Helden in Badehose: Mutige Freitaucher säubern den Baikalsee

Lifestyle
MARIA STAMBLER
Nicht alle Helden tragen Umhänge. Einige von ihnen tragen nur Badehosen, Tätowierungen und Freitauchmasken, um ihren Lieblingssee auch unter widrigsten Bedingungen von Müll zu befreien.

Jegor Lesnoi lebt in Irkutsk und arbeitet in der Videoproduktion. Vor ungefähr vier Jahren begannen Jegor und seine Freunde auf der Suche nach einem neuen Nervenkitzel Freitauchen im Baikalsee. Seit zwei Jahren dient ihr Hobby einem guten Zweck: Sie befreien den Grund des Sees von den Tonnen von Müll, die dort leider landen. 

„Irgendwann haben wir erkannt, dass wir etwas dagegen tun können, und zwar mehr, als nur darüber zu reden. Wir wollten uns um den Baikalsee kümmern und haben beschlossen, unser Vorhaben in die Tat umzusetzen. Also haben wir unsere Sachen gepackt, sind zum See gegangen und haben angefangen, den Müll wegzuräumen“, erinnert sich Jegor.

Bei ihrer ersten Tour sammelten sie 250 Kilogramm Müll, dann 300 Kilogramm, dann 500 Kilogramm. Im Sommer 2020 waren es schon über 3,5 Tonnen. 

„Zwei Saisons des Projekts sind vergangen und wir haben ein kolossales Ergebnis erreicht. Wir haben außerdem unzählige Reifen am Ufer des Irkutsker Stausees aufgesammelt und im Marmorsteinbruch im Dorf Buguldeika haben wir mehr als sieben Tonnen Müll eingesammelt. Und auch auf dem Grund des Baikalsees“, so Jegor.  

Gefährliches Unterfangen 

Dies ist eine extrem harte und gefährliche Arbeit. Die Bedingungen auf dem See sind schwierig.  Die Jungs räumen auch im Winter dort auf, wenn der See gefroren ist! Die Arbeit unter Wasser ist kräftezehrend. Während eines normalen Sammeltages stehen Jegor und seine Freunde in der Morgendämmerung auf, leihen sich einen kleinen Pick-up oder einen Anhänger aus und machen sich auf den Weg. 

„Da wir keine spezielle Ausrüstung haben, tauchen wir so lange, wie unser Atem reicht. Ich tauche zusammen mit jemand anderem, weil mein Partner an der Oberfläche bleiben und mich im Auge behalten muss, falls etwas schief geht. Manchmal sind die größeren Gegenstände (wie Reifen) so tief im Boden vergraben, dass es viel Zeit und Mühe kostet, sie auszugraben - wir verwenden keine spezielle Ausrüstung. Wir haben sie einfach nicht“, berichtet Jegor. 

Die Jungs haben eine aufblasbare Boje, an der sie größere Gegenstände (häufig Reifen) befestigen und sie mit Hilfe eines Seils vom Grund des Sees anheben und zum Ufer schleppen. Wenn sie zu mehreren sind, erkunden die anderen die Ufer und sammeln den Müll an Land auf. Sie laden alles auf ihr Fahrzeug. Was wiederverwertbar ist, bringen sie zu einem Recyclingpunkt, aber ein Teil davon ist leider nicht für das Recycling geeignet, sodass er auf der Mülldeponie landet.

Im August 2020 machten Jegor und seine Freunde einen Kurs und lernten das Tauchen mit Tauchausrüstung. So könnten ihre Müllsammelaktionen effektiver werden. Doch sie haben keine eigene Tauchausrüstung und müssen sich eine mieten. Das kostet Geld, das sie nicht haben. Selbst eine einfache und gebrauchte Ausrüstung kostet schon um die 200.000 Rubel (etwa 2.190 Euro). Sie müssen außerdem in die Ausbildung ihrer Teammitglieder investieren, damit zwei von ihnen Taucher der fünften Kategorie werden (Master Scuba Diver, die höchste Zertifizierungsstufe für Sporttauchen), damit sie sicher und effizient unter Wasser arbeiten können.

Taucher und Influencer 

Über ihre Müllsammelaktionen halten die Jungs ihre Follower auf Instagram auf dem Laufenden. Sie wollen andere motivieren, ebenfalls Verantwortung zu übernehmen. Zu diesem Zweck startete Jegor die Instagram-Challenge #СпасайАНеБолтай („Retten, nicht nur reden“). 

„Es ist äußerst erfreulich, dass durch unser Vorbild Tausende von Menschen darüber nachdenken, wie wir die Umwelt positiv beeinflussen können und aktiv werden. Allein in diesem Sommer werden in allen Teilen Russlands - und darüber hinaus - etwa 90 Aufräumaktionen stattfinden. Nach unseren bescheidenen Schätzungen summiert sich dies auf nicht weniger als zehn Tonnen Müll!“, sagt Jegor.

Jegor ist optimistisch, was die Zukunft seines geliebten Baikalsees angeht und darüber, dass sich das Verhältnis der Russen zu Natur und Umwelt allgemein wandelt. 

„Früher hatten die Menschen eine konsumorientierte Haltung gegenüber der Natur und erkannten nicht, dass sie allein und niemand anderes für den Abfall verantwortlich sind, den sie produzieren. Und sie neigten dazu, viel mehr zu reden als etwas zu tun. Das ändert sich aber schnell. Schauen Sie sich nur die Anzahl der Posts an, die wir mit dem Hashtag #СпасайАНеБолтай haben - für mich ist das das wichtigste Ergebnis unserer Arbeit“, schließt Jegor.

Leider gibt es derzeit keinen systematischen Ansatz zur Reinigung des Sees. Abgesehen von Jegor und seinen Freunden zeigen professionelle Taucher gelegentlich auch Initiative, aber mehr geschieht leider nicht.