"Lisa-Alarm": Freiwillige suchen Vermisste - überall und jederzeit

Liza Alert
Statistisch verschwindet in Russland jede halbe Stunde eine Person, die Polizei erhält jährlich bis zu 200 000 Vermisstenmeldungen. Wenn den Beamten die Kapazitäten ausgehen, dann suchen andere Leute nach den Vermissten, zum Beispiel die Freiwilligen von "Lisa-Alarm".

"Lisa-Alarm" sucht in verschiedenen Regionen des Landes. / Liza Alert"Lisa-Alarm" sucht in verschiedenen Regionen des Landes. / Liza AlertAm 10. Juni verschwand im Swerdlowsker Gebiet, etwa 1500 Kilometer östlich von Moskau, der vierjährige junge Dima. Er war mit seinem Vater beim Angeln, seine Mutter im Zelt am nahen Waldrand. Der Vater schickte den Jungen zur Mutter. Aber dort kam er nie an. Was war geschehen? Wo ist der Junge geblieben?

Vier Tage lang wurde nach Dima gesucht. Die lokale Polizei, das Zivilschutzministerium (ZSM), Freiwillige und auch Angehörige der Freiwilligen-Einheit "Lisa-Alarm". Erst am fünften Tag fanden sie den Jungen - zum Glück lebend. Er war schwach, unterkühlt und übersäht von Zeckenbissen.

Die Freiwilligen von "Lisa-Alarm" rücken regelmäßig zu Such-Einsätzen aus. / Liza AlertDie Freiwilligen von "Lisa-Alarm" rücken regelmäßig zu Such-Einsätzen aus. / Liza Alert

Diese Geschichte endete noch glimpflich, auch, weil alle möglichen Organisationen und Institutionen an der Suche beteiligt waren. Die Mitarbeiter des ZSM blieben sogar nachts noch im Wald. Leider kommt eine solche Zusammenarbeit zwischen Staats- und Freiwilligen-Strukturen nur selten vor. Meistens suchen vor allem Freiwillige nach Vermissten.

In Lisas Namen

Es gibt in Russland keine einzelne Behörde für die Suche nach vermissten Personen. Grundsätzlich wäre die Polizei dafür zuständig, hat aber meist nicht die nötigen Kapazitäten zur Verfügung. In der wilden Natur werden meist die Such- und Bergungstrupps des ZSM mit der Suche beauftragt. 

Die einzige Organisation, die sich völlig auf die operative Vermisstensuche spezialisiert, ist die Freiwilligeneinheit "Lisa-Alarm" ("Lisa Alert"). Sie entstand, als im Jahr 2010 etwa 100 Kilometer vor Moskau die fünfjährige Lisa und ihre Tante im Wald verschwanden. Im nächsten Ort war an diesem Tag Stadtfest, die Polizei war nahezu komplett für die Sicherung dieser Massenveranstaltung zuständig. Fünf Tage lang wurde nach Lisa praktisch nicht gesucht. 

Gesucht wird bei Tag und bei Nacht. / Liza AlertGesucht wird bei Tag und bei Nacht. / Liza Alert

Die Suche begann erst, als die Nachricht von dem verschwundenen Mädchen im Internet verbreitet wurde. Daraufhin kamen um die 300 Freiwillige, um in dem Wald nach Lisa zu suchen. Die meisten hatten keinerlei Erfahrung in der Suche nach Vermissten im Wald, aber sie kamen und suchten. Am zehnten Tag nach ihrem Verschwinden wurden Lisa und ihre Tante aufgefunden. Beide waren tot. Die Untersuchung ergab später, dass die kleine Lisa erst am neunten Tag gestorben war. Genau ein Tag hätte sie vielleicht noch retten können.

Grigorij Sergejew war damals einer der Freiwilligen und gründete später "Lisa-Alarm". Bis zu jenem Fall Lisa sei niemandem der Maßstab des Problems klar gewesen, sagt er heute. Wie viele andere war er damals noch überzeugt, dass ja die staatlichen Stellen nach Vermissten suchen würden. "Ich meinte, wenn ich mich im Wald verlaufe, dann wird man mich auch suchen kommen. Aber die Geschichte mit Lisa hat gezeigt, dass dem nicht so ist."

Der Name der Organisation "Lisa Alert" ist einer ähnlichen Einrichtung in den USA nachempfunden: "Amber Alert".

Sinaida Gordejewa wurde im Wald gefunden. / Liza AlertSinaida Gordejewa wurde im Wald gefunden. / Liza Alert

Wie funktioniert das Suchen?

Allein im ersten Quartal 2017 hat "Lisa-Alarm" 1317 Anfragen über Vermisste erhalten. Suchtrupps existieren in den meisten größeren Städten Russlands, die Freiwilligen rücken regelmäßig zu Suchaktionen aus. 

Wladimir Rjabow ist der regionale Vertreter von "Lisa-Alarm" im Gebiet Samara. Sein Auto ist voller Geräte zum Suchen, ständig klingelt sein Telefon und er kann natürlich nicht nicht rangehen. Vielleicht wird ja wieder jemand vermisst? Manchmal greift er zum Telefon und vergleicht Passanten, die ihm bekannt vorkommen, mit Bildern vermisster Personen.

Dieser Sherp ist oft bei den Such-Aktionen dabei. / Liza AlertDieser Sherp ist oft bei den Such-Aktionen dabei. / Liza Alert

Seit 2014 gibt es den Suchtrupp in Samara. Ein Büro gibt es nicht, die Koordination läuft komplett über das Internt. Das oberste Prinzip von "Lisa-Alarm", das die Organisation stark von der Polizei unterscheidet ist, dass sie umgehend auf jede Anfrage reagieren. Die Freiwilligen können noch am selben Tag vor Ort sein. Das zweite Prinzip: "Lisa-Alarm" nimmt keine Geldspenden, sondern nur Sachspenden an: Taschenlampen, Telefone, Kompasse, Papier, Benzin, Fahrzeuge usw. "Wir wollen nicht, dass am Ende noch jemand denkt, dass wir mit der Personensuche Geld verdienen", sagen die rund 40 Freiwilligen, die regelmäßig an Suchen teilnehmen und ihre Freizeit dafür opfern. Die Freiwilligen sind unterschiedlichsten Alters und Hintergrunds: vom Studenten zum Rentner, vom Astrophysiker zum Pädagogen.

"Wir reagieren nur auf Anfragen, die auch der Polizei gemeldet wurden. Im letzten Jahr waren das 390", erzählt Rjabow. "Wir haben einen Vertragüber Informations-Zusammenarbeit mit der Polizei und einigen Einsatztruppen des ZSM abgeschlossen. Wenn sie Hilfe brauchen bei der Hilfe, melden sie sich bei uns und geben uns die nötigen Daten weiter."

 Faina Nikolajewa, 76 Jahre - auch gefunden. / Liza Alert Faina Nikolajewa, 76 Jahre - auch gefunden. / Liza Alert

Ist eine Person einmal als vermisst gemeldet worden, fahren die Freiwilligen an den vermutlichen Ort seines Verschwindens. Dort werden Flyer geklebt mit dem Vermissten, Passanten und Anwohner befragt, im Internet gesucht.

"Eine prima Informationsquelle sind die Babuschkas auf den Bänken, die immer alles über jeden Wissen, und Hundeherrchen. Wir rufen auch in den Krankenhäusern an. Das russische Gesundheitssystem sunktioniert so, dass die Ärzte selbst nie jemandem mitteilen, wenn sie einen Menschen von der Straße aufgenommen haben", erklärt Rjabow weiter. Durchschnittlich dauert eine solche Suche drei Tage. Manchmal tauchten die Vermisste auch selbst wieder auf.

Training mit Suchhunden / Liza AlertTraining mit Suchhunden / Liza Alert

Einmal, erzählt Rjabow weiter, sei eine junge Frau verschwunden - morgens aus dem Haus gegangen und nicht wiedergekehrt. Die Tochter meldete sich dann. Dann rief sie morgens zuhause an und da ging die Mutter ans Telefon und sagte, der Vater sei ja so lange nicht da gewesen. Nachdem ein Polizeibeamter dann zum Haus des Großvaters gefahren und die Oma befragt hatte, wandte der sich dann an "Lisa-Alarm".

"Wir haben die Information von der Polizei bekommen und sind losgefahren. Haben Flyer gedruckt, Beiträge in den sozialen Netzwerken geteilt. Wir haben bis in den späten Abend gearbeitet. Und dann kam die Kleine am Abend nach Hause und fand die junge Frau im Bett. Es stellte sich heraus, dass sie gar nicht verschwunden war, sondern sich nach einem Spaziergang schlafen gelegt hatte. Und der Oma schien es, als sei sie gar nicht da. Als sie befragt wurde, schnarchte der Opa im Nachbarraum", erinnert sich Rjabow.

Die Freiwilligen rücken bei jeder Meldung sofort aus - zu jeder Tages- oder Nachtzeit. / Liza AlertDie Freiwilligen rücken bei jeder Meldung sofort aus - zu jeder Tages- oder Nachtzeit. / Liza Alert

Spurensuche im Wald

Wenn allerdings ein Mensch im Wald verschwindet, dann funktioniert die Suche etwas anders: Bei Verwandten wird dann erfragt, wohin der Vermisste denn unterwegs gewesen sein könnte, was er als letztes noch sagte, in welcher gesundheitlichen Verfassung er unterwegs ist und wie er auf Stresssituationen reagiert.  Dann teilen sich die Freiwilligen in Einzelgruppen auf und erkunden die Gegend. Dabei gebe es oft viele unvorhergesehene Situationen und Überraschungen. 

Manchmal muss auch mit Booten gesucht werden. / Liza AlertManchmal muss auch mit Booten gesucht werden. / Liza Alert

"Einmal haben wir eine Person im Wald beim Pilzesammeln gefunden", sagt Rjabow. "Da ging der Opa einfach in die Pilzeund kam nicht wieder. Wir fragten bei den Angehörigen, wohin er normalerweise geht. Sie zeigten uns ein Waldstück, aber dort fanden wir ihn nicht. Dann fragten wir, welche Pilze er denn suche. Sie sagten, "reiche", also Steinpilze. Dann haben wir bei anderen Pilzsammlern nachgefragt und herausgefunden, dass in dem gezeigten Waldstück keine Steinpilze wachsen. Sondern 30 Kilometer weiter. Da fuhren wir hin und fanden den Opa."

Ein anderes Mal, fährt der erfahrene Vermisstensucher weiter, wurde eine Person mit Nordic-Walking-Stöcken vermisst. Wir verfolgten ihre Spuren und konnten ja nicht ahnen, dass die sich von ihm entfernten. Nach zwölf Stunden im Wald war der Walker wohl so müde geworden, dass er die Stöcke vor sich aufstellte und sich auf ihnen abstützte. Die Spuren zeigten in eine Richtung, tatsächlich aber war er genau in die andere gegangen..."

Am schwersten sei es aber, Kinder zu finden. Jugendliche laufen von Zuhause weg, Kleinere aus dem Kindrgarten oder der Schule. Laut der Statistik verschwinden zwar weniger Kinder ls Erwachsene, für die Sucher aber sind solche Fälle stets von höchster Priorität.

"Alle Suchaktionen nach Kindern bis 12 Jahre haben Priorität", sagt Rjabow. "Selbst wenn eine Truppe schon unterwegs ist, dann aber ein Kind vermisst gemeldet wird, dann wird der größte Teil der Truppe dort abgezogen und zu dem Kindesfall geschickt. Kindern passiert viel häufiger etwas Schlimmes, die Gefahr ist größer, dass sie krank oder verletzt werden."

Kinder haben Vorrang. / Liza AlertKinder haben Vorrang. / Liza Alert

Wer hilft?

Von staatlicher Seite bekommt "Lisa-Alarm" kaum Unterstützung, aber die Arbeit der Freiwilligen wird immerhin geschätzt. Beispielsweise hat das Zentrum zur Vermittlung von Katastrophenmedizin des Gesundheitsministeriums des Gebietes Samara den Freiwilligen jüngst einen kostenfreien Erste-Hilfe-Kurs gegeben. Die meiste Unterstützung kommt von Unternehmen. Die Telefonanbieter "Beelain" und "Megafon" stellen den Freiwilligen kostenfreies Telefonieren und Internet zur Verfügung. Die Fluggesellschaft UTair vergibt kostenfreie Flugtickets, wenn die Trupps einmal zu einem Einsatzort fliegen müssen. Oft bedanken sich auch Angehörige der Vermissten im Nachhinein und spenden nützliche Dinge.

Jelena Waljajewa (CHosina), 75 Jahre - gefunden / Liza AlertJelena Waljajewa (CHosina), 75 Jahre - gefunden / Liza Alert

Der Traum der "Lisa-Alarm"-Freiwilligen wäre eine eigene Behörder zur Vermisstensuche in Russland - ein Zentrum, dass dann Freiwillige, Staatsbehörden und entsprechende Firmen zusammenbringen könnte. Aber solange diese Idee noch diskutiert wird, retten die Freiwilligen weiter Vermisste und Verlaufene. Denn wenn nicht sie, dann tut es womöglich niemand.

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