Skandal am Bolschoi-Theater: Premiere des Balletts „Nurejew“ abgesagt

AFP
Eigentlich sollte das Ballett am heutigen Montag Weltpremiere feiern. Nur wenige Tage zuvor gab das Bolschoi-Theater jedoch bekannt, dass man „Nurejew“, das auf der Geschichte des berühmten sowjetischen Tänzers Rudolf Nurejew beruht, auf das kommende Jahr verschieben werde. Viele Kommentatoren wittern einen Skandal: Nurejew lebte offen homosexuell – und die Absage sei vom Kulturministerium persönlich angeordnet worden.

Rudolf Nurejew war berühmt für seine Genialität, hatte aber auch den Ruf eines Exzentrikers. / AFPRudolf Nurejew war berühmt für seine Genialität, hatte aber auch den Ruf eines Exzentrikers. / AFP

Eines der am meisten erwarteten Balletts des Jahres, ein Stück über das Leben des sowjetischen Tänzers Rudolf Nurejew, wurde auf das kommende Jahr verschoben. Das Bolschoi-Theater scheute keine Mühen und Kosten für die Produktion, die vom bekannten Regisseur Kirill Sereberennikow inszeniert und vom namhaften Choreografen Juri Possochow begleitet wurde. Auch die Musik des Stückes stammt aus einer berühmten Feder: Komponist Ilja Demutski schrieb sie. Die drei hatten zuvor bereits gemeinsam am sehr erfolgreichen Ballett „Held unserer Zeit“ gearbeitet. Dieses hatte 2015 am Bolschoi Premiere gefeiert.

Der Direktor des Bolschoi, Wladimir Urin, gab nun bekannt, dass die Show nicht wie geplant am 11. Juli prämieren würde, sondern stattdessen auf den 4. und 5. Mai 2018 veschoben werde. Die Produktion wurde also nur drei Tage vor der geplanten Uraufführung gestoppt – es ist die erste Absage im Bolschoi seit Jahrzehnten.

Am gestrigen Sonntag hatte Urin zudem eine Pressekonferenz einberufen, auf der er zu Protokoll gab, dass es keinen Druck aus dem Kreml gegeben habe. Allerdings sei er von Kulturminister Wladimir Medinski angerufen worden, der ihn gefragt habe, wie er mit Rückfragen von Journalisten umgehen solle.

Wladimir Urin (r.), der Direktor des Bolschoi, und der Ballettchef Machar Wasijew. / APWladimir Urin (r.), der Direktor des Bolschoi, und der Ballettchef Machar Wasijew. / AP

Nach der Pressekonferenz berichtete die Nachrichtenagentur „Tass” jedoch, dass die Aufführung auf direkte Anordnung des Ministers gestoppt worden sei, und beruft sich dabei auf eine ihm nahestehende Quelle: „Das Kulturministerium war schockiert von der Tatsache, dass die Aufführung wie Propaganda für nicht-traditionelle sexuelle Werte wirke.“

Provokatives Ballett

Schon während der Vorbereitungen war klar, dass das Ballett provokativ sein würde. Nurejew bekannte sich offen zu seiner Homosexualität und verließ die Sowjetunion 1961. Er war berühmt für seine Genialität, hatte aber auch den Ruf eines Exzentrikers.

Laut Informationen der Zeitung „Kommersant” habe das Theater die Rechte an einem Nacktfoto Nurejews, aufgenommen von Richard Avedon, erworben, um dieses als Hintergrund der Aufführung zu nutzen. „Transvestiten“ hätten ebenfalls in einer der Szenen tanzen sollen – während die restlichen Tänzer als Frauen verkleidet sein sollten. Wäre das Ballett nicht abgesagt worden, hätte es womöglich eine Zäsur im Umgang mit Homosexualität in Russland bedeutet, trotz des „Homosexuellen-Propaganda“-Gesetzes.

Absage kommt plötzlich

Nachdem Urin die Generalprobe zur Aufführung am 8. Juli gesehen hatte, entschied sich das Theater, alle vier geplanten Aufführungen mit „Don Quixote“ zu ersetzen. Begründet wurde der Schritt zunächst nicht. Erst drei Tage nachdem das Ballett gestrichen worden war, gab Urin auf der Pressekonferenz am Sonntag bekannt, dass das Stück verschoben wurde, weil es noch nicht fertig sei: „Nach der Probe haben wir gesprochen und Jura (Juri Possochow, Anm. d. Red.) war der gleichen Meinung.“

Der Direktor sagte zudem, dass ihm bewusst sei, wie schädlich die Entscheidung für den Ruf des Bolschoi sei – aber dass das Theater keine finanziellen Nachteile erleiden werde. Auch habe er Regisseur Serebrennikow sowie Choreograph Possochow zu der Pressekonferenz eingeladen. Beide erschienen nicht.

Urin endete mit der Ankündigung, dass die Szenografie unverändert bleibe und die Proben im April 2018 erneut beginnen würden.

Die Ballettkritikerin Anna Gordeewa schrieb auf Facebook jedoch, dass Urins Aussagen falsch seien: „Alle Teilnehmer und Beobachter der Generalprobe waren sich einig, dass die Aufführung bereit für die Premiere gewesen ist. Tatsächlich war sie besser aufgestellt als viele andere Uraufführungen.“ 

Tänzer des Bolschoi sagten gegenüber RBTH zudem, dass die Aufführung aus ihrer Sicht keinesfalls „unreif“ gewesen sei.

Die Weltpremiere des Balletts „Nurejew“ wurde auf das kommende Jahr verschoben. / AFPDie Weltpremiere des Balletts „Nurejew“ wurde auf das kommende Jahr verschoben. / AFP

„Es hat in der Vergangenheit schlechter vorbereitete Balletts gegeben, aber die wurden trotzdem der Öffentlichkeit präsentiert“, sagte ein Beobachter der Generalprobe. Er fügte hinzu: „Es könnte tatsächlich eine der bis heute besten Produktionen Possochows sein.“

Viele sind sich einig, dass die Premiere aus politischen Gründen verschoben wurde.

Reaktionen von Frustration gekennzeichnet

Der Regisseur Kirill Serebrennikow hatte an dem Ballett seit Februar ohne Unterbrechung gearbeitet – selbst als die Behörden sowohl seine Wohnung als auch seinen Arbeitsplatz, das Gogol-Theater, im Mai hatten durchsuchen lassen. Gegenüber der Zeitung „Wedemosti“ gab er zu verstehen, dass er den Vorgang nicht kommentieren wolle: „Es ist die Entscheidung des Theaters.“

Kirill Serebrennikow / Vyacheslav Prokofyev / TASSKirill Serebrennikow / Vyacheslav Prokofyev / TASS

Während der Abschlussparty der diesjährigen Spielzeit am Gogol-Theater äußerte er sich dann doch: Während Autoritäten und Herrscher wechselten, sei die Kunst permanent. Die Aufführung werde letztlich sicher stattfinden.

Komponist Ilja Demutski schrieb auf Facebook: „Ich werde mich nicht zur Absage von Nurejew äußern. Es wird bald eine offizielle Stellungnahme geben. Ich liebe alle, die an diesem Bild von beeindruckender Schönheit gearbeitet haben: die Künstler des Balletts, für die wir ein Denkmal errichten sollten, die Künstler des Orchesters, die mich dazu gebracht haben, mich in meine eigene Musik zu verlieben. Liebe. Das fühle ich für die knapp 600 Menschen, die ein Ballett vorbereitet haben, das es nicht geben wird.“ 

Auch das Kulturministerium äußerte sich mittlerweile: Gegenüber „Tass“ gab es an, dass man die Entscheidung Urins auf keinste Weise beeinflusst und das Bolschoi nicht unter Druck gesetzt habe, man die Entscheidung jedoch unterstütze. 

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