Russlands Monostädte: Roschal verabschiedet sich vom Schießpulver

Wie lebt es sich in einer Provinzstadt, die von einem einzigen Industriezweig und einem einzigen Arbeitgeber abhängig ist? RBTH setzt seine Serie über russische Monostädte fort und erzählt die Geschichte der Kleinstadt Roschal im Moskauer Gebiet. Einst war das Städtchen das Herz der sowjetischen Chemieindustrie.

Herzlich willkommen in Roschal! / Alexey NikolaevHerzlich willkommen in Roschal! / Alexey Nikolaev

„Wir sind ein Vorort von Paris“, scherzen die Einwohner dieses Städtchens im Moskauer Gebiet. „Roschal“ – das klingt doch französisch, oder? Zu Sowjetzeit befand sich hier, 150 Kilometer östlich der russischen Hauptstadt, das größte Chemiekombinat der UdSSR. Das Werk verhalf der Stadt zu Leben, aber heute muss Roschal lernen, ohne den einst riesigen, aber leider einzigen Arbeitgeber auszukommen.

Alexey Nikolaev
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„Kokorin, mach keinen Blödsinn“, sagte man meinem Großvater Anatolij Kokorin, als es nach dem Ende seines Studiums 1968 um die Zuweisung von Arbeitsplätzen ging. Als einer der besten Absolventen der Chemiefakultät der Staatlichen Universität Twer hätte er – im Unterschied zu vielen anderen – keinen besseren Arbeitsplatz für sich und seine Frau bekommen können. Und am Ende entschied sich mein Opa dann auch für Roschal. Der Ort galt als vielversprechend.

„Da mache ich den Wasserhahn im Hotel auf und da riecht es nach faulen Eiern“, war sein erster Eindruck von der Stadt. „Später erklärte man mir, dass das hiesige Wasser einen hohen Schwefelwasserstoffanteil hat.“ So riecht das Wasser in der Stadt bis heute, aber die Einheimischen merken es nicht mehr. Im Vergleich zu dem viel älteren Twer sei die Versorgung insgesamt in Roschal aber besser gewesen: „Überall in der UdSSR herrschte Defizit, aber hier konnte man selbst Importware finden“, erzählt mein Großvater.

 / Alexey Nikolaev/ Alexey NikolaevLaut dem Stadtarchiv versorgte das Chemiewerk Ende der Sechzigerjahre nicht nur die Sowjetunion. Anästhetisches Ether zum Beispiel wurde nach Südostasien, Afghanistan, in den Iran und nach Kuba exportiert. Auch Schaumstoffe und Farben gingen ins Ausland – und natürlich Schießpulver. Darauf hatte sich das Chemiewerk von seinem ersten Tag an spezialisiert.

Adolf und Eva

1913: Geologen erkundeten das Wäldchen in der Gegend Krestow Brod – einen Ort, geschweige denn eine Stadt gab es hier nicht. Dann kaufte eine Aktiengesellschaft aus Sankt Petersburg das Grundstück, um dort eine Fabrik zu bauen. Der Produktionsstart fiel mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zusammen, darauf folgten die Revolutionen im eigenen Land. Russlands Gesellschaftsordnung wurde umgeworfen.

Die ersten Fabrikchefs wurden in der offiziellen Berichterstattung lange Zeit als kapitalistische Ausbeuter verunglimpft. Dem ersten Geschäftsführer namens Brouns wurde bis in die Achtzigerjahre hinein nachgesagt, er sei ein Deutscher gewesen, habe schlecht Russisch gesprochen, Adolf geheißen und sei mit einer Eva verheiratet gewesen.

Alexey Nikolaev
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Erst Anfang der Neunzigerjahre fand die Direktorin Olga Klimowa vom örtlichen Museum durch ihre Archivarbeit heraus, dass der russische Wissenschaftler Sergej Brouns sein ganzes Leben der Forschung und Entwicklung von Schießpulver gewidmet hatte. Er sammelte die Erfahrungen europäischer Hersteller und wurde in die moskaunahen Wälder geschickt, um dort eine Schießpulverfabrik zu gründen. 

Aber er blieb dort nur solange, bis die landesweite Streikwelle – die später in der (noch) Hauptstadt Sankt Petersburg in Revolution und Ende des Zarenreiches enden sollte –  auch die hiesigen Arbeiter mitriss. 1917 wurde Brouns entlassen – und die entstandene Stadt noch im selben Jahr nach Sergej Roschal benannt, dem Revolutionär und Anführer der Sankt Petersburger Matrosen.

Perestroika

Das Chemiewerk überlebte die Hungerjahre der 1920er und 1930er. Doch dann kam der Große Vaterländische Krieg: Schießpulver für die Munition musste her. In den Fünfzigerjahren stand das Kombinat dann endgültig auf eigenen und starken Beinen. Nun ging es darum, die Holzbaracken und Erdhütten, in denen die Arbeiter bisher untergebracht waren, in eine echte Stadt zu verwandeln: Wohnhäuser aus Stein wurden gebaut, Krankenhäuser, Kindergärten, Schulen.

Mein Großvater hat sein ganzes Leben nach der Uni in Roschal verbracht und sich vom Werkstechniker bis zum Bürgermeister der Stadt hochgearbeitet. 27 Jahre lang arbeitete er an der hiesigen Chemietechnikerschule. Diese war 1939 gegründet worden, um Fachkräfte für die Chemiefabrik auszubilden, und blieb noch bis in die Neunzigerjahre eine angesehene Bildungseinrichtung. „Wir hatten alles: Finanzen, Ausstattung und Arbeitsplatzgarantie. Unsere Absolventen konnte man überall in der Sowjetunion, in jeder Chemiefabrik finden“, erinnert er sich.

Anatolij Korokin, der Großvater der Autorin / Alexey NikolaevAnatolij Korokin, der Großvater der Autorin / Alexey Nikolaev

Mit der Perestrojka wurde alles anders. 1986 – da war mein Großvater gerade Direktor der Technikerschule geworden – war der Niedergang der Sowjetchemie schon deutlich zu spüren. Nach Roschal kamen weniger Studenten: Statt an die Hochschule gingen mehr junge Leute plötzlich in die Kriminalität. Diese Probleme spiegelten sich auch in der Lokalpresse wieder: Das Chemiewerk habe seine Plan-Norm zu 120 Prozent übererfüllt, hieß es in einer lokalen Zeitung bis 1986. Danach aber zunehmend: Die Produktion stockt, Rohstoffe fehlen, Arbeiter schwänzen ihre Schicht, Pläne bleiben unerfüllt.

Und dann verschwand das Chemiekombinat völlig aus der Presse. Stattdessen erschien eine neue Rubrik: Arbeitsvermittlung, wo ehemaligen Mitarbeitern der Chemiefabrik Umschulungen angeboten wurden – „wegen der schwierigen Lage der städtischen Schwerindustrie“.

Das Leben der Anderen

Die Kleinstadt mausert sich zu einem modernen Wohnort. / Alexey NikolaevDie Kleinstadt mausert sich zu einem modernen Wohnort. / Alexey Nikolaev

Einige wenige aber arbeiten doch bis heute in dem Chemiewerk, mancher ist gar neu eingestellt worden. Alexej Schujow (29) arbeitet seit elf Jahren in der Schaumstoff-Produktion, wo er auch schon seine Ausbildung angefangen hatte. „Damals gab es hier gute Löhne, Dienstreisen, erfahrene Mitarbeiter haben den Nachwuchs ausgebildet. Jetzt werden Arbeitsplätze gestrichen. Ich kann nicht ausschließens, dass ich in den Nachbarstädten werde Arbeit suchen müssen“, sagt er.

Schulabgänger verlassen Roschal, die meisten versuchen in Moskau ihr Glück. Einige aber kommen aber auch bewusst zurück, um ihre Stadt voranzubringen. Häufig führen sie ein Familienunternehmen weiter oder gründen ihr eigenes. Natalia Kljukina (29) zum Beispiel hat einen Kinderklub für Frühförderung gegründet. „In einer Kleinstadt bist du von Bedeutung. Hier kannst du dir die Branche aussuchen, Konkurrenz gibt es praktisch nicht“, so die Jungunternehmerin.

Alexey Nikolaev
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Dass das Herz von Roschal längst nicht mehr nur für Chemiefabrik schlägt, ist der Stadt heute auch deutlich anzusehen. Die junge Generation krempelt die Ärmel hoch – so wie es einst die Chemiearbeiter taten, denen die Lokalpresse damals ihre Titelseiten widmete. 

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