräch bombardiert mich Katja mit SMS, deren Aussagegehalt einem nicht eingeweihten Menschen verborgen bleibt: „Reg dich einfach nicht auf. Mit uns wird alles in Erfüllung gehen“, „Was ich dir sagen wollte, ist die Offenbarung im Original. Der Antichrist ist schon in der Welt, der Countdown läuft“, „Zur Kenntnis: Alle fünf Terminator-Filme wurden von US-amerikanischen Juden gefilmt“, „Seit zwanzig Jahren weiß ich schon Bescheid, aber man versucht, mich deswegen ins Irrenhaus einzusperren“. Am Tag des Terroranschlags schreibt sie mir: „Offenbarung, Kapitel 15, Vers 2. Schau nach. Da steht es über dieses Meer aus Feuer und Glas.“ Extremismus? Ich glaube, sie ist einfach nicht gesund.

„Wir geben nicht auf“

Diskussionen darüber, ob die Zeugen Jehovas eine Sekte sind oder einfach nur Betrüger, hatten immer Hand und Fuß. Jetzt aber droht ihnen die Strafverfolgung nach Maßgabe eines Gesetzes. Und das sieht Haftstrafen von bis zu sechs Jahren vor. Die Strafverfolgung wird stattfinden, ist Wladimir Rjachowski, Duma-Abgeordneter und Mitglied im Fachausschuss für zivilgesellschaftliche und religiöse Gemeinschaften, überzeugt. „Jetzt sagen viele, dass dies kaum einer wagen wird. Ich aber sage, das wird unweigerlich kommen. Das ist bereits erprobt. 2009 wurde eine lokale Gemeinde in Taganrog verboten. Dann wurde 2012 eine Versammlung heimlich gefilmt, ein Strafverfahren wurde eröffnet. Die Verhandlung zog sich hin, erst 2015 sprach das Gericht sein Urteil – hauptsächlich Geldbußen und Bewährungsstrafen. Aber die Leute sind jetzt vorbestraft. Jetzt ist die Lage viel ernster: Das war ja nur eine einzige Gemeinde. Jetzt geht es um Gemeinden im ganzen Land“, sagt der Experte.

Ich rufe den Aufseher Anatoli an: „Was wollt ihr jetzt machen, nachdem das Gericht die ‚Zeugen‘ endgültig verboten hat?“. „Beten“, sagt er und fügt hinzu: „Alle, die uns zerstören wollten, nahmen ein böses Ende. Hitler wollte uns in seinen Gasöfen umbringen, Stalin wollte uns in Sibirien zugrunde richten. Und wo sind sie jetzt? Verdammt und verflucht. Wir aber leben. Und werden auch jetzt überleben. Aufgeben kommt für uns nicht infrage.“

Ich hätte gern gewusst, was genau sie vorhaben. Doch darauf gab Anatoli mir keine Antwort. Die Führung wolle das Urteil des Obersten Gerichts anfechten, heißt es später. Dafür haben die „Zeugen“ einen Monat Zeit. Revolte also ganz ohne Gewalt und Extremismus.

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