Auf Achse: Russische Frauen erobern den LKW-Fernverkehr (FOTOS)

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WIKTORIA RJABIKOWA
Natalja Dolschikowa war 30 Jahre lang Dorfschullehrerin und entschied sich dann für eine neue Karriere: Sie sitzt nun als Fernfahrerin am Steuer eines riesigen Kamaz-Trucks. Und sie ist nicht die einzige Frau.

„Eines Tages kam mir ein Gedanke: jetzt ist die Zeit! Wenn nicht jetzt, dann wird es nie passieren! Und im Alter würde ich auf einer Bank sitzen und wehmütig junge Leute betrachten und denken, was ich alles hätte tun können, wenn ich es nur gewagt hätte“, sagt Natalja Dolschikowa, eine 49-jährige Schullehrerin aus dem Dorf Turowka in der Region Orjol, 391 Kilometer von Moskau entfernt. Sie traute sich und wurde Fernfahrerin. Auf der Webseite „OrelTimes“ wird ihre Geschichte (rus) unter Berufung auf die Zeitung „Nasche Wremja“ erzählt. 

Natalja hatte seit ihrer Kindheit davon geträumt, Fernfahrerin zu werden, als sie zum ersten Mal jemanden am Steuer eines großen Lastwagens sah. 2018 verließ Dolschikowa ihren Dienst an einer Schule und erwarb in einer Fahrschule in Liwny einen Führerschein der Kategorie E. Damit darf sie Busse fahren und Lasten über 750 Kilogramm ziehen. Laut der Zeitung „Werchowje“ (rus) war Natalja die erste Frau in der Region Orjol, die diesen Führerschein hatte. 

Dann bekam Natalja einen Job als Fernfahrerin bei einem Transportunternehmen in Moskau und begann einen 13,5 Meter langen Kamaz-Lastwagen mit einer Tragfähigkeit von 20 Tonnen zu fahren. Laut „OrelTimes“ hat sie das Fahrzeug Ljalja getauft. 

Seitdem hat sie der Webseite zufolge viele russische Städte besucht, einen internationalen Führerschein erhalten und darf auch Gefahrgüter transportieren. Sie legt täglich zwischen 700 und 750 Kilometer zurück.

„Überwinden Sie Ihre Angst und dann volle Kraft voraus! Verzagen Sie nicht, wenn etwas nicht sofort klappt. Ärgern Sie sich eher darüber, nie versucht zu haben, etwas in Ihrem Leben zu ändern“, rät (rus) sie. 

Der Zeitschrift „Esquire“ erzählte (rus) Natalja, dass sie begonnen habe, sich mit anderen weiblichen Fernlastfahrern auszutauschen. Bisher habe sie 33 russische Frauen mit diesem Beruf kennengelernt. 

„Erstmals habe ich eine andere Frau am Steuer eines Lastwagens in Astrachan, 1.300 Kilometer von Moskau entfernt, gesehen. Jetzt bin ich über eine kostenlose App in einer Gruppe mit Gleichgesinnten verbunden. Im Moment sind wir 33 weibliche Trucker aus dem ganzen Land. Und wissen Sie was? Einige der Mädchen sind gerade 25 Jahre alt, könnten aber jeden Mann abhängen“ berichtet Natalja. 

Verbote umgehen  

Bis 2019 stand der Beruf des Fernfahrers auf der Liste der für Frauen verbotenen Berufe. Im August 2019 wurde er vom Ministerium für Arbeit und Sozialschutz der Russischen Föderation von dieser Liste gestrichen (rus). Ab dem 1. Januar 2021 dürfen Lastwagen mit einer Tragfähigkeit von mehr als 2,5 Tonnen nun unabhängig vom Geschlecht gefahren werden. 

Trotz des noch geltenden Verbots finden sich auf Instagram mehrere Blogs weiblicher Fernfahrer. Einer davon stammt von Jekaterina Kusnezowa, die nach eigenen Angaben schon 77 von insgesamt 85 Regionen Russlands bereist hat. Sie wollte schon in der Schule später gerne Fernfahrerin werden, doch ihre Eltern haben es nicht erlaubt. Sie bekam eine Stelle bei einem Ersatzteil-Service für Nutzfahrzeuge, nahm dann Unterricht und machte heimlich ohne Wissen der Eltern ihren Führerschein. 

„Als ich wegen des Jobs anrief, dachten die Leute, ich hätte mich verwählt oder wolle sie auf den Arm nehmen. Nach sechs Monaten war mir klar, dieser Ansatz ist falsch. Ich wusste, ich musste einen eigenen LKW kaufen“, schreibt Kusnezowa in ihrem Blog. 

Sie sagt, wenn Leute eine Frau am Steuer sehen, halten sie sie sofort für eine Feministin.

„Sie gehen davon aus, es mit einer überzeugten Feministin zu tun zu haben, die für die Rechte der Frauen kämpft und allen und jedem etwas beweisen will. Das ist nicht der Fall - ich dränge nicht auf eine solche Rolle“, fasst eine Truckerin ihre Situation zusammen.

Julia Lasarewa, eine andere LKW-Fahrerin, die seit 2013 Pferdetransporte macht, erzählt auf Instagram, dass ihre Faulheit sie zu diesem Beruf gebracht habe. 

„Es ist die leichteste Tätigkeit, die ich kenne. Und man kann damit sogar Geld verdienen, das ist auch ein Plus“, antwortet Lasarewa auf Fragen ihrer Follower. 

Eine weitere weibliche Fernfahrerin, die 26-jährige Jekaterina Gromowa aus dem Gebiet Chabarowsk, fährt seit 2018 Lastwagen.

„Unterwegs empfinde ich einfach eine fast unwirkliche Ruhe, Entspannung und inneren Frieden. Ich bin jetzt wie ein Fisch im Wasser. Ich bin glücklich“, schreibt Jekaterina in einem ihrer Beiträge.

>>> Gibt es in Russland typisch männliche und typisch weibliche Berufe?