Große Liebe, gemeinsamer Erfolg: Russische Schriftsteller und ihre Frauen

Sophia Tolstaja schrieb den kompletten Text von „Krieg und Frieden“ siebenmal ab und unterstützte die Arbeiten ihres Mannes. Foto: Ignatowitsch / RIA Novosti

Sophia Tolstaja schrieb den kompletten Text von „Krieg und Frieden“ siebenmal ab und unterstützte die Arbeiten ihres Mannes. Foto: Ignatowitsch / RIA Novosti

Hinter den großen russischen Schriftstellern standen oft deren Frauen als Sekretärinnen und Literaturagentinnen. Es war die Liebe zu ihren herausragenden Männern, die Sofja Tolstaja, Anna Dostojewskaja und Vera Nabokowa auch schwere Zeiten überstehen ließ.

Sofja Tolstaja

Die Ehe von Sofja Bers und dem Grafen Lew Tolstoj, die 48 Jahre dauerte und ihm half, seine großen Werke „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ zu schreiben, fing mit dem Verzicht Tolstojs auf Gewohnheiten aus seiner Jugendzeit an. Er war nicht nur ein prominenter Schriftsteller und Held der Belagerung von Sewastopol, sondern auch Alkoholiker, Spieler und Frauenheld. All das gestand er Sofja und versprach ihr, „keine Affären in unserem Dorf zu haben, abgesehen von seltenen Gelegenheiten, die ich weder suchen noch verhindern werde“ – eine geistreiche Entschuldigung!

 

Die Armut auf Tolstojs Gut in Jasnaja Poljana versetzte Sofja in Erstaunen.

Das Bett des Grafen hatte keine Decken, das Geschirr war alt und angeschlagen. Sofja nahm die Bürde auf sich, die Wirtschaft eines ländlichen Lebens zu führen, die noch zu den Pflichten einer Ehefrau und Mutter hinzukamen. Aber was sie unter diesen Bedingungen glücklich machte, war ihr Anteil an der Arbeit ihres geliebten Gatten. 

Sie war viel mehr als nur eine Hausfrau – Sofja war Tolstojs Sekretärin und Agentin, und sie vervielfältigte seine Aufzeichnungen. Sie schrieb den kompletten Text von „Krieg und Frieden“ siebenmal ab und unterstützte die Arbeiten ihres Mannes. Sie setzte sich sogar mit der Witwe Dostojewskijs in Verbindung, um deren Rat einzuholen. „Ich habe meine intellektuelle Stärke, ja sogar all meine moralische Stärke, vorher nie so frei und fruchtbar empfunden“, schrieb Tolstaja über die Zeit ihrer Ehe.

Die härteste Zeit brach an, als Tolstoj begann, am Ende seines Lebens seine eigenen philosophischen Vorstellungen zu entwickeln. Tolstoj schrieb seiner Frau zwar noch lange Liebesbriefe, fing aber an, die traditionellen Vorstellungen von Familie und Eigentum abzulehnen. „Ich kann nicht sagen, wann wir uns auseinanderlebten, aber ich hatte keine Kraft, seinen

Lehren zu folgen“, schrieb Sofja. Schließlich verließ Tolstoj, depressiv und verwirrt, sein Gut. Sofja fand Lew auf einer kleinen Bahnstation wieder, wo er im Sterben lag und sie nur noch seine letzten Atemzüge miterleben konnte. Der Wille, die Gesamtausgabe von Tolstojs Werken abzuschließen, half Sofja, ihre Trauer zu verarbeiten. „Ich hoffe, dass die Leute gegenüber derjenigen Nachsicht zeigen werden, die zu schwach gewesen ist, die Frau eines Genies und eines wirklich großen Mannes zu sein“, schrieb sie.

 

Anna Dostojewskaja 

Ihre Liebe endete nicht mit dem Dostoevskijs Tod, da sie sich ganz der Veröffentlichung seiner Arbeiten und der Verwaltung des Dostojewskij-Museums widmete. Foto: V. Krechet / RIA Novosti

Fjodor Dostojewskij machte seiner Stenografin, der 20-jährigen Anna Snitkina, nur einen Monat nach ihrer ersten Begegnung einen Heiratsantrag. Doch dieser erste Monat war ein sehr geschäftiger gewesen: Während der 25 Tage half ihm Anna, sein jüngstes Werk „Der Spieler“ zu beenden und die Rechte an allen seinen Arbeiten vor seinem gierigen Herausgeber zu sichern. Das war eine Meisterleistung, die nur aus Liebe vollbracht werden konnte. „Mein Herz war mit Mitleid für Dostojewskij erfüllt, der die Hölle des Exils durchlebt hatte. Ich träumte davon, dem Mann zu helfen, dessen Romane ich so sehr verehrte“, schrieb Anna in ihren Memoiren. In Anna fand der desillusionierte 45-jährige Schriftsteller eine Frau, die sich vollkommen ihm und seiner Arbeit widmete. 

Wie der Held seines Romans war Dostojewskij ein hoffnungsloser Spieler. Nach der Hochzeit musste die Familie aus Russland fliehen, weil Dostojewskijs Gläubiger ihr Geld eintreiben wollten. Doch in Europa setzte er seine Spielerei fort und verpfändete dort manchmal sogar die Kleider

und Schmucksachen seiner Frau. Anna behandelte seine Leidenschaft als eine Krankheit, nicht als ein Laster. Einmal gab sie ihm sogar das letzte Geld, das die Familie, die bereits ein Baby hatte, dringend für ihren Lebensunterhalt benötigte. Dieser entwaffnende Freimut ließ Dostojewskij erkennen, dass Anna „stärker und tiefgründiger“ war, als er gedacht hatte. Er verspielte das Geld, gab aber seiner Frau zwei Versprechen: nie wieder zu spielen und sie glücklich zu machen. Er hielt beide.

Dostojewskijs größte Romane entstanden mit Annas Unterstützung als Sekretärin und Seelenverwandte. Sie verfügte die ganze Zeit über das nötige Einfühlungsvermögen, denn Dostojewskij konnte während des Diktats durchaus auch einmal aus der Haut fahren. Während der letzten Jahre seines Lebens überwand die Familie schließlich die Armut – zum großen Teil dank Anna, die die Finanzen führte. Ihre Liebe endete nicht mit seinem Tod, da sie sich ganz der Veröffentlichung seiner Arbeiten und der Verwaltung des Dostojewskij-Museums widmete. Sie heiratete nie wieder und bemerkte dazu ironisch: „Wen sonst könnte ich nach Dostojewskij denn heiraten? Tolstoj vielleicht?“

 

Vera Nabokowa

Nach Nabokows Tod saß Vera bis zu sechs Stunden am Tag an der Schreibmaschine, um seine Romane zu übersetzen und seine Übersetzungen zu redigieren. Foto: Getty Images / Fotobank

Vera Slonim heiratete Wladimir Nabokow, einen vielversprechenden Schriftsteller, dessen Dichtung sie bereits 1925 verehrte, als der Autor in Berlin lebte. Beide – sie, die Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts, und er, der Sohn eines bekannten russischen Politikers – flohen gemeinsam aus dem kommunistischen Russland zuerst nach Deutschland, dann nach Frankreich und letztlich in die USA. Ihre Ehe war die Geschichte einer Eintracht, die so ausgeprägt war, dass sie sogar Nabokows Verwandte nervte. Er vertraute Vera völlig und in allen Dingen: Sie schrieb den Herausgebern in seinem Namen und beantwortete die an ihn gerichteten Anrufe; sie führten sogar ein gemeinsames Tagebuch. 

Die Nabokows traten öffentlich stets zusammen auf. Während seiner Lehrtätigkeit an der Cornell-Universität saß Vera in Wladimirs Vorlesungen über russische Literatur; sie waren so untrennbar, dass Gerüchte aufkamen, Vera habe eine Pistole in ihrer Handtasche, um, einem Leibwächter gleich, Nabokow zu schützen. Unter Freunden kam das Gerücht auf, dass in Wirklichkeit Vera statt Wladimir schreibe – weil sie immer hinter der Schreibmaschine saß, während Nabokow selbst überall schrieb, im Bad, im Bett, auf dem Rücksitz seines Autos, nur nicht an seinem Schreibtisch. „Das Auto ist der einzige Ort in Amerika, wo es ruhig ist und nicht zieht“, sagte Nabokow einmal. Vera, die auch seine Fahrerin war, fuhr ihn gewöhnlich in den Wald, wo sie ihn zum Schreiben alleine ließ.

„Ohne meine Frau hätte ich kein einziges Buch schreiben können“, pflegte Nabokow zu sagen. Außerdem hätte es sein Werk „Lolita“ wohl nie gegeben, wenn Vera das Manuskript nicht immer wieder aus dem Mülleimer hervorgeholt hätte.

Sie teilte die Leidenschaft ihres Mannes für Schach und Insektenkunde. Während eines Urlaubs in Italien fand Wladimir zufällig einen seltenen Schmetterling. Wie ein Zeuge berichtete, eilte er ihm nicht gleich hinterher, sondern rief seine Frau hinzu, damit sie miterleben konnte, wie er das wunderbare Insekt mit dem Schmetterlingsnetz einfing. 

In ihren eigenen Briefen an Freunde grämte Vera sich darüber, wie schwer es sei, Wladimir davon zu überzeugen, seine Arbeit zu unterbrechen und sich auszuruhen. Aber nach seinem Tod verfuhr sie genauso: Bis zu sechs Stunden am Tag saß sie an der Schreibmaschine, um seine Romane zu übersetzen und seine Übersetzungen zu redigieren – und das im Alter von 80 Jahren.

Aber noch einmal zur Cornell-Universität: Sicherlich trug sie keine Pistole in ihrer Handtasche mit sich herum. Sie wohnte den Vorlesungen bei, weil Wladimir nur in ihrer Anwesenheit frei und unbefangen über russische Literatur sprechen konnte und sie wollte, dass jeder die Möglichkeit hatte, an diesem wunderbaren Gespräch teilzunehmen.

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