Sex in der Selbstisolation: Russlands erste virtuelle Kinky-Party

Lifestyle
WIKTORIA RJABIKOWA
Alles, was Sie brauchen, ist ein Smartphone, kabellose Kopfhörer, eine VR-Brille und schon können Sie an der ersten Online-Sexparty Russlands teilnehmen. Wie fühlt sich das an?

Es ist Samstagabend, fast 23 Uhr. Ich sitze in einem kleinen Appartement im Nordwesten von Moskau. Auf dem Kopf trage ich einen Handtuch-Turban. Ich habe einen Plüsch-Pyjama an und lümmele noch auf einem Stuhl herum. Ich bin ausgerüstet mit VR-Brille, kabellosen Kopfhörern und in der Hand halte ich ein Smartphone. 

Ich versuche gerade, mir angestrengt vorzustellen, dass ich die Selbstisolation aufgegeben habe und betrete einen großen Saal, der in blutrotes Licht getaucht ist. Dort finden sich schon andere Vergnügungssuchende. 

Um es deutlich zu sagen: Ich bin auf der ersten verruchten Online-Sexparty, Kinky-Party, in Russland. Und fühle mich wie ein Volltrottel. 

Wie funktioniert es? 

Die verruchte Party war ursprünglich als Live-Stream im 360°-Format aus mehreren thematisch unterschiedlich gestalteten Räumen geplant. Eine Woche vor der geplanten Veranstaltung wurden jedoch alle Studios in Moskau, die dafür in Frage gekommen wären, geschlossen wegen… Richtig! Daher griffen die Organisatoren auf vorhandenes Material zurück. 

„Am 28. März haben wir mit Freunden probeweise ein 360°-Shooting gemacht und das gesamte Material gespeichert, für den Fall, dass die Quarantänemaßnahmen verschärft werden“, erzählt Tatjana Dmitrijewa, Mitbegründerin von „Kinky Party Russia“.

Die „Party“ ist im Grunde eine Webseite, auf der Videosequenzen aus drei Räumen zu sehen sind. Es gibt den Hauptsaal, einen BDSM-Saal und einen Shibari-Saal (japanische Fesselspiele). Der Zugang kostet 500 Rubel (etwa 6 Euro) – pro Saal.  

Buchen Sie den Zugang für alle drei Säle (Kosten 1500 Rubel/18,50 Euro) dürfen Sie zudem an zwei Chats teilnehmen. Im White-Chat stehen die Organisatoren für Fragen zur Verfügung. Im Black-Chat tauchen Sie, wie auf der Webseite beschrieben, kopfüber ein in die Welt des Cybersex. 

„Statt Ton gibt es Musik. Je extravaganter Sie aussehen, desto besser. Ausgefallene, risikoreiche Spiele vor der Kamera sind willkommen“, heißt es auf der Webseite.

Es lief nicht ganz wie geplant 

Ich mache einen Schritt vorwärts auf dem alten Parkettboden. Ich befinde mich in einem großen virtuellen Raum mit roten Wänden, an den Fenstern hängen transparente Vorhänge. Links steht eine Liege, darauf sieht man eine reglose, maskierte Frau. Ein ganz in schwarz gekleideter Mann verwöhnt sie mit einer erotischen Massage, aber auf mich wirken beide etwas verlegen.  

In der Mitte des Raumes sitzt eine Frau in schwarzen Dessous auf einer Art Schaukel. Daneben steht eine andere Frau, die ein Korsett und Klemmen an den Brustwarzen trägt. Plötzlich platzt ein kleiner Kerl mit bemaltem Gesicht und Hörnern auf dem Kopf ins Bild. Er fasst alle an, als würde er einen Zauber aussprechen oder sie alle verfluchen.  

Auf der rechten Seite tanzen einige Gäste unmotiviert. Währenddessen wird am unteren Bildschirmrand ständig das Live-Symbol angezeigt, obwohl jeder weiß, dass es sich um eine Aufnahme handelt.

Es dauert fünf Minuten, bis ich den nächsten Raum betreten kann. Das Bild lud nicht. Der Bildschirm blieb schwarz. Wieder machte ich einen Schritt vorwärts und es ertönte ein schriller Schrei. Dieser war ganz real, denn ich war versehentlich auf meine Katze getreten. Ich beugte mich vor, um das arme Tier zu streicheln.

In diesem Raum sehe ich, wie ein Mann mit Brille eine junge Frau mit Dreadlocks fesselt. Ein Stück von ihnen entfernt versohlt ein Glatzkopf einer anderen den Hintern. 

Im nächsten Raum dominiert statt der Farbe Rot die Farbe Lila. Ein weiterer maskierter Mann peitscht eine Frau aus, die an einem Holzkreuz festgebunden ist. 

Es wirkt alles nicht sehr natürlich. Mehr so, als sei eine Gruppe von Fremden in einem Raum eingesperrt und unter Androhung von Folter gezwungen worden, so zu tun, als ob sie sich vor Leidenschaft verzehren. 

Rohfassung 

„Ja, während der Dreharbeiten gab es ein Problem. Die Aufnahme war für drei Stunden unterbrochen. Das ist kein wirklicher Ersatz für eine Kinky-Party“ sagt einer der Filmemacher. 

Die Drehbedingungen seien schwierig gewesen. Es hätten sich nicht genug Teilnehmer gefunden. Daher hätte man schließlich jeden nehmen müssen, auch die wirklich Durchgeknallten. 

„Eine Online-Party ist im Grunde ein Teaser für eine reale Kinky-Party. Diejenigen, die mal mit dem Gedanken gespielt haben, aber noch unsicher sind, bekommen die Möglichkeit, durchs Schlüsselloch zu schauen“, erklärt er.

Online-Events seien nur Rohfassungen, sagt die bereits oben erwähnte Mitbegründerin von „Kinky Party Russia“. Dennoch plant sie, zukünftig solche Online-Partys wöchentlich als Streaming-Angebot.

„Um die richtige Atmosphäre zu schaffen, werden wir strenge Zugangsbeschränkungen haben. Unsere Gäste müssen sich strikt an den Dresscode halten. Auch dürfen sie ihre Webcam nicht ausschalten. Jeder, der gegen diese Regeln verstößt, wird automatisch von den Video-Chats ausgeschlossen“, stellt Tatjana Dimitrijewa klar, was für zukünftige Veranstaltungen gelten soll. 

Darüber hinaus soll es an manchen Tagen spezielle Mottopartys für Erfahrene geben. Monatlich sind Online-Partys ohne Dresscode für Jedermann geplant. 

„Wir wollen der Webcam ein Gesicht geben. Wir wollen Menschen anziehen, die sich für Cybersex interessieren und zugleich großen Wert auf Ästhetik legen und die Selbstdarstellung lieben. Alles darf, nichts muss“, sagt Dimitrijewa. 

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Am Ende war ich knapp eine Stunde auf meiner (und Russlands) erster Online-Kinky-Party. Anstelle einer Atmosphäre von Freiheit und kollektiver VR schien mir die Selbstisolation schwerer als je zuvor auf uns allen zu lasten: auf denen, die die Aufnahmen gemacht haben und bereit waren, mit egal wem, in Interaktion zu treten, nur um dem zu Hause zu entfliehen, auf den Organisatoren, die versuchen, ihr Geschäft zu retten, und auf den Gästen, die bereit sind, für einen Online-Chat via Webcam zu zahlen, nur um sich weniger alleine zu fühlen. 

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