Fibel-Evolution: Russische Lesebücher zwischen Tolstoi und Sowjetpropaganda

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Verschiedene Lehrmethoden, religiöse und politische Einflüsse beeinflussten stets auch die Bücher für die Kleinsten.

Die erste slawische Kinderfibel schrieb der "russische Gutenberg" Iwan Fjodorow bereits im 16. Jahrhundert. Das Hauptziel des Buchdruck-Pioniers war es, in einem Religionsbuch Psalme und Chöre zu sammeln. 1574 veröffentlichte er aber auch ein Leselernbuch. Später folgte sogar noch eine Neuauflage.

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Während des 17. Jahrhunderts gab es weitere Versuche, eine neue russische Fibel aufzulegen - nach der Buchstabenlernmethode. Im 19. Jahrhundert wurde dann jedoch das Lesenlernen nach Phonemen populärer. Nach diesem Prinzip werden Wörter nicht nach den Buchstaben, aus denen sie bestehen, gelernt, sondern ihren Klängen. Inspiriert von Fjodorows Vorreiterwerk, legte Wassilij Burtsow dann die erste illustrierte Fibel nach.

Zweite Auflage von Burtsows Fibel aus dem Jahr 1637 / http://www.edu.ruZweite Auflage von Burtsows Fibel aus dem Jahr 1637 / http://www.edu.ru

1864 revolutionierte Konstantin Uschinskij das Lesenlernen: Er veröffentlichte das erste Leselernbuch für Kinder, das die Phonemlernweise mit einem erklärenden Wörterbuch verband und außerdem in Massenauflage ausgegeben wurde. Als Pädagoge ergänzte er außerdem ein Lehrerhandbuch. Seine Fibel war es dann, mit der bis 1917 alle russischen Kinder das Lesen lernten. Es ist bis heute erhältlich und auch online verfügbar.

Leo Tolstoi verstand sich als ewig Lernender: Jeden Tag wollte er etwas Neues erfahren. Vieles notierte er dann in seinem Tagebuch. Er war zu seiner Zeit als Pädagoge fast ebenso berühmt wie als Schriftsteller und verbreitete seinen Ansatz des "lebendigen Lernens". Unter anderem verfasste er auch seine eigene Kinderfibel, die gleichzeitig Lesen, Schreiben und Zählen vermitteln sollte. Auch dieses Buch enthielt eine extra Instruktion für Lehrer.

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Weil die erste Version der "Asbuka" (russisch für Alfabet) von den Kritikern zerrissen wurde, überarbeitete Tolstoi sie noch einmal. Das Resultat von 1872 wurde dann allen Schulen offiziell vom Staat als Lehrbuch empfohlen. In seinem Landhaus in Jasnaja Polana organisierte Tolstoi eine Schule für einfache Kinder, wo er selbst und seine eigenen älteren Kinder die Schüler nach seinem Werk unterrichteten. 

"Verwandtes Wort" - Titelseite von Tolstois Kinderfibel / Archivbild"Verwandtes Wort" - Titelseite von Tolstois Kinderfibel / Archivbild

Als mit der Revolution 1917 die Kommunisten in Russland an die Macht kamen, veränderten sie auch das russische Alphabet. Der Dichter Wladimir Majakowskij schrieb 1919 die erste Sowjetfibel nach den neuen Regeln: ein satirisches Leselerngedicht, in dem B für Bolschewiki stand, illustriert mit kleinen Karikaturen zu jedem Buchstaben. Die Hauptzielgruppe für diese Fibel waren Arbeiter und Rotarmisten.

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Vor 1917 gab es keine Schulpflicht in Russland. Also schickten zwar die gebildete Mittelklasse und die Oberschicht ihre Kinder an Schulen oder zu Privatlehrern. Auch Schulen für Bauernkinder gab es durchaus. Dennoch wurde die erste massive Alphabetisierungsmaßnahme für die Bevölkerung - Kinder und Erwachsene - erst zu Sowjetzeiten gestartet. Das Lehrbuch "Ende dem Analphabetismus" von Dora Elkina von 1919 erklärte über Sowjetlosungen die Buchstaben: zum Beispiel "Wir sind keine Sklawen" und "Freiheit für die ganze Nation". Die Illustrationen zeigten Szenen aus dem Alltag der Arbeiterschicht.

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In Stadtschulen war auch die Fibel von Sergej Redosubow weit verbreitet. Sein Lehrbuch war komplizierter aufgebaut, es enthielt auch Gedichte und leichte Interpretationen zu russischen Märchen. 1945, direkt nach Ende des Zweiten Weltkrieges, erschienen, zeigte es vor allem Szenen eines friedlichen Lebens, ließ harte Propaganda außen vor. Redosubow entwickelte außerdem auch ein Braille-Lesesystem für blinde Kinder.

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Dorfschulen auf dem Land nutzten derweil andere Lesebücher: Das populärste stammte von Alexandra Woskresenskaja. Es erklärte den Kindern das Dorfleben, die verschiedenen Obst- und Gemüsesorten sowie Tierarten und vieles mehr.

 / A. Woskresenskaja/ Verlag "Utschpedgis"/ A. Woskresenskaja/ Verlag "Utschpedgis"

Ein weiteres populäres Lesebuch zu Sowjetzeiten publizierte Wseslaw Gorezkij 1971. Seine Fibel sowie Notizbücher für Kinder werden bis heute gedruckt. Sie enthalten kleine Witze, Rätsel und Gedichte, unter anderem von APuschkin, Schukowskij und Majakowskij. Als Illustrationen führen beliebte Kindertrickfiguren durch das Buch. 

 / W. Gorezkij/ Prosweschtschenie / W. Gorezkij/ Prosweschtschenie

Das gegenwärtig meistverkaufte Leselernbuch ist das "ABC" von Nadeschda Schukowa aus dem Jahr 1999. Schukowa ist Logopädin mit dreißigjähriger Berufserfahrung. Das Buch will, dass die Kinder Spaß haben beim Lesen. Und es vermittelt: Keine Angst vor der Grammatik!

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