Spione in der Sowjetunion: Geschichten berühmter Überläufer

USSR. June 1, 1991. Views of Moscow. The Lubyanka Square.

USSR. June 1, 1991. Views of Moscow. The Lubyanka Square.

Nikolai Malyshev/TASS
In der sowjetischen Geschichte gab es Momente, in denen sich hochrangige Beamte gegen den Staat stellten und dem militärischen und ideologischen Gegner geheime Informationen zuspielten.

Ein weiterer Skandal um geleakte Informationen erschüttert die USA: Das FBI nahm Reality Leigh Winner, eine 25-jährige Mitarbeiterin der Regierung aus Georgia, fest. Sie wird der Aneignung und Weitergabe von vertraulichen Informationen an die Website The Intercept beschuldigt. Ihr drohen bis zu 10 Jahre Haft. Die Informationen sollen eine mögliche Verbindung zwischen den russischen Geheimdiensten und den Hacker-Angriffen, die im Vorfeld der US-Präsidentschaftswahlen 2016 stattgefunden haben, belegen. Auf Grundlage der zugespielten Dokumente sei der Intercept-Artikel geschrieben und veröffentlicht worden.

WikiLeaks-Gründer Julian Assange unterstützt Winner: „Sie wird für ihren Mut, uns Wissen zu vermitteln, bestraft", twitterte er.

Die Verbreitung geheimer Informationen über das Internet sorgt heutzutage immer wieder für Skandale. Auch in der Sowjetunion kam es zur Weitergabe von Informationen, doch die Öffentlichkeit blieb dabei meist im Dunkeln. Das Internet und WikiLeaks existierten noch nicht. Dennoch waren es in der Regel Beamte, die sich dazu entschieden, die Seite zu wechseln. Wir erzählen drei berühmte Geschichten:

Genrich Ljuschkow: ein Tschekist, der nach Tokio floh

Bis zum Jahr 1938 konnte sich Genrich Ljuschkow (1900-1945) weder über sein Leben noch seine Karriere in der Sowjetunion beklagen. Als erfolgreicher Offizier der Geheimpolizei NKWD leitete er einen Ortsverband im Fernen Osten der UdSSR. Ljuschkow beteiligte sich aktiv an den Stalinschen Säuberungen. Der Historiker Josef Telman schrieb, dass die Verfolgungen im Fernen Osten unter Ljuschkow ihren Höhepunkt erreicht hätten.

Die Zeiten änderten sich, als sich Ljuschkow selbst bedroht fühlte. Die Behörden beriefen ihn im Jahr 1938 nach Moskau. Da die Position seines Dienstherrn, dem NKWD-Chef Nikolai Jeschow, bereits geschwächt war, erkannte Ljuschkow, dass er in Moskau verhaftet und getötet werden würde. So entschied er sich stattdessen, nach Japan zu fliehen – in ein Land, das am Rande eines Krieges mit seiner Heimat stand.

Im Juni 1938 passierte er die Grenze und ging nach Tokio, wo er sich verpflichtete, mit den japanischen Geheimdiensten zu kooperieren. „Ich bin bereit, den Rest meines Lebens dem Kampf gegen den Stalinismus zu widmen", behauptete er. Laut Telman hätten die Japaner nicht wirklich an Ljuschkows Aufrichtigkeit geglaubt. Dennoch nutzten sie ihn als wertvolle Informationsquelle.

Ljuschkow veröffentlichte alle ihm bekannten Informationen über die sowjetische Armee und die Geheimdienste im Fernen Osten. Durch seine Aussagen erfuhren die Japaner, dass die Präsenz der sowjetischen Armee an der Grenze viel höher als erwartet war und entschieden sich deshalb gegen den geplanten Angriff auf die UdSSR. Darüber hinaus konnten die Japaner mit Ljuschkows Hilfe zwei Attentate auf Stalin planen. Beide Versuche scheiterten, doch die Japaner schätzten Ljuschkows Einsatz. Er galt von da an als kluger und hart arbeitender Mann.

Ljuschkow (links) 1937 in Chabarowsk /  Stiftung der Fernöstlichen Staatlichen Wissenschaftlichen BibliothekLjuschkow (links) 1937 in Chabarowsk / Stiftung der Fernöstlichen Staatlichen Wissenschaftlichen Bibliothek

Der ehemalige Tschekist diente Japan im Zweiten Weltkrieg und arbeitete als Ostasien- und UdSSR-Spezialist. Im Jahr 1945 kapitulierte Deutschland und die UdSSR erklärte Japan den Krieg. Ljuschkow wurde daraufhin in die Kwantung-Armee eingezogen. Er verschwand im August 1945 in Dairen, dem heutigen Dalian in China. Auch wenn sein Schicksal unklar bleibt, glauben die meisten russischen Historiker, dass er von den Japanern getötet wurde als ihre Niederlage unvermeidlich geworden war. Ljuschkow wusste wohl zu viel, um am Leben bleiben zu können.

Arkadi Schewtschenko: Diplomat, Emigrant und Spion

Arkadi Schewtschenko (1930-1998) war Bürger der Sowjetunion und UN-Untergeneralsekretär zugleich. Im Jahr 1975 bat er Daniel Patrick Moynihan, US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, um politisches Asyl in den USA. Moynihan, der ziemlich überrascht war, leitete den Antrag weiter an die CIA. Die Agenten überzeugten Schewtschenko, dass er der US-Regierung vor dem Verlassen seiner sozialistischen Heimat helfen müsse. So wurde Schewtschenko zum hochrangigsten US-Spion in der Sowjetunion.

Vor seinem Sinneswandel galt Schewtschenko als ein talentierter und erfolgreicher Diplomat. So pflegte er unter anderem enge Beziehungen zum sowjetischen Außenminister Andrei Gromyko. Laut dem KGB-Offizier Igor Peretruchin habe Gromyko keine Geheimnisse vor Schewtschenko gehabt. Er habe mit dem Diplomaten nicht nur über die Außenpolitik der Sowjetunion, sondern auch die tiefsten Geheimnisse des Politbüros, dessen Termine sowie den Gesundheitszustand seiner Mitglieder gesprochen. Von 1975 bis 1978 leitete Schewtschenko all diese Informationen an die CIA weiter.

Schewtschenko 1986 / APSchewtschenko 1986 / AP

Der KGB schöpfte Verdacht, woraufhin Schewtschenko die USA um Asyl bat, das ihm im März 1978 gewährt wurde. Im Exil schrieb er eine Denkschrift mit dem Titel „Breaking Up With Moscow". Darin versuchte er, seine Motive zu erklären. Das heuchlerische sozialistische System habe Schewtschenko enttäuscht. Da er den Staat nicht verändern konnte, habe er sich entschieden, geheime Informationen mit dem Westen zu teilen.

Ehemalige Beamte der Sowjetunion, die Schewtschenko kannten, behaupteten hingegen, dass für ihn der persönliche Komfort entscheidend gewesen sei. Ein luxuriöses und freieres Leben im Westen habe ihn verführt. Den Rest seines Lebens verbrachte Schewtschenko in den USA und starb im Jahr 1998 an den Folgen einer Leberzirrhose.

Oleg Gordijewski: Londons Mann in Moskau

In seinem Interview mit „Radio Swoboda“ sagte Oleg Gordijewski (geboren 1938), ehemals KGB-Oberst und langjähriger Geheimagent Großbritanniens, dass es die sowjetische Invasion in die Tschechoslowakei war, die die sowjetischen Werte und seine Arbeit entzaubert hätte. Gordijewski kontaktierte den britischen Geheimdienst MI6 erstmals im Jahr 1968 und nahm seine Arbeit für den Westen auf. Besonders wertvoll wurden seine Informationen im Jahr 1982, als er direkten Einblick in die Arbeit des KGB erhielt.

Für den ehemaligen KGB-Chef Wladimir Semitschastni verursachten Gordijewskis Handlungen den größten Schaden, den die Sicherheitsstruktur der Sowjetunion in ihren späten Jahren erlitt. Ehemalige MI6-Agenten wiederum behaupten, dass die Informationen Gordijewskis Margaret Thatcher und Ronald Reagan geholfen hätten, die sowjetische Politik zu verstehen. So habe der Kalte Krieg erst beendet werden können. „Für mich war es wichtig, die Zivilisation im Westen zu schützen. Das ist das, worüber ich nachgedacht habe", sagte der Doppelagent später.

Im Jahr 1985 vermuteten die sowjetischen Behörden, Gordijewski könne ein Spion sein. Er wurde zurück nach Moskau berufen, wo der KGB ihn verhörte. Aber auch unter dem Einfluss von verabreichten Drogen ließ sich Gordijewski nicht zu einem Geständnis hinreißen. Man erlaubte es ihm, weiterhin in Moskau leben. Mit der Hilfe von MI6-Agenten floh er schließlich nach Finnland. Seine Flucht war spektakulär: Die Agenten schmuggelten ihn in einem Kofferraum über die Grenze. Aus Finnland ging er nach Großbritannien, wo er bis heute lebt. Er bereue nichts und es störe ihn nicht, dass Russland ein 1985 verhängtes Todesurteil noch immer nicht aufgehoben hat.

Gordijewski in London 2007 / ReutersGordijewski in London 2007 / Reuters

 

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