Tretjakow-Galerie: Zehn Fakten, die selbst Russen nicht kennen

Besucher der Tretjakow-Galerie im Saal der Altrussischen Kunst.

Besucher der Tretjakow-Galerie im Saal der Altrussischen Kunst.

Lori/Legion Media
Am 22. Mai feiert die Tretjakow-Galerie in Moskau, eines der wichtigsten russischen Museen, ihr 160-jähriges Bestehen. RBTH erinnert an interessante Details aus der Geschichte der traditionsreichsten Sammlung russischer Kunst

1. Die Museumsgeschichte beginnt mit dem Kauf eines Genrebildes

Die Zeitrechnung der Tretjakow-Galerie beginnt mit dem Erwerb von Wassilij Chudjakows Gemälde „Zaristische Grenzwachen überraschen finnländische Schmuggler“ durch den russischen Kaufmann und Sammler Pawel Tretjakow. Er kaufte es im Jahr 1856 im Petersburger Atelier des Künstlers für 450 Rubel (nach heutigem Kurs etwa 6 700 Euro). Die „Schmuggler“ legten den Grundstein für die später bedeutendste Sammlung russischer Kunst. Das Gemälde ist heute in Saal 16 der Galerie zu besichtigen.

Wassilij Chudjakow, Gemälde „Zaristische Grenzwachen überraschen finnländische Schmuggler“. Foto: Pressedienst der Tretjakow-GalerieWassilij Chudjakow, Gemälde „Zaristische Grenzwachen überraschen finnländische Schmuggler“. Foto: Pressedienst der Tretjakow-Galerie

2. Die Galerie wurde von zwei Brüdern gegründet, nicht von Pawel allein

Pawels jüngerer Bruder Sergej sammelte anfangs ebenfalls Gemälde russischer Künstler. Das erste Werk eines russischen Meisters in seiner Sammlung war das Landschaftsgemälde „Ipatios-Kloster“ von Alexei Bogoljubow. Er kaufte es auf Rat seines Bruders Pawel Michajlowitsch, der es aus bestimmten Gründen nicht selbst erwerben konnte.

3. Die Tretjakow-Galerie war eine Sammlung russischer und westlicher Kunst

So sah die Tretjakow-Galerie zu den Lebzeiten von Pawel Tretjakow aus. Quelle: Archiv von Tretjakow-GalerieSo sah die Tretjakow-Galerie zu den Lebzeiten von Pawel Tretjakow aus. Quelle: Archiv der Tretjakow-Galerie

Im Laufe der Jahre galt das Interesse des jüngeren Tretjakow-Bruders zunehmend der westeuropäischen Malerei, insbesondere der französischen Romantik und dem französischen Realismus. Er vermachte die Sammlung seinem Bruder. Die Gemälde wurden in Tretjakows Privathaus in der Lawruschinski-Gasse verbracht, im Jahr 1892 schenkte Pawel die komplette Sammlung samt Haus der Stadt Moskau. Die sowjetische Regierung verteilte im Jahr 1925 die ausländischen Kunstwerke der Tretjakow-Galerie zwischen dem Staatlichen Puschkin-Museum für Bildende Künste und der Eremitage auf. So gelangte etwa das Meisterwerk von Jules Bastien-Lepage „Liebe auf dem Dorfe“ in das Puschkin-Museum.

4. Eine Galerie für das russische Volk

Sein erstes Testament, in dem die Gründung der Galerie erwähnt wird, setzte Tretjakow im Alter von 28 Jahren auf. Später, als er die Sammlung der Stadt vermachte, legte er einige Bedingungen fest: Die Galerie sollte „für ewige Zeit“ bestehen und ihr Besuch kostenlos sein, zudem sollte sie mindestens vier Tage in der Woche – außer Ostern, Weihnachten und Neujahr – geöffnet haben.

5. Historienbild nicht im Sinne des Zaren

Bild: Tretjakow-Galerie/wikimedia.orgBild: Tretjakow-Galerie/wikimedia.org

Das erste Historienbild mit Bezug zur russischen Geschichte war Konstantin Flawizkis Gemälde „Tod der Fürstin Tarakanowa“. Die Protagonistin gab sich als Tochter der Zarin Elisabeth Petrowna und des Grafen Alexei Rasumowski aus. Tarakanowa wurde auf Geheiß von Katharina II. aus Italien nach Russland überführt, um dort in der Peter-und-Paul-Festung interniert zu werden, wo sie später starb. Zar Alexander II. missbilligte das Gemälde. Er veranlasste eigens einen Vermerk im Ausstellungskatalog der Kunstakademie, das Sujet des Gemäldes entspreche nicht der Wirklichkeit.

6. Eröffnung der Galerie fast ohne Besucherinnen

Am Tag der Eröffnung im August 1893 empfing die Galerie der Brüder Pawel und Sergej Tretjakow fast 700 Besucher. Zeitungsberichten zufolge waren es Künstler unterschiedlicher Generationen, Studenten, Handwerker, kleine Kaufleute, Handlungsgehilfen und Bauern. Frauen gab es unter den Gästen praktisch nicht.

7. Berühmtes Repin-Gemälde unter Zensur

Bild: Tretjakow-Galerie / wikimedia.orgBild: Tretjakow-Galerie / wikimedia.org

Einige Exemplare der umfangreichen Sammlung durften nicht gezeigt werden. Das erste Gemälde, das der Zensur zum Opfer fiel, war das berühmte Werk „Iwan der Schreckliche und sein Sohn Iwan am 16. November 1581“ von Ilja Repin, bekannt unter dem Titel „Iwan der Schreckliche erschlägt seinen Sohn“. Dieses Bild lehnte Zar Alexander III. kategorisch ab. Am 1. April 1885 erging das Verbot, dieses Gemälde öffentlich zu zeigen. Tretjakow ließ sogar einen Anbau errichten, um das Kunstwerk zumindest auserwählten Besuchern zugänglich zu machen. Nur drei Monate später jedoch wurde das Verbot wieder aufgehoben.

8. Den Sammler würdigten die Künstler mehr als den Zaren

Tretjakow genoss unter Künstlern ein sehr hohes Ansehen. Unausgesprochen räumte man ihm sogar ein Vorkaufsrecht an den Gemälden ein. Die Aussage „Ich bitte darum, mir das Werk zu überlassen“ war eine Auszeichnung. Sein Geschmack und sein Urteilsvermögen über Schätze der Kunst standen außer Zweifel. War Tretjakow an einem Gemälde interessiert, hatten gelegentlich selbst Mitglieder der Zarenfamilie keine Chance, es zu erwerben.

9. Ein Iwanow-Gemälde erhielt einen Anbau

Bild: Tretjakow-Galerie / wikimedia.orgBild: Tretjakow-Galerie / wikimedia.org

Alexander Iwanows Gemälde „Die Offenbarung des Christus gegenüber den Menschen“ kaufte Zar Alexander II. für 15 000 Rubel (heute 219 000 Euro) wenige Stunden nach dem Tod des Künstlers. Pawel Tretjakow musste sich mit den Skizzen begnügen. Im Jahr 1925 beschlossen sowjetische Behörden, das berühmte Kunstwerk der Tretjakow-Galerie zu übereignen. Das Gemälde erhielt in einem Anbau an der Galerie sogar einen eigenen Saal, in dem das 5,4 mal 7,5 Meter messende Werk Platz fand. Dort befindet es sich seit 1932.

10. An Stelle der Büste des Galeriegründers erschien eine Stalinskulptur

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Vor dem Gebäude der Tretjakow-Galerie stand bis 1938 ein Denkmal für Wladimir Iljitsch Lenin. 1939 wurde dieses durch eine Stalinskulptur ersetzt. Erst 1980 kehrte an seine Stelle ein Denkmal für den Gründer des Museums zurück. Die Skulptur Josef Stalins ist übrigens nach wie vor auf dem Gelände der Galerie zu sehen: Sie steht nun im Innenhof.

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