Mauerfall 1989: Walter Momper im Interview

Foto:  Ullstein Bild / Vostock Photo

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Walter Momper war am 9. November 1989, als die Mauer fiel, Regierender Bürgermeister von Berlin-West. RBTH sprach mit dem SPD-Politiker über diese Nacht und die Beziehungen zur Sowjetunion.

RBTH: Was ging Ihnen 1989 durch den Kopf, als Sie spürten, wie die Erde quasi bebte in der DDR? Die Bürger liefen über Ungarn und Prag weg, Honecker wurde abgesetzt. Eine neue Führung unter Egon Krenz versprach Veränderungen. Wie war Ihr Kontakt zur Vier – Mächte Macht Sowjetunion als Bürgermeister in West-Berlin?

Momper: Über die sowjetische Haltung war ich relativ gut informiert. Dort hoffte man auf Reformen in der DDR. Am 30. September waren Egon Bahr und ich mit dem sowjetischen Deutschlandexperten Valentin Falin abends in einem Restaurant in Berlin zusammengetroffen, um etwas mehr über Moskaus Absichten in Bezug auf Deutschland zu erfahren. Auf meine Frage,

Zur Person


Walter Momper, Jahrgang 1945, in Niedersachsen geboren und aufgewachsen, Mitglied der SPD mit 22, Studium in Münster, München und Berlin (Politische Wissenschaften, Geschichte und Volkswirtschaft).

Seit 1969 in Berlin tätig, zunächst bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, dann als Geschäftsführer der Historischen Kommission zu Berlin.

Von 1986 bis 1992 Landesvorsitzender der Berliner SPD, von März 1989 bis Januar 1991 Regierender Bürgermeister.

ob Gorbatschow Honecker zu Reformen drängen werde, sagte Falin, verlassen Sie sich darauf, wenn Michail Gorbatschow nach Ostberlin kommt (am 7. Oktober, zur 40-Jahrfeier der DDR, d. Red.), würden seine Ausführungen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglassen. Gegen Reformen und Veränderungen in der DDR würde die Sowjetunion nicht einschreiten.

Wo waren Sie am 9. November 1989?

Ich war auf einer Veranstaltung im Axel – Springer Haus direkt an der Mauer. Mir wurde ein Zettel mit der Nachricht der neuen Reiseregelung gereicht. Daraufhin ließ ich mich sofort zum Fernsehsender SFB fahren. Dort moderierte Jochen Sprentzel die Abendschau. Er hatte den Ausschnitt aus der Schabowski-Pressekonferenz eingespielt und die neue Reiseregelung als „spektakuläre Nachricht" bezeichnet. Genauere Interpretationen hatte kein Medium bisher gewagt. Das Ereignis lag erst dreißig Minuten zurück. Er bat mich in dem Interview um eine Bewertung. Ich sagte dann: „Dies ist der Tag, auf den wir achtundzwanzig Jahre lang gewartet haben und den wir ersehnt haben. Alle DDR-Bürger können zu uns kommen und uns besuchen. Dies ist ein Tag der Freude für Berlin.

Walter Momper. Foto aus dem persönlichen Archiv

Nun gab es aber noch das Vier-Mächte Abkommen über Berlin. Wie war Ihr Kontakt zur sowjetischen Botschaft in der DDR?

Mit dem sowjetischen Botschafter in Ostberlin, Wjatscheslaw Kotschemassow, hatte ich Kontakt schon seit 1985, als ich Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus geworden war. Wie alle Regierenden Bürgermeister seit Willy Brandt traf ich ihn während meiner Amtszeit mindestens zweimal im Jahr zu einem Meinungsaustausch. Das war nützlich, weil der Botschafter in Berlin in der sowjetischen Hierarchie über dem Bonner Botschafter der Sowjetunion rangierte. Er war Mitglied des Zentralkomitees (ZK) der KPdSU und hatte schon deshalb einen größeren Einfluss. Über die Lage in der DDR machte Kotschemassow nur sehr vorsichtige Bemerkungen, dennoch war bei dem alten Herrn eine große Resignation zu spüren.

Abzug der Sowjettruppen aus der DDR

Haben sich diese informellen Beziehungen nach dem Mauerfall am 9. November 1989 verändert?

Verbessert. Am 17. Januar 1990 hatte ich ein Vier-Augen-Gespräch mit dem sowjetischen Deutschlandexperten Nikolai Portugalow aus der Westabteilung des ZK der KPdSU. Da musste ich erkennen, dass man in Moskau die wirkliche Lage in der DDR noch nicht verstanden und richtig

verarbeitet hatte. Portugalow hatte sich ungefähr eine Woche lang in Berlin umgesehen und schon einiges im ZK in Moskau über die reale Lage berichtet. Am 12. Februar kam es zu einem von den Sowjets erbetenen Treffen mit Botschafter Kotschemassow.

Worum ging es dabei?

Ich erläuterte dem Diplomaten, dass in der DDR angesichts des rapiden Verfalls der Wirtschaft, der Staatsfinanzen und der Regierungsautorität eine äußerst schwere Krise entstanden sei. Ein Kollaps der DDR sei nicht mehr auszuschließen, sagte ich ihm.

War ihm das verständlich zu machen?

Der alte Fuchs Kotschemassow, der sich sonst bei unseren Treffen alles immer hatte übersetzen lassen, verstand die Ausführungen auf Deutsch auf einmal sehr gut. Er hielt mir entgegen, die Industrie der DDR arbeite gut, die Versorgung sei zufriedenstellend und die Menschen dort wollten sich keinesfalls der Bundesrepublik in die Arme werfen.

Was war Ihre Reaktion auf diese offenbare ignorante Sichtweise des sowjetischen Botschafters?

Momper: Ich widersprach ihm, nannte weitere Zahlen und Fakten und

machte auch auf die schwierige Lage aufmerksam, in die die Westgruppe der sowjetischen Streitkräfte geraten könne, wenn im Falle einer krisenhaften Auflösung der DDR-Staatsorgane die Logistik zusammenbreche. Wenn dann die Armee ihre Verbindungslinien schützen müsse und bei der Bevölkerung der Eindruck aufkommen würde, die sowjetische Armee behindere den Prozess der deutschen Einheit, dann könnten leicht Konfrontationen entstehen, die ich den Deutschen und den Sowjets gerne ersparen würde. Das Gespräch war sehr hart. Aber offenbar gelang es mir, dem Botschafter einige Aspekte der DDR-Realität zu erschließ die er bisher so dramatisch nicht gesehen hatte.

Zeittafel: Der Weg zur Deutschen Einheit

 

13. August 1961: Die Mauer wird durch die Regierung der DDR gebaut. Sie teilt Deutschland und Berlin in zwei Teile.

3. Oktober 1989: 40-Jahrestag der Gründung der DDR

9. November 1989: SED-Politbüromitglied Günter Schabowski verkündet die Reisefreiheit. Die Mauer wird von Ost – wie Westberlin von Bürgern gestürmt. 28 Jahren nach ihrer Errichtung fällt die Mauer.

13. November 1989: Der Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow wird von der Volkskammer mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt.

3. Dezember 1989 - Unter dem Druck der SED-Basis treten das SED- Politbüro und das Zentralkomitee geschlossen zurück.

7. Dezember 1989 - Der Runde Tisch tritt zusammen.

19. Dezember 1989 - Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) trifft zu seinem ersten offiziellen Besuch in der DDR ein. In Dresden wird er begeistert empfangen.

15. Januar 1990 - Rund 2000 Demonstranten stürmen die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin. 100 000 demonstrieren vor dem Gebäude.

28. Januar 1990 - Vertreter der alten und neuen Parteien der DDR einigen sich auf die Bildung einer Übergangsregierung.

1. Februar 1990 - Ministerpräsident Hans Modrow legt in der Volkskammer ein Konzept zur deutschen Einheit vor, das auf militärischer Neutralität und föderalen Strukturen basiert.

7. Februar 1990 - Die Bundesregierung beschließt, der DDR umgehende Verhandlungen über eine Währungsunion anzubieten.

18. März 1990 - In der DDR finden die ersten freien Wahlen statt, aus der die konservative Allianz mit der CDU an der Spitze klar als Sieger hervorgeht.

12. April 1990 - Die erste frei gewählte Volkskammer wählt Lothar de Maiziere (CDU) zum Ministerpräsidenten.

23. April 1990 - Die Bonner Regierungskoalition einigt sich auf die Grundzüge eines Staatsvertrages zur Währungsunion.

5. Mai 1990 - Erste Runde der Zwei-plus-vier-Konferenzen mit den sechs Außenministern von USA, UdSSR, Großbritannien, Frankreich, Bundesrepublik und DDR in Bonn. Zentrales Thema ist die Bündnisfrage.

18. Mai 1990 - Unterzeichnung des Staatsvertrages zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion.

1. Juli 1990 - Die Währungsunion tritt in Kraft. Die DDR stellt auf D-Mark um. An der innerdeutschen Grenze fallen die Personenkontrollen weg.

2. Juli 1990 - In Ost-Berlin beginnen die Beratungen über den zweiten Staatsvertrag, den Einigungsvertrag.

16. Juli 1990 - Kohl und der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow verkünden den Durchbruch bei der Bündnisfrage. Deutschland bleibt nach der Vereinigung NATO-Mitglied.

22. Juli 1990 - Die Volkskammer billigt das Gesetz zur Wiedereinführung der Länder in der DDR.

23. August 1990 - Die Volkskammer beschließt den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober.

31. August 1990 - In Ost-Berlin wird der deutsch-deutsche Einigungsvertrag unterschrieben. Bundestag und Volkskammer billigen ihn am 20. September mit Zwei-Drittel-Mehrheiten.

24. September 1990 - Austritt der DDR aus dem Warschauer Pakt.

1. Oktober 1990 - Deutschland erhält die volle Souveränität. Die alliierten Vorbehaltsrechte für Berlin werden zum 3. Oktober außer Kraft gesetzt.

3. Oktober 1990 - Um 00.00 Uhr wird zu den Klängen des Deutschlandliedes vor dem Reichstagsgebäude in Berlin die schwarz- rot-goldene Flagge aufgezogen. Hunderttausende feiern auf den Straßen Berlins und in vielen anderen Städten die Deutsche Einheit.

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