Frankfurter Buchmesse: Russland und die wilden Neunziger

Alexandra Nemenova/TASS
Neun Fotos aus einem ambivalenten Jahrzehnt.

Am ersten Tag der diesjährigen Frankfurter Buchmesse steht der russische Stand ganz im Zeichen der Neunziger. Diese Zeit wurde etwa zum Leitmotiv des englischsprachigen Sammelbands „The 1990s: Free but not Freewheeling“ (zu Deutsch: „Die 1990er: Frei, aber nicht freilaufend“). Darin stellen die Herausgeber des russischen Jelzin-Zentrums die Erinnerungen des ehemaligen russischen Präsidenten in drei Bänden sowie seine politische Biografie „A Man of Change“ (zu Deutsch: „Ein Mann des Wandels“) und ein Fotoalbum über das Russland der neunziger Jahre vor.

Im September organisierte das Jelzin-Zentrum gemeinsam mit dem Internetportal Colta.ru das Festival „Die Insel der 90er“. Dazu gab es einen Aufruf im Internet, gesucht wurden Bilder und Geschichten aus dieser Zeit. Entstanden ist eine Collage, die die Ambivalenz dieses Jahrzehnts widerspiegelt. Einerseits sind es Erinnerungen an eine unbeschwerte Jugend, an erste Auftritte internationaler Stars und die Eröffnung des ersten McDonald’s-Restaurants am Puschkin-Platz. Auf der anderen Seite stehen Entbehrungen, Unterversorgung, Putsch und der Krieg in Tschetschenien. „Wir wollen diese Zeit nicht idealisieren, uns aber auch nicht damit abfinden, dass die Neunziger als ein ausschließlich düsteres Jahrzehnt wahrgenommen werden“, erklärten die Initiatoren.

 

„Das bin ich. Es ist 1990, glaube ich. Sieht ja eigentlich ganz süß aus: ein Mädchen und ein Zicklein. Doch im nächsten Augenblick stellt sich natürlich die Frage, was das Tier in einer Wohnung zu suchen hat. In den Neunzigern gab es nicht viel zu essen. Überall in ‚unserem Viertel‘ hielten Menschen Hühner auf dem Balkon. Meine Oma ging noch einen Schritt weiter und brachte eine Ziege vom Land mit nach Hause. So hatten wir Milch. Im Winter bekam die Ziege auf dem Balkon Nachwuchs. Und so entstand das Foto. Es ist das einzige Bild, das ich von damals habe. Es hilft mir, meinen Freunden und Kollegen aus dem Ausland von unserem Leben damals zu erzählen.“

„Das Jahr 1994. Voll im Trend: die rote Bluse, der erste Computer … Und dann war da noch der mitleidvolle Brief eines deutschen Freundes mit dem Vorschlag, mir Seife zu schicken.“ In den neunziger Jahren erhielt Russland Hilfspakete aus Deutschland, den USA und anderen westlichen Ländern.

Самая модная мама #90х почти каждый день маме, особенно когда она была в шляпе, говорили, что она похожа на Аллу Пугачёву #остров90 #твояистория #colta

Posted by Nataliya Kopcha on Samstag, 19. September 2015

„Die schickste Mutti der Neunziger! Besonders wenn sie ihren Hut aufhatte, bekam meine Mutter oft zu hören, sie sehe aus wie Alla Pugatschewa (eine russische und sowjetische Pop-Ikone, Anm. d. Red.).“

„Das Jahr 1993. Der größte Junge in der Klasse wurde als Gorilla verkleidet, um seine kleinwüchsigen Schulfreunde daneben zu fotografieren. Heute würde Pawel Astachow (Kinderrechtsbeauftragter des russischen Präsidenten, Anm. d. Red.) dem Fotografen wegen dieses Fotos unbequeme Frage stellen.“

 

A photo posted by @sonya_danilina on

„Hier bin ich fast zwei. Das erste Mal bei McDonald’s.“

„Meine Neunziger in Sankt Petersburg. Platz vor der Kasaner-Kathedrale. Mit dem Gebäude der Firma Singer im Hintergrund. Die Punks waren recht freundlich.“

Еще в копилку #остров90 #ostrov90.Это тот самый борт "Россия", октябрь 1997, летим с государственным визитом в страны Л...

Posted by Борис Надеждин on Montag, 21. September 2015

„Das ist sie, die Rossija-Maschine (das Flugzeug des russischen Präsidenten und anderer Amtsträger, Anm. d. Red.). Es ist Oktober 1997, wir fliegen zum Staatsbesuch nach Südamerika. Nemzow ist kurz davor, Jelzins Nachfolger zu werden. Von Putin ist noch keine Rede, wir haben noch alles vor uns: Staatsbankrott, die Union der rechten Kräfte (eine liberale kremlkritische Partei, Anm. d. Red.), Putin, die Festnahme Chodorkowskis, Einiges Russland, die Krim und auch die Moskworezkij-Brücke (wo Nemzow erschossen wurde, Anm. d. Red.) …“

Ein Symbol der Neunziger war auch Anatoli Tschubais mit seiner Puppe aus der Sendung „Kukly“ (zu Deutsch: „Puppen“). Tschubais war damals eine wichtige politische Person, der zweite Mann im Staat nach Boris Jelzin: Leiter der Präsidialverwaltung, stellvertretender Föderationsratsvorsitzender, Finanzminister von März bis November 1997. Er trug die Verantwortung für viele politische Entscheidungen im Land. Heute ist Tschubais Generaldirektor von Rosnano.

Die Politsatire „Kukly“ wurde von 1994 bis 2002 im privaten Fernsehen ausgestrahlt. Ihre Stars waren – wie in ihrem deutschen Pendant „Hurra Deutschland“ – Puppen von Politikern wie Jelzin, Beresowskij oder Nemzow. 

Foto: Tass

Die Foto-Aktion fand in der russischen Gesellschaft großen Widerhall. Die Medien waren voll von Fotos, beispielsweise von Fans von Fans, die sich vor Michael Jacksons Hotel während seiner Tour in Moskau drängen, Dokumentaraufnahmen des russischen TV-Moderatoren Leonid Jakubowitsch von seiner Reise nach Tschetschenien, farbenfrohe Bilder junger Frauen in roten Leggins, Aufnahmen von leeren Regalen in Supermärkten, Fotos von russischen Popstars bei ihren ersten Konzerten, Erinnerungen des NHL-Stars Wjatscheslaw Fetissow an 1991, als er mit seiner Frau auf den Barrikaden vor dem Weißen Haus gewesen war …

Viele Soziologen, Kulturwissenschaftler und Journalisten reagierten allerdings mit Skepsis auf die Aktion. Sie warfen den Organisatoren Schönfärberei vor – schließlich waren die meisten Einsendungen von Nostalgie geprägt. Warum ausgerechnet jetzt diese schwierige Zeit zum Thema wird, ist in Frankfurt am Main zu erfahren.

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