Warum unterstützten russische Herrscher den Weingenuss ihrer Untertanen?

Wladimir Astapkowitsch/RIA Novosti
Russische Weine erlangten niemals denselben Bekanntheitsgrad wie russischer Wodka. Dabei blickt die russische Weinproduktion auf eine abwechslungsreiche, oft mit großen historischen Ereignissen in Verbindung stehende Geschichte zurück.

Im Laufe des 17. Jahrhunderts richteten die Monarchen der neu etablierten Romanow-Dynastie ihren Blick auf die Weinproduktion. Bis dahin wurden Weintrauben in Russland nicht angebaut, sondern über Jahrhunderte hinweg aus dem Ausland importiert.

Unmittelbar nach seiner Thronbesteigung im Jahre 1613 ordnete Michail, der erste Herrscher der Romanows, an, einen „Hofgarten für den Zaren“ zu entwerfen. Der „Garten“ war in Wirklichkeit die erste russische Traubenplantage, die sich bei einem Kloster der Stadt Astrachan am Flussdelta der Wolga, 1500 Kilometer südlich von Moskau, befand. Später wurde ein Gärtner aus den deutschen Fürstentümern eingeladen, um die Kultivierung der Weinreben in Russland zu modernisieren. So kam es, dass in den 1650er Jahren Michaels Nachfolger, Zar Alexei, den ersten russischen Wein aus Astrachan trank. Etwa zur selben Zeit begann man auch Weinreben am russischen Fluss Don und im Süden zu kultivieren.

Astrachan im 17. Jahrhundert

Neue Eroberungen

Die Weinherstellung in Russland wurde durch neue Eroberungen vorangetrieben. Unter der Herrschaft Peter des Großen im frühen 17. Jahrhundert kehrte Frieden in die südlichen Landregionen entlang des Asowschen Meeres ein und der Zar weitete die russischen Grenzen in Richtung der Kaukasusregion aus. All diese Gebiete eigneten sich hervorragend für den Anbau von Trauben.

Die berühmteste, bis heute noch weitläufig bekannte Weinregion, wurde von Russland Ende des 17. Jahrhunderts eingenommen: In den 1780er Jahren besiegte Katharina die Große die Türken und sicherte sich die Kontrolle über die Insel Krim sowie die Region, die sie „Noworossija“, „Neues Russland“, nannte und die aus der heutigen Region Krasnodar und einem wesentlichen Teil der heutigen Ostukraine bestand.

Die Modernisierung der Weinherstellung auf der Krim

Die Entfaltung der Weinindustrie in den neuen Gebieten des russischen Imperiums wird hauptsächlich mit zwei Männern in Verbindung gebracht: Graf Michail Woronzow und Leo Galitzin.

Graf Michail Woronzow

Auf der Krim züchtete Michail Woronzow auf seinen Anwesen verschiedene Traubensorten, erbaute spezielle Weinkeller für die Lagerung des Weins und war mehr als drei Jahrzehnte, von 1822 bis 1854, als Gouverneur des „Neuen Russland“ tätig.

Woronzow betreute zudem den Auftritt der ersten Winzerschule auf der Krim, deren Mitarbeiter die ersten Fachleute für die Anreicherung der Dessertweine mit Primaspirit zur Beschleunigung des Reifungsprozesses und Qualitätsverbesserung waren.

Im späten 19. Jahrhundert kaufte die Zarenfamilie Woronzows Erben einige seiner Güter ab und Leo Galitzin wurde der neue Verantwortliche für die Weinherstellung der Romanow-Ländereien. Er schlug vor, einen großen Weinkeller zu bauen, in dem die Weine der verschiedenen Romanow-Güter reifen konnten.

Ein riesiger Weinkeller

Mit Hilfe eines Geologen fand er einen Ort auf der Südküste der Krim, der eine konstante Temperatur von zwölf bis vierzehn Grad Celsius besaß. Dort baute Galitzine einen riesigen Keller mit sieben langen Tunneln, die 250 000 Deziliter Wein in Fässern und eine Million Flaschen beherbergen konnten. Der Keller ist seitdem ein fester Bestandteil des berühmten Massandra-Weingutes.

Das Denkmal für Nikolaus II. und Leo Golitzin in der Stadt Nowyj Swet

Galitzin wird oft als der Gründervater der kommerziellen Weinherstellung in Russland bezeichnet. Neben dem Massandra-Weingut initiierte er in der Kleinstadt Nowyj Swet auf seinem eigenen Grundstück die erste professionelle Sektproduktion. Darüber hinaus förderte er den Ausbau der Weinberge in Abrau-Durso, das in der Nähe des Hafens in Noworossijsk am Schwarzen Meer liegt.

Edler Wein für einfache Leute

Galitzin setzte sich zum Ziel, eine Kultur zu fördern, in der „selbst die einfachen Leute guten Wein trinken und sich nicht mit Spülwasser vergiften“ würden. Die Verwirklichung der Idee brauchte jedoch seine Zeit: Die Massenproduktion des Qualitätsweins kam unter der Sowjetherrschaft erst in den 1930er Jahren, also in der Regierungszeit von Stalin, in Fahrt.

Bei der Machtübernahme der Bolschewiki im Jahr 1917 entschieden sie sich, das – 1914 durch das zaristische Regime zur Kriegszeit ausgesprochene und bis 1923 andauernde – Alkoholproduktions- sowie –konsumationsverbot beizubehalten. Nach 1923 änderte sich die Einstellung gegenüber Alkohol grundlegend und die Behörden legten von da an besonders großen Wert auf Wein.

Im Jahr 1936 führte die Sowjetregierung zur Steigerung der Produktion von Schaum-, Dessert- und Tafelweinen neue Richtlinien ein. Anastas Mikojan, ein hochrangiger sowjetischer Beamter dieser Zeit meinte, dass „Champagner ein Zeichen des materiellen Wohlergehens und Wohlstandes“ sei.

Sowjetischer Sekt, der im Russischen „Schampanskoje“ genannt wird, wurde dabei so hergestellt, dass er dem mit der Oberschicht assoziierten Champagner ähnelte. Die Sowjetregierung wollte damit den Anschein erwecken, dass das Lieblingsgetränk der europäischen Aristokratie für den gewöhnlichen sowjetischen Bürger erschwinglich war.

In 1937 begann mit Hilfe von fortschrittlicher, neu entwickelter Technologie die offizielle Herstellung des „sowjetskoje Schampanskoje“, der sowjetischen Champagnervariante. Diese war schnell und günstig in zufriedenstellender Qualität zu produzieren, sodass die Sowjets sich am Ziele wähnten.

Der sowjetische „Schampanskoje“ als Marke

Anton Frolow-Bagrejew, der seine Karriere unter Galitzin auf dem Anwesen in Abrau-Durso begonnen hatte, war der Kopf dieser neuen Produktionsmethode. „Sowjetskoje Schampanskoje“ wurde bei den sowjetischen Bürgern sehr schnell populär, sodass in den 1950er Jahren die Technologie zur Qualitätsverbesserung weiterentwickelt wurde. Später wurde die Lizenz für die sowjetische Schaumweinherstellung sogar von Moët und Chandon gekauft.

Ebenso beliebt waren Branntweine, deren Produktion in den späten 1930er Jahren in der UdSSR stark anstiegen war. Branntdessertweine wie „Ulybka“ (Lächeln) und „Tschjornye glaza“ (schwarze Augen), wurden über Jahrzehnte produziert und von den Konsumenten hoch geschätzt.

Die Weinindustrie erlitt jedoch in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre einen herben Rückschlag.  Viele Weingüter wurden in der Zeit der von Gorbatschow initiierten Anti-Alkohol-Kampagne zerstört. Sie erholte sich jedoch nach seiner Amtsaufgabe zunehmend, sodass Russland im Jahr 2014 den elften Platz auf der Weltrangliste für Anbauflächen für die Weinproduktion einnahm.

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