Was machen russische Priester auf TikTok?

andronik.sm, batyushkaonline/tiktok.com
Seit Oktober 2019 setzen russische Priester TikTok aktiv ein. Allerdings sind nicht alle jungen User des neuen sozialen Netzwerks mit deren Präsenz zufrieden.

„Eine Frau sollte ihrem Mann etwas geben, aber ihr habt nur eines im Kopf: Oh, ich wurde gekränkt, oh, ich bin so stolz, oh, er hat mir nichts gekauft. Aber ihr wisst nicht, wie man Männer liebt“, kanzelt die Nonne eine Gruppe Frauen ab. Eine von ihnen filmt das Geschehen mit ihrem Smartphone.

„Wenn der Mann nach Hause kommt, musst du ihm die Schuhe ausziehen, ihm in den Hintern schauen, dass du seine Mandeln siehst, ihn beköstigen und erst dann fragen: Wie geht es dir, mein geliebter Ehemann in Christus?

Das Video mit dem Titel „Geheimnisse des Familienlebens“

Dieses Video, das auf TikTok veröffentlicht wurde, wurde mehr als 500.000 Mal angesehen und die Kommentare führten zu einer stürmischen Diskussion – einige Frauen lobten die Nonne für ihren guten Rat, andere beschuldigten sie, Frauen zu Sklavinnen machen zu wollen.

Dieses Video mit dem Titel Geheimnisse des Familienlebens veröffentlichte Priester Wladislaw Beregowoj, Leiter der Missionsabteilung der Diözese Pesotschnja, auf seinem Kanal bei TikTok. Er ist nicht der einzige Geistliche in dem bei jungen Leuten beliebten sozialen Netzwerk – russische Priester stellen seit Oktober 2019 aktiv ihre Videos auf TikTok ein. Was trieb sie dazu, Predigten in diesem neuen Format zu halten?

Kurze Predigten und der Alltag der Priester

Der erste populäre orthodoxe Kanal auf TikTok erschien im Rahmen des Projekts Priester Online, in dem Priester Fragen von Usern in sozialen Netzwerken beantworten. In einem der Videos des Kanals zeigt ein Gläubiger, wie man sich richtig für die Kirche kleidet, und einer der Priester rät auf die Frage „Was soll man bei innerer Unruhe tun?“, Gottes Willen anzunehmen.

„Priester haben Patenkinder und die Patenkinder haben TikTok. Die Teilnehmer unseres Kanal, berühmte Priester aus verschiedenen Ländern, überredeten vor langer Zeit ihre Kinder und Neffen, dort Videos zu drehen. Übrigens helfen die jungen Leute den Priestern aktiv dabei, die Clips zu montieren und auch Videos für ihre Altersgenossen auf unserem Kanal zu drehen“, erzählte die Gründerin des Projekts, Nadeschda Semskowa.

Ihr zufolge wurde eines der ersten Videos innerhalb von 24 Stunden über 400.000 Mal aufgerufen.

Der Autor des populären Videos mit dem Titel Wenn Atheisten nicht an Gott glauben, wem gehört dann der Marienkäfer? war Swjatoslaw Schewtschenko aus der Diözese Blagoweschensk – er war offiziell der erste russische Priester auf TikTok.

„Mir gefällt die Kürze bei TikTok, die Möglichkeit, ein Gedanken prägnant auszudrücken – ein Merkmal kreativer und talentierter Menschen“, erklärt Schewtschenko seinen Auftritt im sozialen Netzwerk. „Die Klassenkameraden meines ältesten Sohnes respektierten mich, sie sagen: Dein Vater ist bei TikTok, er ist cool. Vor allem aber ist es sehr einfach, Inhalte zu erstellen, und es gibt ein sehr aufgeschlossenes und aufrichtiges Publikum.

Nach dem Erfolg des Kanals Priester Online startete Schewtschenko seinen eigenen Kanal. Das größte Aufsehen erregte dort ein Video, in dem er seinen 2007er Toyota zeigt und damit die Vorwürfe, der Klerus führe ein luxuriöses Leben, widerlegt.  

Ein anderer Priester, Alexander Mitrofanow, erzählt in seinem Video Gleichnisse: Er vergleicht das Evangelium mit einem Fallschirm, der „auch nicht hilft, bis Sie ihn öffnen“ und kommentiert Skandale um Priester.

„Wenn Sie in der Presse wieder etwas Schlechtes über Priester hören, seien Sie nicht überrascht. Priester sind wie Flugzeuge – man spricht nur über sie, wenn sie abstürzen“, vergleicht er in einem seiner Videos, das mehr als 100.000 Mal aufgerufen wurde.

Von den 312 Kommentaren zu diesem Video sind mehr als die Hälfte negativ. Der Priester wird der Heuchelei beschuldigt und die Kirche als moderne Geldmaschine bezeichnet.

„Von allen sozialen Netzwerken gibt es auf TikTok die meisten Hasskommentare“, behauptet Mitrofanow. „Aber das ist alles nur eine Frage des Alters. Die jungen Leute lernen die Welt kennen und testen alles aus, auch unsere Reaktion auf solche Hasskommentare.“

Der Kampf um den Glauben auf TikTok

Das Hauptziel der Priester auf TikTok ist der Diskurs mit den jungen Menschen in deren Sprache über den Glauben, erläutert Semskowa. Der Priester Swjatoslaw Schewtschenko ist sich sicher, dass es mithilfe von TikTok möglich sei, die Denkweise von Gläubigen anschaulich zu erklären. „Mein Ziel ist es, den Menschen zu zeigen, dass Priester auch lustig sein können. Ich versuche, sie mit solchen Themen aufzurütteln, die sie zum Nachdenken und Analysieren anregen. Ich will sie nicht bekehren – diese Entscheidung trifft jeder selbst. Im Falle besonders schlimmer Hasskommentare trolle ich die betreffenden User manchmal“, bekennt Schewtschenko. Seiner Meinung nach ist die Kritik an den Priestern auf TikTok oft „konstruktiv“ und Hasskommentare werden nur deshalb geschrieben, weil das Wesen und der Zweck der Kirche nicht verstanden werden.

Priester Alexander Mitrofanow sagt, dass es mit Hilfe von TikTok möglich sei, der jüngeren Generation nicht nur den Weg zu Gott zu zeigen, sondern auch einige Klischees über Priester zu zerstreuen.  

„Oftmals bemängeln Menschen, die die Kirche und den Klerus kritisieren, nicht unser wahres Ich, sondern Mythen über uns. Sie fragen, warum Priester fett sind, welches Auto wir fahren oder warum für die Taufe bezahlt werden muss. Daher ist es wichtig zu zeigen, dass negative Erscheinungen in der Kirche Christi in den Massenmedien oft übertrieben dargestellt werden und manche Informationen schlicht falsch sind“, behauptet Mitrofanow.

Nadeschda Semskowa, die Gründerin des Projekts Priester Online, glaubt an dessen Erfolg und ist sich trotz der negativen Kommentare sicher, dass die Präsenz der Kirchenvertreter auf TikTok zu positiven Ergebnissen führen werde.

„Ich weiß genau, dass die Priester geliebt werden und man für sie betet! Seit vielen Jahren beantworten unsere Priester rund um die Uhr Fragen in Messengern, im Fernsehen und in persönlicher Korrespondenz und behandeln jeden mit Wohlwollen“, verkündet Semskowa. „Ich würde niemanden verurteilen oder beleidigen. Ja, und wissen Sie – Heute schreibt jemand Hasskommentare und morgen ist er vielleicht ein Heiliger”.

>>> Dieser russische Priester predigt auf YouTube

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