Die Bühne am Ende der Welt: Was renommierte russische Theater in den Fernen Osten zieht?

Kultur
OLEG JEGOROW
Dieses Jahr beeindruckte das "Territorija"-Theaterfestival besonders. In der als einstiger Gulag-Ort berüchtigten Stadt Magadan am Ochotskischen Meer.

Magadan ist bislang, gelinde gesagt, nicht gerade als Zentrum der Schönen Künste oder Hochkultur in Erscheinung getreten. Es liegt über 6000 Kilometer nord-östlich von Moskau, im Fernen Osten am Ochotskischen Meer. in den langen Wintern fallen die Temperaturen oft auf unter minus 30 Grad und in den 1930ern Jahren wurden hier zahlreiche Gukag, Arbeits- und Konzentrationslager für die Opfer der Stalinschen Säuberungen, gebaut. 

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Diese Klischees werden jedoch langsam aber sicher aufgebrochen: So war Magadan Ende August und Anfang September nun Gastgeber eines der wichtigsten russischen Theaterfestivals. Die internationale "Territorija"-Festivalschule und das Kohleförderunternehmen "Poljus" veranstalteten das "Territorija"-Festival. Zehn Theatergruppen aus Moskau und verschiedenen russischen Regionen kamen "am Ende der Welt" zusammern, darunter auch die Nachwuchsgeneration des Bolschoi-Theaters. Vor Ort wurde das Festival als großer Erfolg empfunden.

Eine Fernöstliche Umarmung für die zeitgenössische Kunst

"Wir haben gesehen, dass es in Magadan ein sehr gebildetes, kultiviertes Publikum gibt, dass sich stark für kulturelles Leben interessiert. Die Menschen dort haben nicht viel Auswahl, darum sind sie geradezu hungrig danach. Das zeigte uns das Feedback, das wir nach den Aufführungen bekamen", erzählt "Territorija"-Managerin Jekaterina Jakimowa gegenüber Russia Beyond. Auch darum sei es besonders wichtig, Theater, auch zeitgenössische und experimentelle Stücke, in die Regionen zu bringen.

Besonders deutlich wurde das sicher mit "Magadan. Ein Kabarett" der Moskauer Theatertruppe "Okolo". Das Stück besteht aus völlig abstrakten Monologen und schwermütigen Liedern über Magadan und den Hohen Norden. Diese interpretierten Schauspieler, die sich direkt an diejenigen richteten, denen das Stück auch gewidmet ist.

"Ich konnte nicht anders, ich musste weinen. Sie haben den Geist unserer Gegend erfasst", sagt nach der Vorstellung eine ältere Frau im Publikum. Das Stück erhielt stehende Ovationen.

Das Festival hatte aber noch eine weitere wichtige Auswirkung auf seinen Veranstaltungsort, betont der Theaterkritiker und Mitbegründer von "Territorija", Roman Dolschanskij: "Extra für das Festival hat die Stadt ihr lokales Schauspielhaus wieder aufgebaut. Das ist auch eine Leistung, die mich sehr freut."

Keine toten Winkel: Neue Orte, neue Ansichten

Nach Magadan kamen Ensembles aus so kleinen und wenig bekannten Orten wie Minusinsk im Süden des Krasnojarsker Gebiets oder Cheremchowo in Sibirien. Dass auch solche kleinen Orte mit gerade einmal 50-70.000 Einwohnern ernstzunehmende Theaterensembles unterhalten ist derweil auch keine Ausnahme, sondern Experten zufolge vielmehr eine aktuelle Tendenz.

Während das "Provinz-Theater" so wächst und sich entwickelt, gehen viele Regisseure und Künstler aus den Metropolen Moskau und Sankt Petersburg in die Regionen. 

"In den Regionen finden heute die innovativen Durchbrüche statt", so Aljona Karas, Vorsitzende der "Goldene-Maske"-Jury in einem Interview mit der russischen Zeitung "Kommersant". Darum sei es ein grober Fehler, die Kleinstädte in der Theaterszene außen vor zu lassen.

Die wichtigsten Zentren auf der russischen Theaterkarte sind laut Karas heute Krasnojarsk, Nowosibirsk, Jekaterinburg, Perm und Woronesch: also Sibirien, der Ural und der russische Süden. Ein großer Vorteil der regionalen Bühnen ist, dass sie nicht nur die allgemein russische Theatertradition, sondern oft auch regionale oder lokale Besonderheiten einfließen lassen.

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