Gorbatschow: Ikone der Revolution oder Symbol des Niedergangs?

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Am heutigen Tag wird Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der Sowjetunion und Vater der Perestroika, 85 Jahre alt. Im Westen als Friedensnobelpreisträger gefeiert, wird er in Russland vor allem für den Niedergang der Sowjetunion verantwortlich gemacht. Gorbatschow ist ein Politiker, der polarisiert.

Hans-Dietrich Genscher, Außenminister der BRD (1974 bis 1992)

„Michail Gorbatschow hat für ganz Europa eine neue Zukunft eröffnet. Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges hat er den Begriff vom gemeinsamen Haus Europa eingeführt. Er ist sich des gemeinsamen europäischen Erbes und der gemeinsamen Verantwortung der Europäer bewusst geworden. Und das in einem Augenblick, in dem viele im Westen hartnäckig an den Stereotypen des Kalten Krieges festhielten. Doch das große europäische Volk der Russen ist Teil der historischen und kulturellen Identität Europas. Davon war Gorbatschow stets überzeugt.“

*Aus der Rede von Genscher bei der Verleihung des Marion Dönhoff Preises an Michail Gorbatschow am 28. November 2010 in Hamburg.

Alexander Prochanow, russischer Schriftsteller

„Für mich ist Gorbatschow das Synonym des Bösen. Er ist das Symbol für den Zerfall meiner Heimat. Durch diesen Menschen haben wir einen Brocken an Unglück und Elend zu schlucken bekommen, den wir bis heute nicht verdauen können. Es ist das Scheitern einer großen Zivilisation, einer großen Techniknation, einer großen Wissenschaft, einer großen Kultur. Es ist das Scheitern einer ganzen Ausrichtung der russischen Geschichte.“

*Aus dem Interview des Schriftstellers für Perwyj Kanal am 3. März 2013

Françoise Sagan, französische Schriftstellerin

„Gorbatschow bleibt der Mensch, der den unvorstellbarsten, den sehnlichsten, den bis zum Äußersten verzweifelten Akt der Befreiung vollbracht hat. Er hat die Fesseln zerschlagen, das Joch niedergerissen, unter welchem Menschen von Angst gebändigt 75 Jahre lang existierten. Er befreite sie entschlossen und sehr schnell, ohne auch nur einen Tropfen Blut zu vergießen.“

*Aus einem Essay von Sagan über Gorbatschow, Oktober 1993

Nikita Michalkow, russischer Kinoregisseur

„Es ist notwendig, die Verbrechen Gorbatschows und Jelzins auf staatlicher Ebene anzuerkennen. Sie haben echte Verbrechen begangen. Ob willentlich oder unwillentlich, ob von Ambitionen getrieben oder nicht, darum geht es jetzt nicht. Ihre Verbrechen haben zum Zerfall unseres Landes geführt! Und das ist die größte geopolitische Katastrophe, die sich im vergangenen Jahrhundert ereignet hat.“

*Aus seinem Interview für die Nachrichtenagentur Interfax im Februar 2016

Bono, U2-Frontman

„Er hat etwas Ungewöhnliches an sich, eine Energie von unerklärlicher Kraft. Einige seiner Bewegungen, seiner Gesten erinnern an einen Boxer und sogar an einen Kämpfer. Dabei ist er ein Mensch mit großem Intellekt. Seine Denkweise ist ein mentales Judo. Denn was ist Judo eigentlich? Es ist nicht mehr, als die Kraft des Gegners gegen ihn selbst einzusetzen. Gorbatschow ist ein Politiker, der Russland gerettet hat, ohne einen eigenen Nutzen daraus zu ziehen.“

*Aus seinem Interview für Nowaja Gazeta im August 2010

Margaret Thatcher, britische Premierministerin (1979 bis 1990)

„Er ist relativ offen in seinem Auftreten und seinem Verstand. Er ist umgänglich und hat auch einen gewissen Charme und Humor. Ich fand, er war sicherlich jemand, mit dem man zu tun haben konnte. Irgendwie mochte ich ihn sogar.“

*Thatcher an den damaligen US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan nach dem Gorbatschow-Besuch in Großbritannien 1984 

Nikolaj Ryschkow, Regierungschef der UdSSR (1985 bis 1991)

„Jelzin und Gorbatschow – für beide hätte die große Macht tabu sein müssen. Das ist unser, auch mein Fehler. Denn ich habe Gorbatschow ebenfalls unterstützt, als er 1985 an die Macht kam. Auch andere unterstützten ihn, doch man hätte ihn nicht ans Ruder lassen dürfen. Dafür war er schlicht ungeeignet! Hätte es in der Sowjetunion den Posten eines Predigers gegeben, hätte er diese Aufgabe hervorragend gemeistert. Da hätte er stundenlang reden können. Aber lenken, planmäßig und ausgewogen ein Land führen konnte er nicht. Er ist sehr impulsiv, unorganisiert.“

*Aus seinem Interview für Odnako.org

François Mitterand, französischer Präsident (1981 bis 1995)

„Ich begrüße ihn als einen der hervorragenden Menschen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der das Aufkommen der Demokratie in seinem Land, das Ende des Kalten Krieges und die Abrüstung durchgesetzt hat.“

*Aus dem Buch Dmitri Jasows „Marschall der Sowjetunion

Anatolij Lukjanow, Vorsitzender des Obersten Sowjets der UdSSR (1990 bis 1991)

„Ein typischer Komsomol-Aktivist, der es nicht gewohnt war, selbstständig zu entscheiden. In seiner Welt sollten Kommunisten oder Mitarbeiter der Exekutivorgane die Entscheidungen treffen. Der schwersten Pflicht, die der Landesführung, waren seine Komsomol-Schultern nicht gewachsen.“

*Aus der Online-Zeitung Sobesednik, 24. August 2010

Eric Hobsbawm, britischer Historiker

„Meine Bewunderung für Michail Gorbatschow hält weiter an. Es ist eine Bewunderung, die von allen geteilt wird, die wissen, dass die Welt ohne seine Initiativen immer noch im Schatten eines Atomkrieges leben könnte.

Doch hat die Perestroika eine zweite russische Revolution hervorgebracht? Nein. Sie hat das auf der Oktoberrevolution aufbauende System zum Einsturz gebracht, gefolgt von einer Periode des sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ruins, von dem Russlands Menschen sich bislang keinesfalls gänzlich erholt haben. Die Überwindung dieser Katastrophe beansprucht inzwischen wesentlich mehr Zeit, als Russland gebraucht hat, um sich von den Weltkriegen zu erholen.“

*The Guardian, 9.März 2005

Lesetipps: Neun Bücher über die Perestroika

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