Wie ermutigte ein russischer Autor die Leute, sich in Vorortszügen zu betrinken?

Während der Zugreise von Moskau nach Petuschki, feiern Fans des Schriftstellers Wenedikt Jerofejew den 60. Jahrestag seiner Geburt.

Boris Kawaschkin/TASS
Wenedikt Jerofejew gilt als Symbolfigur des russischen Trinkertums und der Verzweiflung. Der 80. Geburtstag des 1990 verstorbenen Schriftstellers ist Anlass, sich an sein berühmtestes Werk „Die Reise nach Petuschki“ zu erinnern. Der Kultroman widerspiegelt die (aussichtslosen) Perspektiven der letzten sowjetischen Generation.

Obwohl sein literarisches Werke nicht sehr groß ist, hatte es doch einen nicht zu übersehenden Einfluss auf die Gesellschaft: Der Schriftsteller rief seine Landsleute dazu auf, über sich selbst und ihr Leben nachzudenken. Jerofejew kannte das sowjetische Leben der einfachen Leute. Er arbeitete als Heizer, Wärter, in einer geologischen Expedition, Monteur im Fernmeldewesen, Bauarbeiter und Kabelleger. In diesen Jobs wurde viel getrunken und Jerofejew sträubte sich nicht dagegen.

„Wir werden ins Verderben stürzen“

Was hat Jerofejew so sehr zu diesem beliebten russische Laster hingezogen? Er schloss die Schule mit Auszeichnung ab, was es ihm ermöglichte, an der Moskauer Universität ohne vorherige Aufnahmeprüfungen zu studieren. Dort erlebte er jedoch intellektuelle Unterdrückung und  Verfolgung durch die Ideologie der Kommunistischen Partei. Bald wurde er von der Universität verwiesen, weil er sich weigerte, an der militärischen Ausbildung teilzunehmen. Daraufhin versuchte er, sich an einer anderen Hochschule einzuschreiben, in der er aber auch nur ein Jahr verbrachte. Schließlich nahm ihn die Staatliche Pädagogische Hochschule in Wladimir auf, wo er durch seine Trinkfestigkeit und sein großes Allgemeinwissen unter den Kommilitonen zur Legende wurde.

Seine Freundin, die Dichterin Olga Sedakowa, erinnert sich (rus): „Sein Trinken war ein symbolischer Akt der Auflehnung gegen die Gesellschaftsordnung....  Und viele Freunde und jüngere Bewunderer folgten seiner Lebensweise – „Wir werden ins Verderben stürzen“."

Olga Sedakowa

Da Jerofejew seinen Mitschülern aus der Bibel vorlas und antisowjetische Gedichte schrieb, wurde er auch von dieser Hochschule verwiesen. Der KGB behielt den rebellischen jungen Schriftsteller von da an im Auge. Er kannte sich in der Bibel aus und beherrschte Latein – Kenntnisse , die nicht Bestandteile des sowjetischen Bildungssystems waren. Jerofejew teilte sein Wissen mit seinen Kollegen, Freunden und Bekannten in einem kleinen Kreis. Der Haft entkam er durch exzessives Trinken.

Als sein Freund Wladimir Murawjow von KGB-Offizieren gefragt wurde, was Jerofejew trieb, war die Antwort: „Den ganzen Tag trinken, so wie er es immer tut.“ Daraufhin sollen die Geheimdienstleute Jerofejews Aufzeichnung wieder ins Bücherregal zurück gelegt haben. Wenedikt verbarg erfolgreich sein wahres Ich, vor allem dank der vielen Gerüchte über sich selbst.

Tatsache und Fiktion

„Die Reise nach Petuschki“ erschien in den Siebzigerjahren zuerst im Samisdat und war, als sie Ende der Achtziger in Russland offiziell veröffentlicht wurde, bereits Kult. Es ist ein „Roman über einen Mann, der sich im Zug betrinkt“,  was für sowjetische Bürger leicht nachvollziehbar war. Wie der Autor bitter bemerkte, verstand niemand die Tragödie hinter dem Buch. Man dachte, es sei nur eine lustige Geschichte und dementsprechend wurden sie und der Autor behandelt. Viktor Kulle, ein Bekannter und Dichterkollege von Jerofejew, erinnerte sich (rus) an einen literarischen Abend im Jahre 1987: „Er wehrte die Leute ab wie lästige Fliegen, es war ganz offensichtlich müde, aber jeder dachte, man müsse im Gespräch mit ihm laut fluchen und ihm alkoholische Getränke anbieten...“

Jerofejew versuchte, seine Fans mit Rätseln zu verwirren, und brachte eine Vielzahl Gerüchte über sein Werk in Umlauf. Es ist amüsant, dass diese Mythen dazu gedacht waren, Fans auf die Suche nach etwas zu schicken, das es eigentlich nicht gab – in den russischen Volksmärchen ist dies übrigens ein wiederkehrendes Thema.

Da gibt es zum einen im Roman ein getilgtes Kapitel, das nur aus Obszönitäten bestand und in dem nur das Fragment "Und er trank sein Glas in einem Zug aus“ übrig blieb. Philologen unternahmen große Anstrengungen, das Kapitel, das es nie gegeben hat, zu finden. Ein weiterer Mythos handelte von „Dmitri Schostakowitsch“, einen Roman Jerofejews, dessen Originalfassung dieser angeblich im Zug liegen ließ. Jerofejews Mitschüler Slawa Len veröffentlichte sogar einen Auszug aus dem Roman, aber Literaturhistoriker sind sich sicher (rus), dass es sich auch hierbei um einen Schwindel handelt.

Jerofejew soll angeblich Tausende von Menschen zum Trinken verleitet haben, und Sedakowa geht davon aus, dass so, wie Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ im 18. Jahrhundert eine Selbstmordepidemie auslöste, Jerofejews Buch viele Menschen in den Alkoholismus trieb.

„Junge Menschen, die das Buch nicht sehr aufmerksam lasen, fassten es als Anleitung auf, sich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken und auf das Establishment zu pfeifen.“

Wahrscheinlich war diese Fin-de-Siecle-Haltung der späten Sowjetzeit im neuen Leben nutzlos – ein Leben, das Wenedikt verabscheute und mit dem er nichts zu tun haben wollte.

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