Russenhocke und Helene Fischer: Wer sind diese Russlanddeutschen?

Helene Fischer, der Stolz vieler Russlanddeutscher, dank derer sie nun plötzlich deutsche Schlagermusik hören.

Helene Fischer, der Stolz vieler Russlanddeutscher, dank derer sie nun plötzlich deutsche Schlagermusik hören.

Sven-Sebastian Sajak / wikimedia.org
Die Russlanddeutschen gelten heute als die am besten integrierte Gruppe unter den Migranten in Deutschland. Insbesondere die jüngeren Generationen unterscheiden sich mittlerweile kaum noch von den Einheimischen. Ist das wirklich so?

Es ist ein Glück, dass Deutschland und Russland im Fußball nur selten aufeinandertreffen. Denn bei Wettkämpfen wie der gerade stattfindenden Europameisterschaft würden Russlanddeutsche bei einem Duell der beiden wohl in eine Zwickmühle geraten – für sie gibt es nämlich eine einfache Regel: Im Eishockey unterstützt man die russische Nationalmannschaft, im Fußball die deutsche. Die Wahrscheinlichkeit, sich auf die Seite der Siegermannschaft zu stellen, wird so um einiges höher.  

Dieses banale Beispiel zeigt, dass der Gruppe der Russlanddeutschen in den etwa 25 Jahren seit ihrer Rückkehr ein kleines Kunststück gelungen ist: Die meisten Spätaussiedler haben sich vorbildlich in die deutsche Gesellschaft integriert, ohne dabei Bindung und Sympathie zu Russland oder zu ihrem jeweiligen Herkunftsland aufzugeben.

Selbst wer sich fest in Deutschland eingelebt hat, pflegt Kontakt zu verbliebenen Verwandten oder Freunden; einige orientieren sich beruflich in Richtung Russland, um mit russischen Firmen Geschäfte zu machen. Auch die Jungen nutzen ihren bi-kulturellen Hintergrund, machen Praktika in Moskau und Sankt Petersburg oder lassen sich für ein paar Jahre als Expatriates in die russischen Metropolen versetzen.

Doch so komfortabel, wie es klingt, ist diese Lage nicht immer. Denn wer zwischen zwei Ländern steht, läuft auch Gefahr, in die Schussbahn zu geraten. In der Sowjetunion wurden Russlanddeutsche in Haftung für die Handlungen ihrer alten Heimat genommen, heute werden sie für Geschehnisse in Russland zumindest zur Kritik und Diskussion gezogen.  

Sprache als wichtiger Faktor

Mit Russland nicht zu brechen, heißt, das sich dort angeeignete Erbe auch in der neuen Heimat zu bewahren. Der Aufprall verschiedener Kulturen spiegelt sich im kulturellen Haupterbe Sprache am deutlichsten wider. Russlanddeutsche sprechen meist sowohl Deutsch als auch Russisch sehr gut, wodurch sich in Gesprächen untereinander ein besonderer Slang herausgebildet hat.

Neulich sah ich im Bekleidungsgeschäft eine russlanddeutsche Frau mit ihrer etwa achtjährigen Tochter. „Ja tauchawala!“, begann die Tochter, begeistert vom letzten Schwimmbadbesuch zu erzählen. „Ty tauchawala?“, nickte die Mutter anerkennend. „Da! I schwimmywala!“, setzte die Tochter wieder an und erschrak plötzlich: „Komm, Mama, wir müssen doch noch Trusiki kaufen!“ Ich musste innerlich lachen. Eine Freundin hatte mir vor Kurzem noch erklärt: Russlanddeutsche Kinder kennen das Wort „Unterhose“ bis zur vierten Klasse nicht.

Wer zwei Sprachen beherrscht, kann die Worte verwenden, die bequemer erscheinen und Formen vermischen. So wird aus den Verben „tauchen“ oder „schwimmen“ und der russischen Endung „-ala“ eine neue Wortkreation gezaubert. Die Russlanddeutschen haben so längst ihre eigene Sprache entwickelt, von der zahlreiche Anekdoten, Witze und Parodien zeugen.

Internationale Küche

Wer die russlanddeutsche Küche kennengelernt hat, wird sie schnell zu schätzen wissen. Bedingt durch die wechselhafte Geschichte ist sie zu einem Schmelztiegel aus Gerichten verschiedener Kulturen und Nationen geworden. Es ist die besondere Eigenschaft der russlanddeutschen Küche, neue Einflüsse zu absorbieren, ohne die vererbten deutschen Eigenheiten zu verlieren.

Von typisch russlanddeutschem Gebäck wie Krepli und Rievelkuchen, über Strudel, ukrainisch-russischen Borschtsch, sibirischen Pelmeni, kaukasischem Schaschlik bis hin zu usbekischem Plow – die russlanddeutsche Küche setzt keine Grenzen, ist weltoffen, innovativ und traditionell zugleich. Mir selbst, der ich gebürtig aus Kasachstan komme, ist auch das dortige Nationalgericht Beschbarmak bestens bekannt. Übersetzt heißt es „fünf Finger“, weil es mit den Händen gegessen wird. Das sind aber auch die einzigen kasachischen Wörter, die ich als junger Russlanddeutscher kenne, was gleichzeitig ein Missverständnis aufklärt, mit dem ich häufig konfrontiert werde: „Wenn du aus Kasachstan kommst, bist du dann Kasache?“

Neue Eigen- und Fremdbilder

Russenhocke, Sonnenblumenkerne, Wodka von der Tankstelle, Trainingsanzug mit Lackschuhen und Russendisko. Die Stereotype, die die einheimische Bevölkerung von den Aussiedlern in den neunziger Jahren gezeichnet hatte, sind im Laufe der Jahre durch die positive Integration aus dem gesellschaftlichen Diskurs verschwunden. Russlanddeutsche wurden schlicht zu Nachbarn, Arbeitskollegen und Freunden. Alte negative Stereotype lösten sich in der neuen Vertrautheit auf.

Wenn ich selbst heute an Russlanddeutsche denke, dann denke ich an den Traum vom Eigenheim, nach dem viele streben, an selbstlose Verwandte und Freunde, die sich gegenseitig bei diesem Ziel unterstützen, an alte deutsche Dialekte, die die älteren Generationen noch heute sprechen, an Gastfreundschaft, an drei Tage dauernde Hochzeiten und an Helene Fischer, den Stolz vieler Russlanddeutscher, dank derer sie nun plötzlich deutsche Schlagermusik hören. Und an Menschen, die ihre hybride Identität zu nutzen wissen: Eine Freundin erzählte mir kürzlich von ihrem Kumpel, der sich Russe nennt, wenn er ein Auto kauft, und Deutscher, wenn er eins verkauft. Das alles und noch viel mehr sind wir, die heutigen Russlanddeutschen.