Tod im Ural-Schnee: Geschichte einer mysteriösen Berg-Tragödie

Rätselhafter Tod am Djatlow-Pass.

Rätselhafter Tod am Djatlow-Pass.

Varvara Grankova
1959, Februar: Eine Touristengruppe unter der Leitung von Igor Djatlow kommt im nördlichen Ural ums Leben. Die Umstände des Todes der neun jungen Menschen sind bis heute umstritten: Verschiedene Versionen kommen infrage - von Lawine bis hin zur US-Geheimdienst-Operation.

Der Berg "Cholattschachl", gelegen etwa 550 Kilometer nördlich von Jekaterinburg und etwa 1500 Kilometer östlich von Moskau, heißt in der Sprache des örtlichen Mansen-Volkes „Toter Berg“ oder „Berg der Toten“. Nach einer Legende wurden dort in alten Zeiten neun Jäger getötet – und seitdem sollte man eigentlich nicht zu Fuß den Berg besteigen, erst recht nicht zu neunt.

Und eigentlich hätte niemand jemals wieder von dieser Legende der Mansen erfahren, wenn sie im Jahre 1959 nicht wieder wahrgeworden wäre. In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar verließen neun Touristen (sieben junge Männer und zwei Mädchen) plötzlich ihr Zelt am Aufstieg des Cholattschachl. Bis heute weiß niemeand, was die Bergsteiger dazu brachte, in  Eile all ihre Sachen zu hinterlassen - sieben von fünf Personen trugen offenbar nicht einmal Schuhe, als sie das Zelt verließen - und in die Kälte der Winternacht mit minus 30 Grad Celsius zu gehen. Keiner von den Touristen der Djatlow-Gruppe (benannt nach dem Gruppenleiter Igor Djatlow) hat diese Nacht überlebt.

Ein Suchtrupp stieß zwischen Ende Februar und Anfang März auf fünf Leichen der jungen Menschen etwa aneineinhalb Kilometer berabwärts von dem Zelt. Die übrigen vier konnten erst Ende Mai gefunden werden, als der Schnee zu schmelzen begann. Drei von neun sind, wie die Untersuchung ergab, durch Schläge gestorben, "die durch Einwirkung großer Kräfte angerichtet worden sind", wie es hieß. Die anderen sind erfroren. Einem der Mädchen fehlten Augen und Zunge, als man sie fand. An den Kleidungsstücken konnten dann Spuren von Radioaktivität festgestellt werden, die die Norm zweimal überstiegen. 

Lückenhafte Untersuchung?

Die sowjetischen Ermittler, die damals an dem Djatlow-Fall arbeiteten, verdächtigten eine Gruppe von Jägern aus dem Volk der Mansen, die sich möglicherweise empört hätten, dass Touristen in "ihren" Berge umherstreunerten; auch aus dem Gefängnis geflohene Kriminelle kamen in den engeren Verdächtigenkreis. Später lehnte man diese Versionen aber ab: Drei Monate lang vor der Tragödie war niemand aus Haftanstalten getürmt und die für das Volk des Mansen heiligen Berge liegen abseits der Djatlow-Route. Zudem entdeckte man keinerlei Waffenwunden anden Körpern der Toten und das Zelt wurde, nach der Expertise, von innen aufgeschlitzt. Also musste die Gruppe das Zelt selbst verlassen haben.

Vage Theorien?

Schon Ende Mai 1959 wurde das Strafverfahren abgeschlossen. Die offizielle Todesursache klingt sehr vage: „Eine spontane, starke Kraft, die die Touristen nicht überwältigen konnten“. Doch viele Leien, die den Unfall später selbst noch untersuchten, vermuteten, dass die sowjetische Regierung das Verfahren so schnell wie möglich vertuschen wollte. Bis heute sind arum allerlei Annahmen, Mutmaßungen, Gerüchte und Verschwörungstheorien zu dem Fall im Umlauf.

Eine beliebte Version besagte beispielsweise, dass die Gruppe durch eine Lawine oder Bergrutsch ums Leben kam. Aber die später an der Such- und Bergungsaktion beteiligten Rettungskräfte entdeckten keine Spuren einer Naturkatastrophe: Sogar die Skistöcke, die das Zelt befestigten, standen noch. Und warum sollten Touristen, wenn sie einer Lawine ausweichen wollen, den Hang hinunter und nicht zur Seite laufen. Erfahrene Bergsteiger hätten nie so agiert. 

Geheime Waffentests?

Die Zeugen, die sich im Februar und März 1959 unweit von Djatlows Gebirgspass befanden, erzählten derweil von ungewöhnlichen atmosphärischen Phänomenen, von „Feuerbällen“ oder „hellen Flecken“, die sich am Himmel bewegt haben sollen. Diese Aussagen und die Radioaktivität der Kleidungsstücke gab den Ermittlern Grund zur Vermutung, dass die Sowjetunion womöglich in der Gegend geheime Raketentests zu kosmischne oder militärischen Zwecke testete.

Daraus entstand wiederum eine andere Version, wonach die Touristen von einer Giftgas-Wolke  bedeckt wurden und darum so überhastet das Zelt verlassen hätten. Aber in diesem Fall wäre es schwer nachvollziehbar, warum die Gruppe so lange gelaufen ist: Jene Wintertage 1959 waren nachgewiesenermaßen sehr windig und eine solche Wolke wäre schnell vorübergezogen.

US-Intrigen?

Und weil keine mysteriöse Tragödie in Russland ohne eine Geheimdienst-Theorie – egal ob in- oder ausländisch – auskommt, gibt es auch solch eine Erklärung für den Fall der Djatlow-Gruppe: Der Schriftsteller Aleksej Rakitin betrachtet es  in seinem Buch „Die Toten vom Djatlow-Pass“ alle Mutmaßungen und lehnt eine nach der anderen ab. Er bringt seine eigene Version voran: Die Gruppe müsse von amerikanischen Agenten vernichtet worden sein.

Demnach waren in der Djatlow-Gruppe geheime Mitarbeiter des sowjetischen Innengeheimdienstes KGB, die sich mit den Amerikanern treffen und jenen gefälschte Proben radioaktiver Kleidung übergeben sollten. Aber im letzten Moment wurde der Betrug aufgedeckt und die wütenden Amerikaner töteten die sowjetische Agenten - und die anderen Touristen gleich mit.

Die Hauptfrage der Kritiker an Rakitin lautet jedoch: Warum organisierte der sowjetische Geheimdienst eine „kontrollierte Lieferung“ im Ural, wenn es doch viel leichter gewesen wäre, sich in einer Großstadt zu verstecken. Zudem ist es unklar, warum die Amerikaner die Leichen dann hinterließen und nicht völligt vernichteten. 

Viele Fragen, keine Antwort

Es gibt noch eine Vielzahl weiterer Theorien: Der KGB tötete die Touristen, als seine Agenten zufällige Zeugen des Raketentests vernichteten. Oder eine Spezialeinheit der militärischen Truppen des Innenministeriums ist schuldig, weil sie die Touristen für entlaufene Verbrecher hielten. Oder die jungen Leute stürzten in Folge einer Panikattacke aus dem Zelt und in ihren sicheren Tod. Die Liste ist lang...

Wie der Schriftsteller Boris Akunin in seinem Blog schrieb, „kritisieren die Befürworter der einzelnen Versionen die jeweils konkurrierenden Hypothesen sehr überzeugend, verteidigen aber ihre eigene nicht “. Jeder nutzt nur Fakten, die seine Vermutungen verstärken, aber ignoriert die, die seiner Version widersprechen. Zu erfahren, was auf dem Berg Cholattschachl wirklich passiert ist, ist nun - fast sechszig Jahre später - nahezu unmöglich. Aber: Anfang 2017 sagte der ehemalige Gouverneur des Gebietes Swerdlowsk, dass die Akten über den Vorfall bis heute auf föderaler Ebene unter Verschluss gehalten würden.

Dieser Artikel ist Teil der X-Files-Serie, in der RBTH Geheimnisse und paranormale Phänomene unter die Lupe nimmt, die mit Russland im Zusammenhang stehen. 

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