Zölibat in der Orthodoxie: Dürfen russische Priester heiraten?

Priester der Moskauer Kirche der Heiligen Cosmas und Damian mit seiner Familie

Priester der Moskauer Kirche der Heiligen Cosmas und Damian mit seiner Familie

Emile Alain Ducke/Dpa/Legion Media
In der russisch-orthodoxen Kirche herrscht eine strenge Hierarchie. Welcher kirchliche Würdenträger darf den Bund der Ehe eingehen und wer muss künftig ehelos leben?

In der russisch-orthodoxen Tradition können Priester - anders als in der römisch-katholischen Kirche - verheiratet sein. Aber nicht alle von ihnen. Nach ihrem Abschluss an den russischen theologischen Akademien können sie wählen, ob sie Gott weiterhin als Mitglied des so genannten weißen oder schwarzen Klerus dienen wollen. Erstere können heiraten und als Gemeindepfarrer dienen, während letztere Mönche werden.

„Wann diese Entscheidung getroffen werden muss? Hier gibt es keinen Druck“, sagt der Rektor der Moskauer Theologischen Akademie, Bischof Feodorit von Swenigorod. „Einige fangen bereits mit klaren Vorstellungen das Seminar an: erst studieren und dann Gott in einer Pfarrei oder in einem bestimmten Kloster dienen (beispielsweise dort, wo sie Novizen waren). Einige brauchen länger. Manche haben jedoch auch im letzten Jahr des Priesterseminars noch keinen Plan.“ 

Was ist der Unterschied zwischen weißen und schwarzen Geistlichen?

Die Mitglieder des schwarzen Klerus, d.h. die Mönche, legen drei Gelübde ab: Keuschheit, Gehorsam und Armut. Sie dürfen nicht heiraten, haben aber die Aussicht, innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche aufzusteigen. Sie sind es, die später Bischöfe, Metropoliten und Patriarchen werden können.

Von den Mitgliedern des weißen Klerus wird hingegen sogar erwartet, dass sie heiraten, was einer alten Tradition der russisch-orthodoxen Kirche entspricht. Sie werden Pfarrer und müssen so viele Kinder haben, wie Gott ihnen schenkt.

In extremen Fällen dürfen sich Priester sogar scheiden lassen (offiziell ist der einzige von der Kirche anerkannte Scheidungsgrund Ehebruch, aber jeder Fall wird individuell behandelt). Geschiedene Priester werden jedoch ihres Amtes enthoben. Auch ein verwitweter Priester darf nicht wieder heiraten.

Batjuschkas und Matuschkas 

Das traditionelle Bild eines russischen Priesters - Batjuschka (Vater) genannt - ist das eines bärtigen Mannes in einer Soutane, mit zahlreichen Kindern und einer Frau - Matuschka (Mutter) genannt - in einem langen Rock und einem Kopftuch. Ein zukünftiger Priester kann sich seine Frau „aussuchen“ lassen, und in jedem Fall muss der höhere Priester der Eheschließung zustimmen.  Seminarstudenten, die einmal heiraten wollen, müssen schon früh ein Gespräch mit dem Rektor führen. Manchmal muss ein junges Paar warten, bis es die Genehmigung erhält, was als Test für ihre Gefühle füreinander und die Stärke ihrer Absichten gesehen wird.

Für einen Priester geht es bei der Ehe nicht so sehr um sein persönliches Glück, denn auch in seinem Familienleben muss er in erster Linie Gott dienen. Deshalb trägt er auch keinen Ehering, denn der Priester ist in erster Linie „mit der Kirche verheiratet“ und nicht mit seiner Frau. Auch wenn ein Mann vor seiner Priesterweihe bereits verheiratet war, wird ihm der Ehering vom Finger genommen, wenn er Priester wird. Dies symbolisiert, dass er nun nicht mehr sich selbst oder zu seiner Familie gehört, denn die Hauptaufgabe eines orthodoxen Priesters ist es, Gott und seiner Herde zu dienen.

Eine Matuschka, die Frau eines Priesters, übernimmt traditionell ebenfalls eine wichtige Rolle, indem sie ihren Mann bei seiner Arbeit in der Gemeinde unterstützt, Wohltätigkeitsarbeit leistet oder den Kirchenchor leitet. Allerdings sind nicht alle Matuschkas verpflichtet, sich der Kirche zu widmen - in der modernen Welt haben sie oft einen Universitätsabschluss und sind im Allgemeinen recht fortschrittliche Frauen. 

Matuschka Alina Babkina, die Frau eines Moskauer Priesters, betreibt zum Beispiel einen recht populären Kanal auf TikTok mit rund 35.000 Followern. Sie nutzt den Kanal, um Klischees über Priester und das religiöse Leben zu entlarven und die Fragen der Nutzer zu beantworten - auch recht heikle, zum Beispiel über ihre Einstellung und die ihres Mannes zu Themen wie Verhütung und Familienplanung. Alina trägt kein Kopftuch, was traditionell als ein Muss für die Frau eines Priesters angesehen wird. Sie zeigt, dass es für eine Matuschka viel wichtiger ist, nicht einem vorgegebenen Bild zu entsprechen, sondern Liebe in der Familie zu pflegen und sich auch Aufgaben zu teilen. 

Ein anderes Beispiel einer modernen Matuschka ist Anna Kusnezowa, eine Mutter von sieben Kindern, die in die Politik gegangen ist. Sie war mehrere Jahre lang Beauftragte für die Rechte der Kinder beim Präsidenten der Russischen Föderation und ist jetzt Mitglied der Staatsduma, des Unterhauses des russischen Parlaments.

Heutige Priester und Mönche

Das klassische „Modell“ einer kirchlichen Laufbahn sieht so aus: Studium in einem Priesterseminar, Wahl des eigenen Weges und Dienst in einer Kirche oder einem Kloster. 70 Jahre Atheismus in der UdSSR und das Wiederaufleben der Kirche in den frühen 1990er Jahren führten jedoch zu einigen Veränderungen in der traditionellen Laufbahn der russisch-orthodoxen Kirche. Damals wurde das Priester- oder Mönchsleben oft nicht von den jungen Männern gewählt, die einer Berufung folgten, sondern von bereits mündigen Männern - Ingenieuren, Lehrern, Chemikern. Jeder von ihnen hatte seine eigene Geschichte, einschließlich der Familiengeschichte. Das heißt, ein Mann, der eine Familie und kleine Kinder oder Angehörige hatte, kann kein Mönch werden, denn dieser Weg steht nur Menschen offen, die nicht durch solche Verpflichtungen belastet sind.

In der heutigen Zeit haben viele Geistliche der russisch-orthodoxen Christen eine interessante Lebensgeschichte. So wurde der berühmte Prediger Pater Alexander Men Priester, nachdem er aus dem Pelz-und-Daunen-Institut ausgeschlossen worden war. Zu dieser Zeit war er verheiratet und absolvierte unabhängig ein Studium an einer theologischen Akademie.

Tichon Schewkunow

Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel ist Metropolit Tichon Schewkunow, der oft als spiritueller Wegweiser von Wladimir Putin bezeichnet wird. Als junger Mann absolvierte er das Institut für Kinematographie und wurde erst in den 1980er Jahren russisch-orthodox getauft. Er diente als Novize in einem Kloster und wurde in den 1990er Jahren Mönch, später stieg er zum Hegumen des wiederbelebten Sretenski-Klosters in Moskau auf. Interessanterweise schloss Schewkunow erst danach das Priesterseminar ab und wurde sogar zum ersten Rektor dieses Priesterseminars ernannt! Heute ist er eine bekannte kirchliche Persönlichkeit und Vorsitzender des Patriarchalischen Rates für Kultur.

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